Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Samstag, 7. Dezember 2013

W wie wundervoll, weltklasse, Wahnsinn, Whistler

Wochenrückblick
Montag:  lernen, essen, schlafen
Dienstag: schlafen, lernen, essen
Mittwoch: last-minute lernen, Labor-Prüfung schreiben, ‚The Race’ mit Familie gucken
Donnerstag: Uni, Abschieds-Dinner und –Party von Signe und Ayda aus Norwegen
Freitag: Mit exakt 0% Schlaf um 7.30 Uhr von John abgeholt werden und dank flüssigem Hopfen deutlich angeheitert nach Whistler fahren.
 

Nun war es also endlich soweit, mit Conny, Flo, Lukas aus der Schweiz, John aus Taiwan und Louise und Peter aus Dänemark machten wir uns mit guter Laune zum größten, berühmtesten und besten Skigebiet in Kanada. Die vierstündige Fahrt nach Vancouver, unserem Zwischenstopp, verging wie im Flug, was wohl den gemütlichen Autositzen und meinem Nachholbedarf an Sandmännchensand (tolles Wort) zu verdanken ist. Der Plan war es zunächst nach Vancouver zu fahren, um die heimischen Bergen, die sich immer malerisch auf allen Fotos in den Hintergrund der Metropole schmiegen, nun persönlich zu erkunden. Skifahrend versteht sich. Auf Grouse Mountain gibt es die Möglichkeit des Nacht-Skifahrens, was so viel bedeutet, dass alle Strecken beleuchtet sind und man somit bis 10 Uhr nachts wortwörtlich auf Piste ist. Damit wir nicht wie die letzten Assis unsere sexy Unterwäsche auf dem Parkplatz beim Wechsel in die Skiklamotten präsentieren müssen, entschlossen wir uns eine Freundin von John zu besuchen, wo wir neben einem netten Plausch bei Kaffee und Tee auch den Komfort von geschlossenen Räumen nutzen konnten. Nach dieser kurzen Stärkung sollte es dann weiter gehen nach Nord-Vancouver, wo die Berge uns schon sehnsüchtig erwarteten. Doch bevor es wieder ins Auto ging, machten wir noch eine unterhaltsame Entdeckung. Wie wir aus Erfahrung mittlerweile alle wissen, machen lange Autofahrten auf Dauer blöd und Spaß-erfinderisch. Im Kofferraum unseres Mietwagens entdeckten wir nämlich eine ausgefallen Funktion, die es wohl nur in Nordamerika gibt und hier anscheint auch einen gewissen Sinn erfüllt. Keine Ahnung ob das neonleuchtende Zieh-Ding einen gesonderten Namen besitzt, falls nicht taufe ich es hiermit „Hangover-Rettung“. Mit diesem Teil kann man sich als eingesperrte Person mühelos selbst befreien. Wer kennt diese klassische Situation nicht: eines Morgens wacht man total ahnungslos im Kofferraum eines fremden Wagens auf und weiß nicht was zu tun ist. Normalerweise würde man jetzt hysterische Panikattacken mit Schnappatmung bekommen, aber Dank der wunderbaren Erfindung kann man einfach daran ziehen und der Kofferraum öffnet sich kinderleicht von selbst und man kann ganz einfach rausspringen und ist wieder in der Freiheit. (Siehe Hangover Teil 1) Nun dürft ihr dreimal raten was wir gemacht haben… nein wir haben niemanden gekidnappt, das wäre zu viel Aufwand, dafür haben wir uns gegenseitig im Kofferraum eingesperrt und jeder durfte sich einmal befreien. Das Ziehding ist unglaublich, es leuchtet sogar im Dunkeln und da der Kofferraum recht groß ist und sich darin viele kuschelige Skijacken befanden, war es sogar recht gemütlich und einladend. Nächstes Mal schlaf ich dort anstatt auf den Vordersitzen.
 
 
 

 
So Kinder, nur aber genug des Schwachsinns, jetzt hieß es wieder ernst sein und ab zum Berg. Mit Vorfreude dort angekommen, hat es natürlich angefangen zu regnen und als wir uns am Ticketschalter über die Wetterverhältnissen auf dem Gipfel erkundigten, stellte sich heraus, dass nur zwei recht kleine Pisten geöffnet sind und der Schnee auch recht matschig sei. Mhm klingt nicht wirklich nach dem super Schneeerlebnis und die 40$ sollten wir vielleicht doch schlauer investieren. Z. B. in Glühwein, Bratwurst und gebrannte Mandeln, denn eine Alternative war schnell gefunden: ein deutscher Weihnachtsmarkt der sich Downtown befindet. Es ist natürlich nichts nahe liegender, als in Kanada auf einen heimischen Weihnachtsmarkt zu gehen, wozu fliegt man denn sonst 10 Stunden quer über den ganzen Atlantik? Doch bevor wir die Karussell- und Kartoffel-Atmosphäre genießen konnten, wollten wir uns aus den schweißtreibenden Skiklamotten befreien und angemessen kleiden. Was dann also so viel heißt, wie die letzten Assis unsere Unterwäsche auf dem Parkplatz zu präsentieren.
 
Nachdem wir uns an Brezeln und veganen Keksen satt gegessen und am deutschen Akzent von den Standbetreibern satt gehört haben, war es auch schon recht spät und wir fuhren die letzten zwei Stunden nach Whistler. Dort angekommen gab es neben dem aufgeweckten Check-In-Menschen nichts Spannendes und wir verkrümelten uns allesamt zum Schlafen. Bis morgen früh.
 
Der folgende Tag war dann sehr aufregend für mich, da ich endlich mein Traum-Skigebiet kennenlernen würde. Meine Erwartungen waren hoch, aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich nicht enttäuscht werden würde. Bevor aber der Spaß beginnen kann muss man sich erstmal in die ewig langen Warteschlagen einreihen und geduldig darauf warten seinen Saisonpass abzuholen. Stellt mit guter Laune und freundlichen Kanadiern kein Problem dar. Anders ist es jedoch wenn der Tag etwas stressiger anfängt. Lukas z. B. unser möchtegern-Schweizer (mag keinen Käse, isst nicht gerne Schokolade, besitzt kein Schweizer-Taschenmesser und kennt keine Germknödel – ich glaub er ist ein Spion der sich nur als Schweizer ausgibt…) hat diesen Tag das Pech etwas verfolgt. Es fing damit an, dass er seine Skihose nicht finden konnte und beide Autos durchgesucht hat, als er dann noch mal gründlich im Hostelzimmer nachschauen wollte, hat er sich aus dem Zimmer ausgesperrt und ließ uns alle vorfahren, damit er es in Ruhe klären kann. Als wir ihn später beim Skiverleih trafen, teilte er uns mit, dass er nicht genug Kleingeld für den Skibus hatte, aber glücklicherweise der Busfahrer ein Auge zugedrückt hat. Der Skiverleih zog sich ewig hin, sodass wir uns einigen ihn auf der Bergstation zu treffen. Während wir anderen also schon unseren Weg durch den Schnee machten, ging der Warte-Alptraum für Lukas weiter. Das Wetter war mit schlechter Sicht und vielen Schneeflocken eher suboptimal, aber so war wenigstens nicht so viel los auf den Pisten und man konnte den gesamten Platz für sich beanspruchen. Als wir uns zwei Stunden später dann mit Lukas an der Bergstation treffen wollten und ihn total verwundert überall vergeblich gesucht haben, stellte sich raus, dass Lukas den falschen Berg hinaufgefahren ist. Während wir also in Whistler auf ihn warteten, befand er sich in Blackcomb. Ja ist schon verwirrend wenn sich an der Talstation gleich zwei Gondeln befinden, aber zum Glück gibt es die berühmte Peak-to-Peak-Gondola mit welcher Lukas mühelos die 4,4Km zum benachbarten Berg schweben konnte, ohne erst wieder zurück zum Tal zu müssen. Die sich auf 2181m und 2436m befindlichen Bergstationen sind die größten Seilbahnstationen der Welt mit den 28Mann-Gondeln kann man die wunderschöne Landschaft über dem Tal des Fitzsimmons Creek gemütlich bewundern. Lukas konnte also diese einmalige Attraktion genießen und wir anderen waren in der Zeit voller Freude mit der Pistenerkundung beschäftigt und fuhren Ski was das Zeug hält. Lukas hingegen musste am letzten Lift ganze 10 Minuten in eisiger Höhe verharren, da der Sessellift für kurze Zeit außer Betrieb war. Macht bestimmt Riesenspaß, wenn der Lift kein Verdeck hat und Schneesturm herrscht. Armer Kerl. Als wir ihn dann halb eins endlich getroffen hatten, war seine Laune entsprechend unerfreut. Bis dahin ist er praktisch noch keine einzige Piste und nur von Lift zu Lift gefahren, also haben wir ihn gleich eingepackt und sind mit ihm einige Runden runtergebrettert, bevor es dann zum verdienten Mittagessen ging. Was für Lukas bisher ein Alptraum war, war für mich ein Paradies. Es waren zwar nur wenige Pisten und Lifte geöffnet und das Wetter nicht gerade karibisch traumhaft, aber es war ja auch gerade Mal der erste Tag und trotzdem genug Pisten um ordentlich Skizufahren. Als absolute Krönung habe ich in der Skihütte als Saisonpass-Besitzer nicht nur 25% aufs Essen bekommen, es gab auch noch mehrere verschiedene vegane Gerichte. Extra ausgeschildert, verhältnismäßig günstig und verdammt lecker! Und während ich mich durch meine marokkanische Erdnuss-Süßkartoffel-Suppe löffelte, beschloss ich den gesamten Januar hier zu verbringen.
Nach der Talabfahrt führte uns dann der Weg direkt zur gegenüberliegenden Kneipe, wo sich bei lauter Gutelaune-Musik schon sämtliche Skischuh-Tänzer und Rollkragenpullis beim Biertrinken feucht fröhlich versammelt hatten. Das Aprés-Ski-Bier konnten wir natürlich nicht auslassen. Noch ein Pluspunkt für Whistler, denn in Sun Peaks hatten wir vergeblich nach so einer Örtlichkeit gesucht. Lukas Unglück sollte auch in der Bar weiter seinen Lauf nehmen und so bestellte er sich Bier und bekam alkoholisierte Brause, als er anschließend dann die Brause bestellte bekam er Bier. Der arme Kerl muss das Universum ganz schön verärgert haben.
Später im Hostel machten wir uns alle fertig, um gemeinsam Abendessen zu gehen. Lukas hat es unterdessen wieder geschafft das Unglück herauszufordern, denn seine Schlüsselkarte zum Zimmer funktionierte nach dem Duschen nicht mehr und so musste er halbnackt zur Rezeption laufen und das Problem klären. Die Lacher waren definitiv auf seiner Seite. Beim gemütlichen Abendessen war er der hungrigste von uns und durfte natürlich als Letztes auf sein Essen warten, aber danach war dann der Spuck endlich vorbei und damit auch der Tag. Zum Abschluss unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch das rustikale Dörfchen, wo wir auf zahlreiche verrückte Menschen trafen, die sich in den Straßen zum Rappen, Tanzen und Spaß haben versammelten. Da mischten wir natürlich mit und okkupierten unter anderem einen gebrauchten Bob vor einem Restaurant. Danach gingen wir jedoch müde und die einen glücklicher als die anderen ins Bettchen.
 
 
 
 
 

Der nächste Morgen war genauso regnerisch im Tal wie am Tag zuvor, aber entschlossen nun die andere Bergseite zu erkunden, ließen wir uns davon natürlich nicht abschrecken und fuhren zur Talstation, wo wir mehrere Touristen auffanden, die wegen des Wetters verzweifelt versuchten ihre Tagestickets zu verkaufen. Wir wollten zumindest Mal einen Blick auf das Gebiet werfen und fuhren daher hoch motiviert hinauf. Zunächst war es ziemlich nebelig und ein kalter Wind wirbelte Schnee auf, was die Sicht etwas einschränkte, aber gleichzeitig entdeckten wir blaue Hoffnung am Himmel. Die ersten zwei Abfahrten waren von den Schneeverhältnissen perfekt, da der Schneefall der letzten Nacht die Pisten puderweich und fluffig gemacht hat. Bei unserer dritten Abfahrt kam dann das große Aufatmen, der starke Wind hat die Wolkendecke so weit weggepustet, dass wir die Sonne zu Gesicht bekamen und den klassischen „über-den-Wolken-Blick“ hatten. Die Leute im Tal quälten sich mit Regenschauern und schlecht-Wetter-Laune, doch wir standen über der Sache und bruzelten uns mit der Panorama-Aussicht im Sonnenschein. Dieser Nachmittag sollte perfekt werden. Aufgrund der schlechten Aussicht blieben die Weichei-Skifahrer im Tal und wir konnten die zahlreichen Pisten, die warmen Sonnenstrahlen, den frischen Tiefschnee und freien Sitzplätze in der Berghütte nur für uns ausnutzen – herrlich! Probieren geht halt über Studieren und in dem Sinne meisterten wir auch schwarze unpräparierte Tiefschneepisten und legten beeindruckende Sprünge über extra angelegte Schanzen im Funpark hin. Traumhaft! Ich war überglücklich und kann den Januar nun kaum erwaten.
Leider geht auch der schönste und aufregendste Tag vorbei und als die Skilifte geschlossen waren machten wir uns auf dem Sea to Sky Highway mit einer wundervollen Fjordlandschaft beim Sonnenuntergang zurück nach Kamloops. Vorher wurde jedoch Lukas Skihose bei der Freundin von John abholt, die der Hans dort vergessen hat.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Fazit für mich: ich habe endlich einen Plan! Nachdem ich etwas planlos in Richtung der zukünftigen nächsten Monate geschaut habe, steht für mich nun fest, dass ich einen Großteil der Zeit im schönen Whistler verbringen werde.

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