Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Inselabenteuer Part One

Weihnachten und Prüfungen waren nun also vorbei und für viele meiner Mitstudenten die Tage in Kanada gezählt. Allmählich verkümmelten sich alle in ein Flugzeug und flogen in alle Erdteile der Welt. Diese traurigen Ereignisse muss man natürlich irgendwie verkraften und wie sollte es besser gehen als mit Abschiedsparties? Also lud Johannes wieder einmal die gesamte Stadt zu sich nach Hause ein, später ging es dann in eine Bar und danach in den einzigen Nightclub in Kamloops, der mit allen internationalen Studenten aus der Stadt gefüllt war. Im Studentenwohnheim wurden dann alle lustigen Geschichten und Ereignisse noch mal zum Besten gegeben und kaum hat man seinen Lachflash bändigen können, war es auch schon 6:30 Uhr. Wann geht eigentlich noch mal mein Bus nach Victoria? 7:50? Oh verdammt. Jedoch Dank meiner zahlreichen spontanen Ausflüge war ich mittlerweile ein Profi in Last-Minute-Packen und schaffte es in weniger als 90 Minuten nach Hause zu laufen, Sachen zu packen, zu duschen, ein Lunchpaket vorzubereiten und bei der 20 Laufminuten entfernten Bushaltestellen pünktlich anzukommen. Früher oder später würde ich daraus ein Geschäft machen und man kann mich für Improvisationsmanagement und Timelogistics in der Tourismusbranche mieten.
Jetzt hieß es aber erstmal in den Bus steigen, Sachen verstauen und schlafen! Schlaflose Nächte sind meiner Meinung nach immer noch die beste Art Jetlag und lange Reisezeiten zu verhindern. Die fünf Stunden im Bus wurden dank merkwürdiger Träume auf fünf Minuten reduziert und so fand ich mich in kürzester Zeit auf der Fähre von Vancouver nach Victoria auf Vancouver Island wieder. Das war also der Start meines lang geplanten Reiseabenteuers zusammen mit meinem französischen Freund David. Mit ihm hatte ich schon mehrere Roadtrips nach Banff und Jasper erlebt, doch da Mathias, Stéphane, Feli, Andi, Lenita. Christine und alle anderen üblichen Verdächtigen schon längst wieder in der Schweiz, Amerika, Neuseeland, Hawaii oder sonst wo sich Rumtreiben, blieben nur wir zwei übrig. Unser 9 Tage Trip begann mit einem der schönsten Sonnenuntergänge in Kanada. Die besagte Fähre zur Hauptinsel fuhr durch mehrere kleine idyllische Schären und die untergehende Abendsonne färbte die unterbrochene Wolkendecke in alle warmen Farben, die der Regenbogen zu bieten hat und tauchte die Inselchen und den Himmel in eine paradiesische Atmosphäre. Trotz der kalten Temperaturen verlieh mir dieses Naturschauspiel das Gefühl irgendwo in den Tropen unterwegs zu sein.
 
 
 
 
 
 
 
 

Angekommen in Victoria, der Provinzhauptstadt von Vancouver Island, wurde ich von den überall in der Stadt verteilten rot-weißen Ahornflaggen in meinen Gedanken schnell wieder in die kanadische Realität zurückgebracht. Die überschauliche Innenstadt erinnerte nicht nur mit dem Namen an eine englische Stadt, sondern auch mit ihren lebendigen und bunten Restaurants, Kaffeehäusern und den irischen Kneipen in alten Gebäuden mit künstlerischen Fassaden. Der unaufhörliche Regen trug ebenfalls zum Tea-Time-Charme bei. Am zweiten Tag unserer Reise erkundeten David und ich die Stadt zu Fuß und hatten Frühstück auf einem privaten Steg (psst nicht an die Eigentümer petzen) am Wasser gegenüber vom Hafen, besuchten den Public Market im Herzen der Stadt, schlenderten durch die schmale Fan-Tan-Alley in Chinatown und statteten dem Beacon Hill Park mit seinen tausenden Enten einen Besuch ab. Hier fanden wir auch den Meilenstein des Trans Canada Highway #1 vor. Die mit rund 7000Km lange Schnellstraße, welche quer durch Kanada von Ost nach West reicht, stellt die drittlängste Straßenverbindung in der Welt dar. (Russland und Australien nehmen die ersten Plätze ein) Ein Foto von dieser mehr oder weniger unglaublich faszinierenden Touristenattraktion darf natürlich im Sammelalbum nicht fehlen.
Abgeschlossen wurde die Tageswanderung in einem quirlig bunten Restaurant mit veganer Lasagne.
 
 
 
 
 
 

Nach der zweiten Nacht in der gemütlichen und Schildkrötenliebenden Budgetunterkunft namens „Turtle Hostel“ hieß es Goodbye in der Veganerfreundlichsten Stadt, die ich bisher Besucht hatte. Viele weitere Reisekilometer standen auf dem Zettel und diese würden mit unserem neuen komfortablen Freund „Black Jake“ (nein nicht Black Jack) absolvieren. Ein fahrbarer Untersatz in welchem wir die nächsten fünf Tage leben würden. Darfs dafür ein bisschen Luxus sein? Na aber klar doch! Wie wärs mit einem Dodge Grand Caravan in black metallic, Siebensitzer, Klimaanlage, Tempomat, Leichtmetallfelgen (keine Ahnung ob so was wichtig ist, aber klingt in der Werbung immer cool) und Fernstartfunktion? Mhm jaaa klingt ganz gut, aber wie siehts denn so mit Musik aus? Passend dazu hätten wir natürlich ein komplettes Multimediasystem mit Monitor, Radio, USB- und Audiojackanschluss. Ja okay, nehmen wir. Zum hier fahren oder mitnehmen? Mitnehmen! Und schon ging es los.
Supi aber wohin eigentlich? Joaaa gute Frage, einen richtigen Plan haben wir nicht gemacht, aber immerhin im Hostel und den Restaurants die Locals nach Tipps gefragt und alle waren sich einig, dass wir nach Tofino sollen. Das kleine Surferparadies liegt auf einer Halbinsel im Südwesten der Hauptinsel. Doch ehe wir dahin kommen, liegen noch viele andere kleine Örtchen und Schönheiten auf dem Weg. Zum Beispiel Sooke, Lake Cowichan, Port Alberni und vor allem viel, viel Wald. In Lake Cowichan haben wir am größten See der Insel eine Übernachtung eingelegt und sind nach einem Frühstück am Ufer dem Tipp eines Anwohners in einer Kneipe gefolgt und haben anstelle des Highways die unbefestigte Schotterstraße durch die Pampa genommen. Hier draußen war auch wirklich niemand zu finden und die Wetterverhältnisse änderten sich im Minutentakt. Regen, Schnee, Wind, Nebel. Alles worüber sich das Meterologenherz erfreut, außer Sonne. Aber auf diese Weise verwandelte sich der dichte Urwald in ein mystisches Szenario mit seiner ganz eigenen Schönheit. Der Weg auf der Schotterstraße zog sich ziemlich lange hin und so waren wir nach zwei Stunden doch recht froh wieder festen Asphalt unter den Rädern zu haben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Was uns dann in Port Alberni erwartete, berichte ich im zweiten Teil.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Es weihnachtet sehr


Wir schreiben den 6. Dezember, es ist Freitag und es herrscht aufgeregtes Gewusel im Hause Kamloops. Nicht weil Nikolaus ist – viel besser – es ist Weihnachten!! Ja genau, mit Weihnachtsbaum, Festessen, Christmassongs und Geschenken. Das volle Programm. Es ist die Pre-Christmas-Party meiner Gastfamilie, da es der einzige Tag vor Weinachten ist, wo wir alle noch Einmal zusammen kommen und einen gesamten Tag zusammen mit kochen, Spielen und Besinnlichkeit verbringen. An den eigentlichen Weihnachtstagen fährt meine Gastmutter nämlich zu ihren Eltern nach Vancouver und mein Gastvater und –Bruder müssen leider alle Festtage arbeiten und auch ich würde die Familie vorher verlassen, daher also heute das große Fest. Christine und Grant hatten den Tag frei, um alle nötigen und leckeren Vorbereitungen für den Abend zu treffen und pünktlich zum Abendessen kamen Kyle und Gail vorbei. Futter und Geschenke gab es reichlich, daher einigten wir uns zwischen jedem Essensgang eine Geschenk-Auspack-Pause einzulegen. Gesagt getan.
Wir starteten mit einem Guacamole-Snack als Appetitanreger und einer großen Box für Grant. Nachdem mein Gastvater Stück für Stück seine historischen Kostbarkeiten auspackte, gab es einen köstlichen Erdnuss-Rosenkohl-Salat mit frisch gebackenem Brot und homemade Cashewaufstrich. Zum Hautgang folgten Pullover, Hosen, sowie überbackene und mit Gemüse gefüllte Manicotti. Im Anschluss wurden die typischen Christmas Cracker gezündet, die wie große, bunte Bonbons aussehen und wenn man daran zieht einen Knall von sich geben und ihren Inhalt mit kleinen Geschenken und Zetteln überall im Raum verteilen. Als diese erfolgreich eingesammelt wurden, gesellten wir uns alle um den Weihnachtsbaum und öffneten die restlichen Geschenke. Popcornmaschinen, Decken, Alkohol und Musik wurden gegenseitig überreicht. Das Geschenk für meine Gastfamilie stellte für mich eine kleine Herausforderung dar. In all der Zeit, die ich hier verbringen durfte haben sie so viel für mich getan und mir ihr Land auf wunderbare Weise gezeigt und meine Zeit extrem versüßt. Was könnte ich da als angemessene Gegenleistung erbringen, um meine Dankbarkeit entsprechend zum Ausdruck zu bringen? Zwischen der Prüfungsvorbereitung habe ich mir tagelang den Kopf darüber zerbrochen und mich letztendlich für einen selbst gebastelten Jahreskalender entschieden. Die Idee ist mittlerweile zwar schon etwas ausgelutscht, aber doch immer wieder eine Freude. Fotos hatte ich mehr als genug und so schnipselte ich diese mehr oder weniger künstlerisch zusammen und wollte auf diese Weise meinen Aufenthalt hier dokumentieren und die tolle Zeit mit Erinnerungen würdigen. Wanderungen, Ausflüge, Picknicks, Spiele- und zahlreiche Filmabende wurden stets fleißig von mir fotographisch festgehalten und nun kam der Moment sie zu präsentieren. Zusammen mit einem Gesellschaftsspiel, einem Brief und einem kleinen Fotoalbum überreichte ich den Kalender und die Freude war groß. Als ich die strahlenden und staunenden Gesichter gesehen habe, kam Freude und Erleichterung in mir auf. Scheint so als hätte ich meinen Zweck erfüllt.
Im Anschluss durfte ich dann endlos viele kleine Päckchen auspacken. Ich wurde praktisch mit Geschenken überhäuft und hätte nie gedacht, dass meine Familie sich so viel Mühe und Gedanken darüber gemacht hat. Nun darf ich einen kuschelig weichen Schal mein neues Lieblingsaccessoire nennen, sowie mich über eine sportliche Laufjacke, Thermoleggins, eine  selbst gestrickte Mütze (yey Nummer 6), Reiselautsprecher, Skisocken, frisch gebackene vegane Erdnuss-Choclate-Chip-Cockies und, was wohl am Wichtigsten ist, einen langen Brief mit unglaublich herzlichen und schmeichelnden Worten freuen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele Geschenke bekommen habe. Dementsprechend groß war meine Freude darüber. Um die ganze herzliche Zeremonie abzurunden gab es Gruppenkuscheln mit einer Gemeinschaftsumarmung.
Nachdem die Geschenkpapierüberreste beseitigt wurden, versammelten wir uns um das Kaminfeuer und sangen gemeinsam alle möglichen kitschigen Weihnachtslieder, die es auf diesem Planeten gibt. Begleitet von Grants Gitarrentalent verbrachten wir den restlichen Abend damit lustige Geschichten zu erzählen, zu singen und sorgfältig Kekskrümel auf dem Sofa zu verteilen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Leider geht irgendwann auch das schönste Weihnachtsfest vorbei und so gingen wir alle überglücklich und müde ins Bett. Diesen tollen Tag werde ich noch lange in Erinnerung behalten und bestimmt auch im hohen Alter daran zurückdenken!

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gedankenversunkener Semesterferienstart

Zurück aus Whistler gab es dann eine Woche voller Ereignisse und das Wichtigste war dabei wohl die Abschlussprüfung in Biologie. Nachdem ich natürlich ganz fleißig im Skilift und im Auto gelernt habe… Wurde der Montag und Dienstag auch mit den Büchern und Heftern verbracht. Zwischendurch musste ich noch eine Reflektion für meinen letzten Sportkurs am Dienstagmorgen schreiben und in den Pausen mir Gedanken über ein Weihnachtsoutfit für die anschließende Weihnachtsparty des Education-Courses machen, die gleich im Anschluss an die Prüfung stattfinden würde. Ich bin also top vorbereitet mit einem Zeitmanagement, wovon alle Studenten nur träumen, zur Prüfung gegangen. Frisur, Kleid und lateinische Biobegriffe sitzen perfekt und ich war bereit. Entspannt und zuversichtlich bin ich also zur Prüfung gegangen, doch als ich dann beim Raum ankam begrüßte mich gähnende Leere. Irgendwas war komisch. Keine panischen Studenten die wild mit ihren Lernzetteln umherwedeln, keine zusammenbrechenden Chinesen, die dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind und natürlich auch keine Ausschilderung an der Tür. Mhm Mist. Nun war ich so gut vorbereitet und stand vor einer verschlossenen Tür. Menschenleere alle Gänge entlang. Verdammt, stand im Internet nicht dass die Prüfungen in anderen Räumen geschrieben werden? Na zum Glück hab ich noch ganze 8 Minuten Zeit den richtigen Raum herauszufinden. Also bin ich zum nächsten Computer gerannt und habe verzweifelt auf sämtlichen Internetseiten nach dem Raum gesucht. Selbstverständlich war mein Kurs im allgemeinen Prüfungszeitplan nicht aufgelistet und natürlich war auch auf meiner Bioseite nichts zu finden. Stattdessen habe ich Panikzustände bekommen, als ich irgendwas vom 30. November und 2. Dezember gelesen hatte. Okay die Prüfung war also gestern? Kann eigentlich nicht sein. 19.05 Uhr habe ich dann endlich die erlösende Information zufällig irgendwo am Rand gefunden und bin so schnell es geht zur Turnhalle geflitzt. Frisur und Kleid sitzen jetzt bestimmt nicht mehr, aber ich habe es geschafft. Glücklicherweise wurden die Pforten zur Halle erst um 7 Uhr geöffnet und ehe sich alle 300 Studenten mit Zetteln organisiert und platziert hatten, konnte ich noch pünktlich in den Raum stolpern und mir einen Tisch ergattern. Okay Blutkreislauf ist in Gang, dann kann es also los gehen.
Nach zwei Stunden waren die rund 100 Fragen zum Knochenaufbau, Muskelfunktion und Nervenzellen nach bestem Können beantwortet und ich konnte erleichtert zur Weihnachts- und Abschlussparty meines Education Kurses auf dem Unigelände gehen. Mit angekündigter Verspätung bin ich dann dort eingetrudelt und die Stimmung war schon im vollen Gange. Zusammen mit allen Klassenmitgliedern, die fast ausschließlich alle aus Kanada kommen, wurden Geschenke ausgetauscht, gelacht und getanzt. Mic, der Snowboard-Australier, und ich waren die einzigen Internationalen Stundenten und so wundert es auch nicht, dass wir die meiste Zeit des Abends zusammen verbracht haben.
 

Education Class
 
Devon and me :)

Der Tag nach der Party war dann mein offizieller Semesterferienbeginn, welchen ich bereits mit Plänen voll gepackt habe. Zum Mittagessen ist Mathias vorbei gekommen, um veganes Essen zu erfahren und auch um uns gegenseitig zu verabschieden, da er bald seinen Flug zurück nach Zürich antreten würde. Für allzu lange Zeit würden wir uns jedoch nicht trennen, da ein Besuch in der Schweiz für nächstes Jahr schon längst mit den Anderen aus unserer Gruppe geplant ist.
Als ich mich gerade im sentimentalen Zustand der Realisierung befand, dass die Tage in Kamloops gezählt sind und man viele Gesichter für sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde, klingelte der Postbote an der Tür und brachte den entsprechenden Trost. Ein großer Briefumschlag mit meinem Namen darauf wurde geliefert und von mir auch gleich aufgerissen. Darin vorgefunden habe ich dann zahlreiche kleinere Briefe, Fotos und selbst gemalte Bilder. Die leicht seltsam feuchten Augen des Abschieds haben sich sogleich in Freuden-Feuchte verwandelt und ich konnte mein Grinsen und Lächeln über die lieben Worte von Zuhause nicht zurückhalten. Wie ein Smartieskeks auf LSD bin ich durchs Haus gehüpft und habe mir die endlosen Zeilen von meinen Hamburger-Studien-Mädels durchgelesen. Stets dabei die handgestrickte Mütze von Jasmin auf dem Kopf, die sich im Paket ebenfalls befand. An dieser Stelle nochmals vielen lieben Dank an Jasmin, Nina, Alina, Marie, Winnie, Julienne und Kathi, und auch an Sönke, der einen Brief mitgeschmuggelt hat. Ich habe mich bis ins unendliche darüber gefreut! Und auch ein Dankeschön an meine Kamloops-Nachbarn, die mich durchs Fenster sehen konnten und trotzdem nicht die Polizei oder die Psychiatrie benachrichtigt haben. Den Grund für meine hysterische Freude könnt ihr auf dem Foto nachvollziehen.
Mit der 5. Mütze von Jasmin, war es dann auch Zeit ein Gruppenfoto mit meinen bunten Kopfbedeckungslieblingen zu schießen. Ich bin mit nur einer Mütze (die Weiße, welche ich in Australien gekauft habe) hergekommen und komme mit mindestens fünf wieder zurück nach Deutschland. Kann man als Beweis gelten lassen, dass es kalt in Kanada ist – finde ich. Aber das Schönste an den Mützen ist, dass jede eine eigene individuelle Geschichte besitzt, die ich mit Kanada, aber auch mit anderen Orten und Ereignissen verbinde. Damit quäle ich dann meine Ekelkinder!
 
 

Am Abend wurde ich dann von Shipa aus Bangladesh, einer meiner Kommilitonen, zum Abendessen bei sich Zuhause eingeladen. Extra für mich machte sie sich die Mühe mir ein veganes Mahl zu zaubern und es ist ihr mehr als gelungen. Bei Kartoffelreis, selbst gebackenem Brot und Currygemüse habe ich dann mehr über ihre Herkunft und Kultur erfahren und konnte in vertrauter Atmosphäre ganz offen über ihre Krebserkrankung und ihre arrangierte Heirat reden. Diese Art von Gespräch habe ich wohl noch nie zuvor gehalten und ich schätze es sehr, dass Shipa mir einen intimen Einblick in viele verschiedene Seiten aus ihrem Leben gegeben hat. Den Krebs hat sie glücklicherweise seit einem Jahr erfolgreich bekämpft und fühlt sich mit ihren zwei jungen Söhnen wieder vollkommen wohl in Kanada, was zuvor nicht immer der Fall war. Bei der Unterhaltung beleuchtete sie mir alle Vor- und Nachteile aus ihrer Kultur und dank ihr habe ich auch ein besseres Verständnis für den Familiensinn in Indien und anderen östlichen Ländern erhalten. Ich denke für die meisten Europäer und westlichen Staaten ist es ziemlich unverständlich wie andere Personen für Einen entscheiden mit welchem Menschen man eine Familie zu gründen und den Rest seinen Lebens zu verbringen hat. Es ist nach wie vor schwer für mich nachzuvollziehen, aber ich denke ich habe den Grundgedanken dahinter zu schätzen gelernt. In diesen Ländern hat der Familienzusammenhalt den höchsten Stellenwert und es geht nichts über das Wohl der eignen Verwandten. Daher wird mit einer arrangierten Heirat auch dafür gesorgt, dass der Ehegatte den (vor allem finanziellen) Bedürfnissen der Familie entspricht und gut in die eigene Familienphilosophie und den sozialen Stand passt. Zu diesem Anlass gibt es deswegen auch zahlreiche Feste und Familienveranstaltungen, die heilig sind. In Bangladesh und in Indien gibt es zudem keine Altenheime und es existiert die geringste Scheidungsrate weltweit, da man dort nur das Beste für seine Kinder und Eltern im Sinn hat. Es wird mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass die Kinder eine wohlbehütete und unbeschwerte Kindheit haben und da passt eine Scheidung so gar nicht ins Bild. Auch für die Eltern soll gesorgt sein und daher ist es eine Selbstverständlichkeit diese bei sich Zuhause aufzunehmen, als zu irgendwelchen fremden Leuten in Pflegestationen zu schicken und praktisch abzuschieben. Man könnte über dieses interessante Thema noch seitenlang diskutieren und die einzelnen Aspekte genauer beleuchten, aber was ich für mich persönlich aus dem Gesprächabend mitgenommen habe ist, dass der Familiengedanke eigentlich mehr oder weniger verloren geht in den westlichen Ländern. Wir werden in unserer materiellen Gesellschaft zu Einzelkämpfern großgezogen und da wundert es auch nicht, dass jeder auf sein eigenes Wohl zunächst bedacht ist. Es scheint bei uns auch ganz gut zu funktionieren und ins System zu passen, aber einen weiteren Gedanken, was Familie eigentlich genau bedeutet und wie wir es äußern ist doch schon einen Gedanken mehr wert. Das Gespräch mit Shipa war sehr faszinierend und hat in mir definitiv den Wunsch ausgelöst ihr Land zu bereisen und noch mehr über die Mentalität und die Leute zu erfahren. Gut, dass ich noch einige Lebensjahre vor mir habe :)
 
Als Kontrastprogramm zum tiefsinnigen Nachdenken, wurde ich dann von Conny, John und Lukas zum Karaokeabend abgeholt, um auch Conny zu verabschieden und sie nächstes Jahr in Österreich zu besuchen.
 
Zum Abschluss des an Fotos mangelnden Blog-Eintrages gibt es zum Ausgleich noch ein nettes timelapse GoPro-Video (thanks Stéph) von der letzten Party als Johannes Geburtstag bei sich gefeiert hat. Viel Spaß beim Anschauen.
See ya.

Samstag, 7. Dezember 2013

W wie wundervoll, weltklasse, Wahnsinn, Whistler

Wochenrückblick
Montag:  lernen, essen, schlafen
Dienstag: schlafen, lernen, essen
Mittwoch: last-minute lernen, Labor-Prüfung schreiben, ‚The Race’ mit Familie gucken
Donnerstag: Uni, Abschieds-Dinner und –Party von Signe und Ayda aus Norwegen
Freitag: Mit exakt 0% Schlaf um 7.30 Uhr von John abgeholt werden und dank flüssigem Hopfen deutlich angeheitert nach Whistler fahren.
 

Nun war es also endlich soweit, mit Conny, Flo, Lukas aus der Schweiz, John aus Taiwan und Louise und Peter aus Dänemark machten wir uns mit guter Laune zum größten, berühmtesten und besten Skigebiet in Kanada. Die vierstündige Fahrt nach Vancouver, unserem Zwischenstopp, verging wie im Flug, was wohl den gemütlichen Autositzen und meinem Nachholbedarf an Sandmännchensand (tolles Wort) zu verdanken ist. Der Plan war es zunächst nach Vancouver zu fahren, um die heimischen Bergen, die sich immer malerisch auf allen Fotos in den Hintergrund der Metropole schmiegen, nun persönlich zu erkunden. Skifahrend versteht sich. Auf Grouse Mountain gibt es die Möglichkeit des Nacht-Skifahrens, was so viel bedeutet, dass alle Strecken beleuchtet sind und man somit bis 10 Uhr nachts wortwörtlich auf Piste ist. Damit wir nicht wie die letzten Assis unsere sexy Unterwäsche auf dem Parkplatz beim Wechsel in die Skiklamotten präsentieren müssen, entschlossen wir uns eine Freundin von John zu besuchen, wo wir neben einem netten Plausch bei Kaffee und Tee auch den Komfort von geschlossenen Räumen nutzen konnten. Nach dieser kurzen Stärkung sollte es dann weiter gehen nach Nord-Vancouver, wo die Berge uns schon sehnsüchtig erwarteten. Doch bevor es wieder ins Auto ging, machten wir noch eine unterhaltsame Entdeckung. Wie wir aus Erfahrung mittlerweile alle wissen, machen lange Autofahrten auf Dauer blöd und Spaß-erfinderisch. Im Kofferraum unseres Mietwagens entdeckten wir nämlich eine ausgefallen Funktion, die es wohl nur in Nordamerika gibt und hier anscheint auch einen gewissen Sinn erfüllt. Keine Ahnung ob das neonleuchtende Zieh-Ding einen gesonderten Namen besitzt, falls nicht taufe ich es hiermit „Hangover-Rettung“. Mit diesem Teil kann man sich als eingesperrte Person mühelos selbst befreien. Wer kennt diese klassische Situation nicht: eines Morgens wacht man total ahnungslos im Kofferraum eines fremden Wagens auf und weiß nicht was zu tun ist. Normalerweise würde man jetzt hysterische Panikattacken mit Schnappatmung bekommen, aber Dank der wunderbaren Erfindung kann man einfach daran ziehen und der Kofferraum öffnet sich kinderleicht von selbst und man kann ganz einfach rausspringen und ist wieder in der Freiheit. (Siehe Hangover Teil 1) Nun dürft ihr dreimal raten was wir gemacht haben… nein wir haben niemanden gekidnappt, das wäre zu viel Aufwand, dafür haben wir uns gegenseitig im Kofferraum eingesperrt und jeder durfte sich einmal befreien. Das Ziehding ist unglaublich, es leuchtet sogar im Dunkeln und da der Kofferraum recht groß ist und sich darin viele kuschelige Skijacken befanden, war es sogar recht gemütlich und einladend. Nächstes Mal schlaf ich dort anstatt auf den Vordersitzen.
 
 
 

 
So Kinder, nur aber genug des Schwachsinns, jetzt hieß es wieder ernst sein und ab zum Berg. Mit Vorfreude dort angekommen, hat es natürlich angefangen zu regnen und als wir uns am Ticketschalter über die Wetterverhältnissen auf dem Gipfel erkundigten, stellte sich heraus, dass nur zwei recht kleine Pisten geöffnet sind und der Schnee auch recht matschig sei. Mhm klingt nicht wirklich nach dem super Schneeerlebnis und die 40$ sollten wir vielleicht doch schlauer investieren. Z. B. in Glühwein, Bratwurst und gebrannte Mandeln, denn eine Alternative war schnell gefunden: ein deutscher Weihnachtsmarkt der sich Downtown befindet. Es ist natürlich nichts nahe liegender, als in Kanada auf einen heimischen Weihnachtsmarkt zu gehen, wozu fliegt man denn sonst 10 Stunden quer über den ganzen Atlantik? Doch bevor wir die Karussell- und Kartoffel-Atmosphäre genießen konnten, wollten wir uns aus den schweißtreibenden Skiklamotten befreien und angemessen kleiden. Was dann also so viel heißt, wie die letzten Assis unsere Unterwäsche auf dem Parkplatz zu präsentieren.
 
Nachdem wir uns an Brezeln und veganen Keksen satt gegessen und am deutschen Akzent von den Standbetreibern satt gehört haben, war es auch schon recht spät und wir fuhren die letzten zwei Stunden nach Whistler. Dort angekommen gab es neben dem aufgeweckten Check-In-Menschen nichts Spannendes und wir verkrümelten uns allesamt zum Schlafen. Bis morgen früh.
 
Der folgende Tag war dann sehr aufregend für mich, da ich endlich mein Traum-Skigebiet kennenlernen würde. Meine Erwartungen waren hoch, aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich nicht enttäuscht werden würde. Bevor aber der Spaß beginnen kann muss man sich erstmal in die ewig langen Warteschlagen einreihen und geduldig darauf warten seinen Saisonpass abzuholen. Stellt mit guter Laune und freundlichen Kanadiern kein Problem dar. Anders ist es jedoch wenn der Tag etwas stressiger anfängt. Lukas z. B. unser möchtegern-Schweizer (mag keinen Käse, isst nicht gerne Schokolade, besitzt kein Schweizer-Taschenmesser und kennt keine Germknödel – ich glaub er ist ein Spion der sich nur als Schweizer ausgibt…) hat diesen Tag das Pech etwas verfolgt. Es fing damit an, dass er seine Skihose nicht finden konnte und beide Autos durchgesucht hat, als er dann noch mal gründlich im Hostelzimmer nachschauen wollte, hat er sich aus dem Zimmer ausgesperrt und ließ uns alle vorfahren, damit er es in Ruhe klären kann. Als wir ihn später beim Skiverleih trafen, teilte er uns mit, dass er nicht genug Kleingeld für den Skibus hatte, aber glücklicherweise der Busfahrer ein Auge zugedrückt hat. Der Skiverleih zog sich ewig hin, sodass wir uns einigen ihn auf der Bergstation zu treffen. Während wir anderen also schon unseren Weg durch den Schnee machten, ging der Warte-Alptraum für Lukas weiter. Das Wetter war mit schlechter Sicht und vielen Schneeflocken eher suboptimal, aber so war wenigstens nicht so viel los auf den Pisten und man konnte den gesamten Platz für sich beanspruchen. Als wir uns zwei Stunden später dann mit Lukas an der Bergstation treffen wollten und ihn total verwundert überall vergeblich gesucht haben, stellte sich raus, dass Lukas den falschen Berg hinaufgefahren ist. Während wir also in Whistler auf ihn warteten, befand er sich in Blackcomb. Ja ist schon verwirrend wenn sich an der Talstation gleich zwei Gondeln befinden, aber zum Glück gibt es die berühmte Peak-to-Peak-Gondola mit welcher Lukas mühelos die 4,4Km zum benachbarten Berg schweben konnte, ohne erst wieder zurück zum Tal zu müssen. Die sich auf 2181m und 2436m befindlichen Bergstationen sind die größten Seilbahnstationen der Welt mit den 28Mann-Gondeln kann man die wunderschöne Landschaft über dem Tal des Fitzsimmons Creek gemütlich bewundern. Lukas konnte also diese einmalige Attraktion genießen und wir anderen waren in der Zeit voller Freude mit der Pistenerkundung beschäftigt und fuhren Ski was das Zeug hält. Lukas hingegen musste am letzten Lift ganze 10 Minuten in eisiger Höhe verharren, da der Sessellift für kurze Zeit außer Betrieb war. Macht bestimmt Riesenspaß, wenn der Lift kein Verdeck hat und Schneesturm herrscht. Armer Kerl. Als wir ihn dann halb eins endlich getroffen hatten, war seine Laune entsprechend unerfreut. Bis dahin ist er praktisch noch keine einzige Piste und nur von Lift zu Lift gefahren, also haben wir ihn gleich eingepackt und sind mit ihm einige Runden runtergebrettert, bevor es dann zum verdienten Mittagessen ging. Was für Lukas bisher ein Alptraum war, war für mich ein Paradies. Es waren zwar nur wenige Pisten und Lifte geöffnet und das Wetter nicht gerade karibisch traumhaft, aber es war ja auch gerade Mal der erste Tag und trotzdem genug Pisten um ordentlich Skizufahren. Als absolute Krönung habe ich in der Skihütte als Saisonpass-Besitzer nicht nur 25% aufs Essen bekommen, es gab auch noch mehrere verschiedene vegane Gerichte. Extra ausgeschildert, verhältnismäßig günstig und verdammt lecker! Und während ich mich durch meine marokkanische Erdnuss-Süßkartoffel-Suppe löffelte, beschloss ich den gesamten Januar hier zu verbringen.
Nach der Talabfahrt führte uns dann der Weg direkt zur gegenüberliegenden Kneipe, wo sich bei lauter Gutelaune-Musik schon sämtliche Skischuh-Tänzer und Rollkragenpullis beim Biertrinken feucht fröhlich versammelt hatten. Das Aprés-Ski-Bier konnten wir natürlich nicht auslassen. Noch ein Pluspunkt für Whistler, denn in Sun Peaks hatten wir vergeblich nach so einer Örtlichkeit gesucht. Lukas Unglück sollte auch in der Bar weiter seinen Lauf nehmen und so bestellte er sich Bier und bekam alkoholisierte Brause, als er anschließend dann die Brause bestellte bekam er Bier. Der arme Kerl muss das Universum ganz schön verärgert haben.
Später im Hostel machten wir uns alle fertig, um gemeinsam Abendessen zu gehen. Lukas hat es unterdessen wieder geschafft das Unglück herauszufordern, denn seine Schlüsselkarte zum Zimmer funktionierte nach dem Duschen nicht mehr und so musste er halbnackt zur Rezeption laufen und das Problem klären. Die Lacher waren definitiv auf seiner Seite. Beim gemütlichen Abendessen war er der hungrigste von uns und durfte natürlich als Letztes auf sein Essen warten, aber danach war dann der Spuck endlich vorbei und damit auch der Tag. Zum Abschluss unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch das rustikale Dörfchen, wo wir auf zahlreiche verrückte Menschen trafen, die sich in den Straßen zum Rappen, Tanzen und Spaß haben versammelten. Da mischten wir natürlich mit und okkupierten unter anderem einen gebrauchten Bob vor einem Restaurant. Danach gingen wir jedoch müde und die einen glücklicher als die anderen ins Bettchen.
 
 
 
 
 

Der nächste Morgen war genauso regnerisch im Tal wie am Tag zuvor, aber entschlossen nun die andere Bergseite zu erkunden, ließen wir uns davon natürlich nicht abschrecken und fuhren zur Talstation, wo wir mehrere Touristen auffanden, die wegen des Wetters verzweifelt versuchten ihre Tagestickets zu verkaufen. Wir wollten zumindest Mal einen Blick auf das Gebiet werfen und fuhren daher hoch motiviert hinauf. Zunächst war es ziemlich nebelig und ein kalter Wind wirbelte Schnee auf, was die Sicht etwas einschränkte, aber gleichzeitig entdeckten wir blaue Hoffnung am Himmel. Die ersten zwei Abfahrten waren von den Schneeverhältnissen perfekt, da der Schneefall der letzten Nacht die Pisten puderweich und fluffig gemacht hat. Bei unserer dritten Abfahrt kam dann das große Aufatmen, der starke Wind hat die Wolkendecke so weit weggepustet, dass wir die Sonne zu Gesicht bekamen und den klassischen „über-den-Wolken-Blick“ hatten. Die Leute im Tal quälten sich mit Regenschauern und schlecht-Wetter-Laune, doch wir standen über der Sache und bruzelten uns mit der Panorama-Aussicht im Sonnenschein. Dieser Nachmittag sollte perfekt werden. Aufgrund der schlechten Aussicht blieben die Weichei-Skifahrer im Tal und wir konnten die zahlreichen Pisten, die warmen Sonnenstrahlen, den frischen Tiefschnee und freien Sitzplätze in der Berghütte nur für uns ausnutzen – herrlich! Probieren geht halt über Studieren und in dem Sinne meisterten wir auch schwarze unpräparierte Tiefschneepisten und legten beeindruckende Sprünge über extra angelegte Schanzen im Funpark hin. Traumhaft! Ich war überglücklich und kann den Januar nun kaum erwaten.
Leider geht auch der schönste und aufregendste Tag vorbei und als die Skilifte geschlossen waren machten wir uns auf dem Sea to Sky Highway mit einer wundervollen Fjordlandschaft beim Sonnenuntergang zurück nach Kamloops. Vorher wurde jedoch Lukas Skihose bei der Freundin von John abholt, die der Hans dort vergessen hat.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Fazit für mich: ich habe endlich einen Plan! Nachdem ich etwas planlos in Richtung der zukünftigen nächsten Monate geschaut habe, steht für mich nun fest, dass ich einen Großteil der Zeit im schönen Whistler verbringen werde.