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aus Whistler gab es dann eine Woche voller Ereignisse und das Wichtigste war
dabei wohl die Abschlussprüfung in Biologie. Nachdem ich natürlich ganz fleißig
im Skilift und im Auto gelernt habe… Wurde der Montag und Dienstag auch mit den
Büchern und Heftern verbracht. Zwischendurch musste ich noch eine Reflektion
für meinen letzten Sportkurs am Dienstagmorgen schreiben und in den Pausen mir
Gedanken über ein Weihnachtsoutfit für die anschließende Weihnachtsparty des
Education-Courses machen, die gleich im Anschluss an die Prüfung stattfinden
würde. Ich bin also top vorbereitet mit einem Zeitmanagement, wovon alle
Studenten nur träumen, zur Prüfung gegangen. Frisur, Kleid und lateinische
Biobegriffe sitzen perfekt und ich war bereit. Entspannt und zuversichtlich bin
ich also zur Prüfung gegangen, doch als ich dann beim Raum ankam begrüßte mich
gähnende Leere. Irgendwas war komisch. Keine panischen Studenten die wild mit
ihren Lernzetteln umherwedeln, keine zusammenbrechenden Chinesen, die dem
Leistungsdruck nicht gewachsen sind und natürlich auch keine Ausschilderung an
der Tür. Mhm Mist. Nun war ich so gut vorbereitet und stand vor einer
verschlossenen Tür. Menschenleere alle Gänge entlang. Verdammt, stand im
Internet nicht dass die Prüfungen in anderen Räumen geschrieben werden? Na zum
Glück hab ich noch ganze 8 Minuten Zeit den richtigen Raum herauszufinden. Also
bin ich zum nächsten Computer gerannt und habe verzweifelt auf sämtlichen
Internetseiten nach dem Raum gesucht. Selbstverständlich war mein Kurs im
allgemeinen Prüfungszeitplan nicht aufgelistet und natürlich war auch auf
meiner Bioseite nichts zu finden. Stattdessen habe ich Panikzustände bekommen,
als ich irgendwas vom 30. November und 2. Dezember gelesen hatte. Okay die
Prüfung war also gestern? Kann eigentlich nicht sein. 19.05 Uhr habe ich dann
endlich die erlösende Information zufällig irgendwo am Rand gefunden und bin so
schnell es geht zur Turnhalle geflitzt. Frisur und Kleid sitzen jetzt bestimmt
nicht mehr, aber ich habe es geschafft. Glücklicherweise wurden die Pforten zur
Halle erst um 7 Uhr geöffnet und ehe sich alle 300 Studenten mit Zetteln
organisiert und platziert hatten, konnte ich noch pünktlich in den Raum
stolpern und mir einen Tisch ergattern. Okay Blutkreislauf ist in Gang, dann
kann es also los gehen.
Nach
zwei Stunden waren die rund 100 Fragen zum Knochenaufbau, Muskelfunktion und
Nervenzellen nach bestem Können beantwortet und ich konnte erleichtert zur
Weihnachts- und Abschlussparty meines Education Kurses auf dem Unigelände
gehen. Mit angekündigter Verspätung bin ich dann dort eingetrudelt und die
Stimmung war schon im vollen Gange. Zusammen mit allen Klassenmitgliedern, die
fast ausschließlich alle aus Kanada kommen, wurden Geschenke ausgetauscht,
gelacht und getanzt. Mic, der Snowboard-Australier, und ich waren die einzigen
Internationalen Stundenten und so wundert es auch nicht, dass wir die meiste
Zeit des Abends zusammen verbracht haben.
Der Tag
nach der Party war dann mein offizieller Semesterferienbeginn, welchen ich
bereits mit Plänen voll gepackt habe. Zum Mittagessen ist Mathias vorbei gekommen, um veganes Essen zu erfahren und auch um uns
gegenseitig zu verabschieden, da er bald seinen Flug zurück nach Zürich antreten
würde. Für allzu lange Zeit würden wir uns jedoch nicht trennen, da ein Besuch
in der Schweiz für nächstes Jahr schon längst mit den Anderen aus unserer
Gruppe geplant ist.
Als ich
mich gerade im sentimentalen Zustand der Realisierung befand, dass die Tage in
Kamloops gezählt sind und man viele Gesichter für sehr lange Zeit nicht mehr
sehen würde, klingelte der Postbote an der Tür und brachte den entsprechenden
Trost. Ein großer Briefumschlag mit meinem Namen darauf wurde geliefert und von
mir auch gleich aufgerissen. Darin vorgefunden habe ich dann zahlreiche
kleinere Briefe, Fotos und selbst gemalte Bilder. Die leicht seltsam feuchten Augen
des Abschieds haben sich sogleich in Freuden-Feuchte verwandelt und ich konnte
mein Grinsen und Lächeln über die lieben Worte von Zuhause nicht zurückhalten.
Wie ein Smartieskeks auf LSD bin ich durchs Haus gehüpft und habe mir die
endlosen Zeilen von meinen Hamburger-Studien-Mädels durchgelesen. Stets dabei
die handgestrickte Mütze von Jasmin auf dem Kopf, die sich im Paket ebenfalls
befand. An dieser Stelle nochmals vielen lieben Dank an Jasmin, Nina, Alina,
Marie, Winnie, Julienne und Kathi, und auch an Sönke, der einen Brief
mitgeschmuggelt hat. Ich habe mich bis ins unendliche darüber gefreut! Und auch
ein Dankeschön an meine Kamloops-Nachbarn, die mich durchs Fenster sehen konnten
und trotzdem nicht die Polizei oder die Psychiatrie benachrichtigt haben.
Den Grund für meine hysterische Freude könnt ihr auf dem Foto nachvollziehen.
Mit der
5. Mütze von Jasmin, war es dann auch Zeit ein Gruppenfoto mit meinen bunten
Kopfbedeckungslieblingen zu schießen. Ich bin mit nur einer Mütze (die Weiße, welche
ich in Australien gekauft habe) hergekommen und komme mit mindestens fünf
wieder zurück nach Deutschland. Kann man als Beweis gelten lassen, dass es kalt
in Kanada ist – finde ich. Aber das Schönste an den Mützen ist, dass jede eine
eigene individuelle Geschichte besitzt, die ich mit Kanada, aber auch mit
anderen Orten und Ereignissen verbinde. Damit quäle ich dann meine Ekelkinder!
Am Abend
wurde ich dann von Shipa aus Bangladesh, einer meiner Kommilitonen, zum
Abendessen bei sich Zuhause eingeladen. Extra für mich machte sie sich die Mühe
mir ein veganes Mahl zu zaubern und es ist ihr mehr als gelungen. Bei
Kartoffelreis, selbst gebackenem Brot und Currygemüse habe ich dann mehr über
ihre Herkunft und Kultur erfahren und konnte in vertrauter Atmosphäre ganz
offen über ihre Krebserkrankung und ihre arrangierte Heirat reden. Diese Art
von Gespräch habe ich wohl noch nie zuvor gehalten und ich schätze es sehr,
dass Shipa mir einen intimen Einblick in viele verschiedene Seiten aus ihrem
Leben gegeben hat. Den Krebs hat sie glücklicherweise seit einem Jahr
erfolgreich bekämpft und fühlt sich mit ihren zwei jungen Söhnen wieder
vollkommen wohl in Kanada, was zuvor nicht immer der Fall war. Bei der
Unterhaltung beleuchtete sie mir alle Vor- und Nachteile aus ihrer Kultur und
dank ihr habe ich auch ein besseres Verständnis für den Familiensinn in Indien
und anderen östlichen Ländern erhalten. Ich denke für die meisten Europäer und
westlichen Staaten ist es ziemlich unverständlich wie andere Personen für Einen
entscheiden mit welchem Menschen man eine Familie zu gründen und den Rest
seinen Lebens zu verbringen hat. Es ist nach wie vor schwer für mich
nachzuvollziehen, aber ich denke ich habe den Grundgedanken dahinter zu
schätzen gelernt. In diesen Ländern hat der Familienzusammenhalt den
höchsten Stellenwert und es geht nichts über das Wohl der eignen Verwandten.
Daher wird mit einer arrangierten Heirat auch dafür gesorgt, dass der Ehegatte
den (vor allem finanziellen) Bedürfnissen der Familie entspricht und gut in die
eigene Familienphilosophie und den sozialen Stand passt. Zu diesem Anlass gibt es deswegen auch
zahlreiche Feste und Familienveranstaltungen, die heilig sind. In Bangladesh
und in Indien gibt es zudem keine Altenheime und es existiert die geringste
Scheidungsrate weltweit, da man dort nur das Beste für seine Kinder und Eltern
im Sinn hat. Es wird mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass die Kinder eine
wohlbehütete und unbeschwerte Kindheit haben und da passt eine Scheidung so gar
nicht ins Bild. Auch für die Eltern soll gesorgt sein und daher ist es eine
Selbstverständlichkeit diese bei sich Zuhause aufzunehmen, als zu irgendwelchen
fremden Leuten in Pflegestationen zu schicken und praktisch abzuschieben. Man
könnte über dieses interessante Thema noch seitenlang diskutieren und die
einzelnen Aspekte genauer beleuchten, aber was ich für mich persönlich aus dem
Gesprächabend mitgenommen habe ist, dass der Familiengedanke eigentlich mehr
oder weniger verloren geht in den westlichen Ländern. Wir werden in unserer
materiellen Gesellschaft zu Einzelkämpfern großgezogen und da wundert es auch
nicht, dass jeder auf sein eigenes Wohl zunächst bedacht ist. Es scheint bei
uns auch ganz gut zu funktionieren und ins System zu passen, aber einen
weiteren Gedanken, was Familie eigentlich genau bedeutet und wie wir es äußern
ist doch schon einen Gedanken mehr wert. Das Gespräch mit Shipa war sehr
faszinierend und hat in mir definitiv den Wunsch ausgelöst ihr Land zu bereisen
und noch mehr über die Mentalität und die Leute zu erfahren. Gut, dass ich noch
einige Lebensjahre vor mir habe :)
Als
Kontrastprogramm zum tiefsinnigen Nachdenken, wurde ich dann von Conny, John
und Lukas zum Karaokeabend abgeholt, um auch Conny zu verabschieden und sie
nächstes Jahr in Österreich zu besuchen.
Zum
Abschluss des an Fotos mangelnden Blog-Eintrages gibt es zum Ausgleich noch ein nettes timelapse GoPro-Video
(thanks Stéph) von der letzten Party als Johannes Geburtstag bei sich gefeiert hat. Viel Spaß beim
Anschauen.
See ya.
See ya.


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