Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gedankenversunkener Semesterferienstart

Zurück aus Whistler gab es dann eine Woche voller Ereignisse und das Wichtigste war dabei wohl die Abschlussprüfung in Biologie. Nachdem ich natürlich ganz fleißig im Skilift und im Auto gelernt habe… Wurde der Montag und Dienstag auch mit den Büchern und Heftern verbracht. Zwischendurch musste ich noch eine Reflektion für meinen letzten Sportkurs am Dienstagmorgen schreiben und in den Pausen mir Gedanken über ein Weihnachtsoutfit für die anschließende Weihnachtsparty des Education-Courses machen, die gleich im Anschluss an die Prüfung stattfinden würde. Ich bin also top vorbereitet mit einem Zeitmanagement, wovon alle Studenten nur träumen, zur Prüfung gegangen. Frisur, Kleid und lateinische Biobegriffe sitzen perfekt und ich war bereit. Entspannt und zuversichtlich bin ich also zur Prüfung gegangen, doch als ich dann beim Raum ankam begrüßte mich gähnende Leere. Irgendwas war komisch. Keine panischen Studenten die wild mit ihren Lernzetteln umherwedeln, keine zusammenbrechenden Chinesen, die dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind und natürlich auch keine Ausschilderung an der Tür. Mhm Mist. Nun war ich so gut vorbereitet und stand vor einer verschlossenen Tür. Menschenleere alle Gänge entlang. Verdammt, stand im Internet nicht dass die Prüfungen in anderen Räumen geschrieben werden? Na zum Glück hab ich noch ganze 8 Minuten Zeit den richtigen Raum herauszufinden. Also bin ich zum nächsten Computer gerannt und habe verzweifelt auf sämtlichen Internetseiten nach dem Raum gesucht. Selbstverständlich war mein Kurs im allgemeinen Prüfungszeitplan nicht aufgelistet und natürlich war auch auf meiner Bioseite nichts zu finden. Stattdessen habe ich Panikzustände bekommen, als ich irgendwas vom 30. November und 2. Dezember gelesen hatte. Okay die Prüfung war also gestern? Kann eigentlich nicht sein. 19.05 Uhr habe ich dann endlich die erlösende Information zufällig irgendwo am Rand gefunden und bin so schnell es geht zur Turnhalle geflitzt. Frisur und Kleid sitzen jetzt bestimmt nicht mehr, aber ich habe es geschafft. Glücklicherweise wurden die Pforten zur Halle erst um 7 Uhr geöffnet und ehe sich alle 300 Studenten mit Zetteln organisiert und platziert hatten, konnte ich noch pünktlich in den Raum stolpern und mir einen Tisch ergattern. Okay Blutkreislauf ist in Gang, dann kann es also los gehen.
Nach zwei Stunden waren die rund 100 Fragen zum Knochenaufbau, Muskelfunktion und Nervenzellen nach bestem Können beantwortet und ich konnte erleichtert zur Weihnachts- und Abschlussparty meines Education Kurses auf dem Unigelände gehen. Mit angekündigter Verspätung bin ich dann dort eingetrudelt und die Stimmung war schon im vollen Gange. Zusammen mit allen Klassenmitgliedern, die fast ausschließlich alle aus Kanada kommen, wurden Geschenke ausgetauscht, gelacht und getanzt. Mic, der Snowboard-Australier, und ich waren die einzigen Internationalen Stundenten und so wundert es auch nicht, dass wir die meiste Zeit des Abends zusammen verbracht haben.
 

Education Class
 
Devon and me :)

Der Tag nach der Party war dann mein offizieller Semesterferienbeginn, welchen ich bereits mit Plänen voll gepackt habe. Zum Mittagessen ist Mathias vorbei gekommen, um veganes Essen zu erfahren und auch um uns gegenseitig zu verabschieden, da er bald seinen Flug zurück nach Zürich antreten würde. Für allzu lange Zeit würden wir uns jedoch nicht trennen, da ein Besuch in der Schweiz für nächstes Jahr schon längst mit den Anderen aus unserer Gruppe geplant ist.
Als ich mich gerade im sentimentalen Zustand der Realisierung befand, dass die Tage in Kamloops gezählt sind und man viele Gesichter für sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde, klingelte der Postbote an der Tür und brachte den entsprechenden Trost. Ein großer Briefumschlag mit meinem Namen darauf wurde geliefert und von mir auch gleich aufgerissen. Darin vorgefunden habe ich dann zahlreiche kleinere Briefe, Fotos und selbst gemalte Bilder. Die leicht seltsam feuchten Augen des Abschieds haben sich sogleich in Freuden-Feuchte verwandelt und ich konnte mein Grinsen und Lächeln über die lieben Worte von Zuhause nicht zurückhalten. Wie ein Smartieskeks auf LSD bin ich durchs Haus gehüpft und habe mir die endlosen Zeilen von meinen Hamburger-Studien-Mädels durchgelesen. Stets dabei die handgestrickte Mütze von Jasmin auf dem Kopf, die sich im Paket ebenfalls befand. An dieser Stelle nochmals vielen lieben Dank an Jasmin, Nina, Alina, Marie, Winnie, Julienne und Kathi, und auch an Sönke, der einen Brief mitgeschmuggelt hat. Ich habe mich bis ins unendliche darüber gefreut! Und auch ein Dankeschön an meine Kamloops-Nachbarn, die mich durchs Fenster sehen konnten und trotzdem nicht die Polizei oder die Psychiatrie benachrichtigt haben. Den Grund für meine hysterische Freude könnt ihr auf dem Foto nachvollziehen.
Mit der 5. Mütze von Jasmin, war es dann auch Zeit ein Gruppenfoto mit meinen bunten Kopfbedeckungslieblingen zu schießen. Ich bin mit nur einer Mütze (die Weiße, welche ich in Australien gekauft habe) hergekommen und komme mit mindestens fünf wieder zurück nach Deutschland. Kann man als Beweis gelten lassen, dass es kalt in Kanada ist – finde ich. Aber das Schönste an den Mützen ist, dass jede eine eigene individuelle Geschichte besitzt, die ich mit Kanada, aber auch mit anderen Orten und Ereignissen verbinde. Damit quäle ich dann meine Ekelkinder!
 
 

Am Abend wurde ich dann von Shipa aus Bangladesh, einer meiner Kommilitonen, zum Abendessen bei sich Zuhause eingeladen. Extra für mich machte sie sich die Mühe mir ein veganes Mahl zu zaubern und es ist ihr mehr als gelungen. Bei Kartoffelreis, selbst gebackenem Brot und Currygemüse habe ich dann mehr über ihre Herkunft und Kultur erfahren und konnte in vertrauter Atmosphäre ganz offen über ihre Krebserkrankung und ihre arrangierte Heirat reden. Diese Art von Gespräch habe ich wohl noch nie zuvor gehalten und ich schätze es sehr, dass Shipa mir einen intimen Einblick in viele verschiedene Seiten aus ihrem Leben gegeben hat. Den Krebs hat sie glücklicherweise seit einem Jahr erfolgreich bekämpft und fühlt sich mit ihren zwei jungen Söhnen wieder vollkommen wohl in Kanada, was zuvor nicht immer der Fall war. Bei der Unterhaltung beleuchtete sie mir alle Vor- und Nachteile aus ihrer Kultur und dank ihr habe ich auch ein besseres Verständnis für den Familiensinn in Indien und anderen östlichen Ländern erhalten. Ich denke für die meisten Europäer und westlichen Staaten ist es ziemlich unverständlich wie andere Personen für Einen entscheiden mit welchem Menschen man eine Familie zu gründen und den Rest seinen Lebens zu verbringen hat. Es ist nach wie vor schwer für mich nachzuvollziehen, aber ich denke ich habe den Grundgedanken dahinter zu schätzen gelernt. In diesen Ländern hat der Familienzusammenhalt den höchsten Stellenwert und es geht nichts über das Wohl der eignen Verwandten. Daher wird mit einer arrangierten Heirat auch dafür gesorgt, dass der Ehegatte den (vor allem finanziellen) Bedürfnissen der Familie entspricht und gut in die eigene Familienphilosophie und den sozialen Stand passt. Zu diesem Anlass gibt es deswegen auch zahlreiche Feste und Familienveranstaltungen, die heilig sind. In Bangladesh und in Indien gibt es zudem keine Altenheime und es existiert die geringste Scheidungsrate weltweit, da man dort nur das Beste für seine Kinder und Eltern im Sinn hat. Es wird mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass die Kinder eine wohlbehütete und unbeschwerte Kindheit haben und da passt eine Scheidung so gar nicht ins Bild. Auch für die Eltern soll gesorgt sein und daher ist es eine Selbstverständlichkeit diese bei sich Zuhause aufzunehmen, als zu irgendwelchen fremden Leuten in Pflegestationen zu schicken und praktisch abzuschieben. Man könnte über dieses interessante Thema noch seitenlang diskutieren und die einzelnen Aspekte genauer beleuchten, aber was ich für mich persönlich aus dem Gesprächabend mitgenommen habe ist, dass der Familiengedanke eigentlich mehr oder weniger verloren geht in den westlichen Ländern. Wir werden in unserer materiellen Gesellschaft zu Einzelkämpfern großgezogen und da wundert es auch nicht, dass jeder auf sein eigenes Wohl zunächst bedacht ist. Es scheint bei uns auch ganz gut zu funktionieren und ins System zu passen, aber einen weiteren Gedanken, was Familie eigentlich genau bedeutet und wie wir es äußern ist doch schon einen Gedanken mehr wert. Das Gespräch mit Shipa war sehr faszinierend und hat in mir definitiv den Wunsch ausgelöst ihr Land zu bereisen und noch mehr über die Mentalität und die Leute zu erfahren. Gut, dass ich noch einige Lebensjahre vor mir habe :)
 
Als Kontrastprogramm zum tiefsinnigen Nachdenken, wurde ich dann von Conny, John und Lukas zum Karaokeabend abgeholt, um auch Conny zu verabschieden und sie nächstes Jahr in Österreich zu besuchen.
 
Zum Abschluss des an Fotos mangelnden Blog-Eintrages gibt es zum Ausgleich noch ein nettes timelapse GoPro-Video (thanks Stéph) von der letzten Party als Johannes Geburtstag bei sich gefeiert hat. Viel Spaß beim Anschauen.
See ya.

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