Das verlängerte und ereignisreiche Wochenende liegt nun
hinter mir und der wahre Ernst des Lebens beginnt am sonnigen Dienstag. Wieso
eigentlich Sonne? Zum Unistart und zur Examensvorbereitung hätte eher tristes
ins-Zimmer-einschließ-Regenwetter mit depressiven Sturmböen erwartet. Liegt
vielleicht daran, dass am ersten Tag natürlich kein Unterricht stattfindet,
sondern selbstverständlich gefeiert wird. In Kanada erfolgt es das mit einem
Showprogramm, Großbegrüßung und ganz klar einem Barbecue-Fest auf dem Campus.
In der großen Sporthalle wurden alle verwirrten Neuankömmlinge aufgesammelt und
mittels farbiger T-Shirts ihren Studiengängen zugeordnet. Bildung bekommt
natürlich die schönste Farbe von allen – kackbraun. Nach Farben sortiert durfte
man dann Platz auf der Tribüne nehmen und alle Leute mit kackbraunen T-Shirts
kennenlernen. „Und was machst du hier so? Ah auch studieren? Cool wir haben was
gemeinsam – unfassbar!“ Viel Zeit zum Beschnuppern blieb jedoch nicht, da zwei
aufgeweckte Studenten die Moderation begonnen hatten und mit mehr oder weniger
lustigen Kommentaren die Uni, die Lehrer und diverse Clubs der Universität
vorstellten. Mit viel Musik, einigen Gewinnspielen, immer nach gleichem Schema
ablaufenden Reden und selbstverständlich einem Cheerleaderauftritt wurde uns
die Uni schmackhaft gemacht. Als dann auch die Campustour vorbei war, ging es
in die eigentlichen Klassen der Studiengänge, um das Programm und die Lehrer
kennenzulernen.
Ab jetzt also Schluss mit lustig und dem albernen Rumgehüpfe
– jetzt wird studiert! Oder so ähnlich…
Meine Instructors, die mich durch das Educationprogram
begleiten würden, stellten sich als sehr freundliche, lockere und Professoren
die man mit Vornamen anspricht heraus. Auch hier eine kurze Begrüßung bei
Kaffee und Kuchen und einige Hinweise zum allgemeinen Ablauf und nicht zu
vergessen, der gemeinsame Kennlernurlaub. Kennlernurlaub? Ja klar, wieso nicht
die letzten zwei Tage der ersten Uniwoche mit Camping, lustigen Spielen und
Grillen in der Wildnis am See, anstatt im muffigen Seminarraum verbringen? Und
was ist mit meinem Biokurs am Freitag? - Ach das geht schon klar, haben wir für
dich geklärt. Und wie sieht das mit den Kosten aus? - Ist schon in den
Studiengebühren inbegriffen. Und ich brauche Campingausrüstung, ich habe nichts
hier. - Kein Thema, für alle internationalen Studenten haben wir extra
Ausrüstung. Mhm, naaa gut wenn’s also unbedingt sein muss, dann fahre ich halt
mit auf den Spaßtrip.
Zwei Tage später wurden alle sieben Sachen, in meinem Fall
drei (Kamera, Sonnenbrille und Sportschuhe), zusammen gepackt und in den quietschgelben
und für Nordamerika bekannten Schoolbus verladen. Juhu, ich wollte mich schon
immer mal wie ein High-School-Student aus einem klassischen Hollywoodfilm fühlen.
Ca. eine Stunde und mehrere englische Kinderlieder später war das Ziel
erreicht. Nordöstlich vom Stadtzentrum lag das Ecological-Outdoor-Camp am
wunderschönen McQueen Lake in den Bergen. Hier würden wir in rustikalen
Holzhütten nächtigen, umweltfreundliche Komposttoiletten nutzen,
Orientierungsläufe durch den Wald unternehmen, peinliche Kennlernspiele
spielen, mit Propangas gemeinsam kochen, Marshmallows am Lagerfeuer rösten und
die umliegende Natur mit einem Guide erkunden und bewundern. Und so idyllisch
wie es klingt, genauso ist es auch abgelaufen. Bis auf das mit der Übernachtung
in den Hütten hat irgendwie nicht geklappt. Die geplante Nacht in der Chipmunk-Chest-Hütte
wurde nach draußen unter freiem Himmel verlegt. Ohne Zelt versteht sich, das
ist schließlich nur was für verpimperte Europäer und nichts für echte Kanadier.
Okay, dann halt im Gras am See und hoffentlich ohne Regen. Statt Wassertropfen
regnete es zum Glück nur Sternschnuppen und statt eines Bären, trieb nur ein
flauschiges Eichhörnchen sein Unwesen. Im Fazit also ein vollkommen gelungener
Ourdoortrip. Die gesamte Lehrerschaft war dabei und hat jeden Spaß mitgemacht
und alle meine Kommilitonen sind ausnahmslos cool drauf und freundlich ohne
Ende. Oh Ja Kanada du gefällst mir, so kann es weiter gehen!
Um das wohlverdiente Wochenende nach dieser überaus anstrengenden
Uniwoche entsprechend einzuleiten, darf natürlich eine Partynacht in einem der
Nachtclubs in Kamloops nicht fehlen. Ganz unter dem Motto „Glow-Party“
leuchteten und tanzten hunderte von Studenten und anderes feierfreudige
Jungvolk wie unter Drogeneinfluss stehende Glühwürmchen im Scheinwerferlicht.
Wir, die Norwegerin Signe und ich, natürlich mitten drin.
Kurz bevor um 2 Uhr nachts die Schotten dann wieder dicht
gemacht wurden (oh man daran werde ich mich nie gewöhnen) stellten Signe und
ich uns schon mental auf den Heimweg ein. Glücklicherweise und wie soll’s auch
anders sein, lernten wir kurz vor Schluss noch eine Gruppe anderer
Leuchtstäbchen kennen, die uns auf eine Van-Party einluden. Nein, das ist kein
Schreibfehler, ich meine wirklich eine ‚Van’ und nicht ‚Lan-Party’. Das
Mysterium ist schnell geklärt: Man nehme eine handvoll Leute, etwas Alkohol
natürlich, ein musikfähiges Handy und ein Auto der Sorte Kleinbus (Van) und fertig
ist die Van-Party. Und welche verrückten Leute kommen bitte auf diese geniale Idee?
Neuseeländer natürlich!
Wo kommen nur bloß diese ganzen Kiwis her? Mittlerweile habe
ich das Gefühl, dass ich mehr Neuseeländer als Kanadier hier kennengelernt
habe. Denen ist ihr kleines hübsches Land wohl nicht mehr groß genug oder
vielleicht auch zu sehr von Deutschen überlaufen?!
Ich wurde zu meiner Freude jedoch akzeptiert und musste
somit meinen gewohnten Feierrhythmus nicht umstellen und konnte zu einer
angemessen Uhrzeit (5 Uhr) die Partynacht beenden – den Kiwis sei dank!
Da keinerlei Hausaufgaben, Vorbereitungen oder sonstige
Unannehmlichkeiten auf dem Zettel standen, konnte ich auch dieses Wochenende in
vollen Zügen genießen. D. h. raus in die Natur, ab an den See baden und rein in
die Wälder zum Wandern. Wie immer dabei meine wundervolle Gastfamilie, die mich
von einem Paradies in das Nächste chauffiert und mir alle schönen
Naturschauspiele und Aktivitäten eindrucksvoll und mit endloser Begeisterung präsentiert.
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