Weihnachten
und Prüfungen waren nun also vorbei und für viele meiner Mitstudenten die Tage
in Kanada gezählt. Allmählich verkümmelten sich alle in ein Flugzeug und flogen
in alle Erdteile der Welt. Diese traurigen Ereignisse muss man natürlich
irgendwie verkraften und wie sollte es besser gehen als mit Abschiedsparties?
Also lud Johannes wieder einmal die gesamte Stadt zu sich nach Hause ein,
später ging es dann in eine Bar und danach in den einzigen Nightclub in
Kamloops, der mit allen internationalen Studenten aus der Stadt gefüllt war. Im
Studentenwohnheim wurden dann alle lustigen Geschichten und Ereignisse noch mal
zum Besten gegeben und kaum hat man seinen Lachflash bändigen können, war es
auch schon 6:30 Uhr. Wann geht eigentlich noch mal mein Bus nach Victoria?
7:50? Oh verdammt. Jedoch Dank meiner zahlreichen spontanen Ausflüge war ich
mittlerweile ein Profi in Last-Minute-Packen und schaffte es in weniger als 90
Minuten nach Hause zu laufen, Sachen zu packen, zu duschen, ein Lunchpaket
vorzubereiten und bei der 20 Laufminuten entfernten Bushaltestellen pünktlich
anzukommen. Früher oder später würde ich daraus ein Geschäft machen und man
kann mich für Improvisationsmanagement und Timelogistics in der
Tourismusbranche mieten.
Jetzt
hieß es aber erstmal in den Bus steigen, Sachen verstauen und schlafen! Schlaflose
Nächte sind meiner Meinung nach immer noch die beste Art Jetlag und lange
Reisezeiten zu verhindern. Die fünf Stunden im Bus wurden dank merkwürdiger
Träume auf fünf Minuten reduziert und so fand ich mich in kürzester Zeit auf
der Fähre von Vancouver nach Victoria auf Vancouver Island wieder. Das war also
der Start meines lang geplanten Reiseabenteuers zusammen mit meinem
französischen Freund David. Mit ihm hatte ich schon mehrere Roadtrips nach
Banff und Jasper erlebt, doch da Mathias, Stéphane, Feli, Andi, Lenita. Christine
und alle anderen üblichen Verdächtigen schon längst wieder in der Schweiz,
Amerika, Neuseeland, Hawaii oder sonst wo sich Rumtreiben, blieben nur wir zwei
übrig. Unser 9 Tage Trip begann mit einem der schönsten Sonnenuntergänge in
Kanada. Die besagte Fähre zur Hauptinsel fuhr durch mehrere kleine idyllische
Schären und die untergehende Abendsonne färbte die unterbrochene Wolkendecke in
alle warmen Farben, die der Regenbogen zu bieten hat und tauchte die Inselchen
und den Himmel in eine paradiesische Atmosphäre. Trotz der kalten Temperaturen
verlieh mir dieses Naturschauspiel das Gefühl irgendwo in den Tropen unterwegs
zu sein.
Angekommen
in Victoria, der Provinzhauptstadt von Vancouver Island, wurde ich von den
überall in der Stadt verteilten rot-weißen Ahornflaggen in meinen Gedanken
schnell wieder in die kanadische Realität zurückgebracht. Die überschauliche
Innenstadt erinnerte nicht nur mit dem Namen an eine englische Stadt, sondern
auch mit ihren lebendigen und bunten Restaurants, Kaffeehäusern und den
irischen Kneipen in alten Gebäuden mit künstlerischen Fassaden. Der
unaufhörliche Regen trug ebenfalls zum Tea-Time-Charme bei. Am zweiten Tag
unserer Reise erkundeten David und ich die Stadt zu Fuß und hatten Frühstück
auf einem privaten Steg (psst nicht an die Eigentümer petzen) am Wasser
gegenüber vom Hafen, besuchten den Public Market im Herzen der Stadt,
schlenderten durch die schmale Fan-Tan-Alley in Chinatown und statteten dem
Beacon Hill Park mit seinen tausenden Enten einen Besuch ab. Hier fanden wir
auch den Meilenstein des Trans Canada Highway #1 vor. Die mit rund 7000Km lange
Schnellstraße, welche quer durch Kanada von Ost nach West reicht, stellt die
drittlängste Straßenverbindung in der Welt dar. (Russland und Australien nehmen
die ersten Plätze ein) Ein Foto von dieser mehr oder weniger unglaublich
faszinierenden Touristenattraktion darf natürlich im Sammelalbum nicht fehlen.
Abgeschlossen wurde die Tageswanderung in einem quirlig bunten Restaurant mit veganer Lasagne.
Abgeschlossen wurde die Tageswanderung in einem quirlig bunten Restaurant mit veganer Lasagne.
Nach der
zweiten Nacht in der gemütlichen und Schildkrötenliebenden Budgetunterkunft
namens „Turtle Hostel“ hieß es Goodbye in der Veganerfreundlichsten Stadt, die
ich bisher Besucht hatte. Viele weitere Reisekilometer standen auf dem Zettel
und diese würden mit unserem neuen komfortablen Freund „Black Jake“ (nein nicht
Black Jack) absolvieren. Ein fahrbarer Untersatz in welchem wir die nächsten
fünf Tage leben würden. Darfs dafür ein bisschen Luxus sein? Na aber klar doch!
Wie wärs mit einem Dodge Grand Caravan in black metallic, Siebensitzer, Klimaanlage,
Tempomat, Leichtmetallfelgen (keine Ahnung ob so was wichtig ist, aber klingt
in der Werbung immer cool) und Fernstartfunktion? Mhm jaaa klingt ganz gut,
aber wie siehts denn so mit Musik aus? Passend dazu hätten wir natürlich ein
komplettes Multimediasystem mit Monitor, Radio, USB- und Audiojackanschluss. Ja
okay, nehmen wir. Zum hier fahren oder mitnehmen? Mitnehmen! Und schon ging es
los.
Supi
aber wohin eigentlich? Joaaa gute Frage, einen richtigen Plan haben wir nicht gemacht,
aber immerhin im Hostel und den Restaurants die Locals nach Tipps gefragt und
alle waren sich einig, dass wir nach Tofino sollen. Das kleine Surferparadies
liegt auf einer Halbinsel im Südwesten der Hauptinsel. Doch ehe wir dahin
kommen, liegen noch viele andere kleine Örtchen und Schönheiten auf dem Weg.
Zum Beispiel Sooke, Lake Cowichan, Port Alberni und vor allem viel, viel Wald.
In Lake Cowichan haben wir am größten See der Insel eine Übernachtung eingelegt
und sind nach einem Frühstück am Ufer dem Tipp eines Anwohners in einer Kneipe
gefolgt und haben anstelle des Highways die unbefestigte Schotterstraße durch
die Pampa genommen. Hier draußen war auch wirklich niemand zu finden und die
Wetterverhältnisse änderten sich im Minutentakt. Regen, Schnee, Wind, Nebel.
Alles worüber sich das Meterologenherz erfreut, außer Sonne. Aber auf diese
Weise verwandelte sich der dichte Urwald in ein mystisches Szenario mit seiner
ganz eigenen Schönheit. Der Weg auf der Schotterstraße zog sich ziemlich lange
hin und so waren wir nach zwei Stunden doch recht froh wieder festen Asphalt
unter den Rädern zu haben.

