Abends am 23. Dezember als ich bei
meiner Gastfamilie an kam hieß es auch gleich wieder Sachen aus- und einpacken.
Dabei realisierte ich, dass sich in den letzten 4 Monaten ganz schön viel Mist
angesammelt hat und mein Backpack längst nicht mehr ausreichte, um alles zu
verstauen. Glücklicherweise habe ich auf meinem Rückflug zwei frei Gepäckstücke
und muss somit nichts draufzahlen. Hoffe ich zumindest, da Banff und Jasper ja
auch mit sollen und das kann gut und gerne Mal bestimmt unter Übergrößengepäck
deklariert werden und so wie ich die Welt kenne, darf man bestimmt dafür
bezahlen. Naja was muss das muss.
Beim Einpacken erkannte ich nicht
nur wie viel Zeug ich besitze, sondern auch dass ich meine Gastfamilie und die
geschützten vier Wände für immer (oder zumindest für sehr lange Zeit) verlassen
würde. Genauso wie Weihnachten hatten wir auch schon eine Abschiedsfeier, aber
wenn man dann doch direkt vor der Tür mit gepackter Tasche steht ist es doch
noch mal ein ganz anderes Gefühl. Kurzen Plausch bei einem letzten Abendkaffee
mit Grant und Kyle und dann klingelte es auch schon an der Tür und mein
persönliches Taxi war bereit mich abzuholen. Innige Umarmungen, herzliche
Worte, einige letzte Späße und dann wurde das Kapitel Gastfamilie Lucas mit
einem Autotürknallen beendet. Kurz durchatmen und nächstes Kapitel starten. So
wie der Lebenskreislauf nun mal ist.
Zusammen mit John holten wir Flo
ab und fuhren dann keine 5 Minuten entfernt zu unserem neuen Heim. Am unteren
Hang der Universität befand sich das hübsche Holzhäuschen mit zwei Etagen,
Terrasse und einem recht großen Garten. Blick auf die Stadt, Berge und den
Fluss – perfekt und Schnee lag auch, damit kann Weihnachten also los gehen.
Beim Einzug lag die versammelte Mannschaft vor dem Fernseher und verfolgten die
im 5 Minuten-Takt kommenden Werbeunterbrechungen. Viel Zeit also, um die
Weihnachtspläne zu diskutieren und dies stellte sich als besondere
Herausforderung dar, wenn man mit mehreren Nationen unter einem Dach lebt. Die
Australier haben fest darauf bestanden am Morgen des 25. zu feiern, so wie die
meisten englischsprachigen Länder es tun. Wir Deutschen hingegen hatten
natürlich Heiligabend im Visier und Kate aus der Ukraine schlug den 6. Januar
vor. Eine kurze Debatte später haben Flo und ich aber das Zepter übernommen und
als Festtagsessensbeauftragte den 24. festgelegt. Kein wenn und aber, wer
meckert kriegt nichts zu essen – janz einfach!
So begann also der nächste Tag
früh mit Einkaufen während die Jungs Skifahren waren und den Auftrag hatten
einen Tannenbaum zu fällen. Nun ja wenn man dann aber uns Mädels alleine
einkaufen lässt, dann brauch man(n) sich auch nicht wundern wenn wir
lächerliche 170$ für Lebensmittel ausgegeben haben. Dafür standen wir auch
ganze 8 Stunden in der Küche und haben für zehn Personen Rumkugeln,
Vanillekipferl, Nussecken, Glühwein, Hackbraten, gefüllte Paprikaschoten,
Salat, Sauerkraut, Käsespätzle, Kartoffelbrei und Gemüsepfanne gekocht. Nicht
wirklich ein typisches Festtagsessen, aber dafür ziemlich deutsch und lecker.
Meckern war ja eh nicht erlaubt, also muss es offensichtlich jedem geschmeckt
haben oder sie haben sich einfach nur vor dem drohenden Schlag mit der
Bratpfanne gefürchtet. Das bleibt wohl ein Weihnachtsgeheimnis.
Nach dem Gefresse waren Flo und
ich ziemlich erschöpft und haben dafür mit größtem Vergnügen mit einem Bier den
Jungs dabei zugesehen wie sie das Geschirr per Hand abgewaschen haben – ein
Bild für die Götter! Ganz nebenbei haben wir damit auch gleich für die
Weihnachtsbaumdeko gesorgt, denn der Baum war nun da und stand prachtvoll in
der Ecke, aber beim Suchen der Christbaumkugeln, Lichterketten und Lametta im
Wald haben die Jungs kläglich versagt. Das heißt dann wohl improvisieren und
wie ginge es besser als mit Bierdosen?? Diese sind farbenfroh, leicht
anzubringen und wir haben zaaaahlreiche davon. Vor allem im Laufe der Woche
haben sich so einige angesammelt und unser Bäumchen hübsch verziert. Während
der heilige Abend mit diversen Karten- und Brettspielen belustigt wurde und
natürlich auch eine kleine Bescherung nicht fehlen durfte, stand am nächsten
Tag aufräumen, aber auch faulenzen auf dem Tagesprogramm. Zum Skifahren waren
alle zu müde und zum Rausgehen alle zu träge. Essensreste wurden verspeist und
Fernsehserien geschaut, doch am Abend hatten dann alle genug von dem Müßiggang
und eine Aktivität musste her und wenn man schon weiße Weihnachten hat, dann muss
man das natürlich auch vollkommen ausnutzen. Also los raus in die Nacht und
Schneeballschlacht gemacht! Teambildung war klassisch: Jungs gegen Mädchen
Strategie nicht vorhanden, sodass auch kurzzeitig Mal jeder gegen jeden war und
naja nach einigen Runden Kings Cup, Fuck the dealer und Beeramide war die
Treffsicherheit der Schneebälle nicht mehr 100%ig sichergestellt. Die Jungs
haben natürlich geschummelt und Schneeschaufeln und Eimer zur Hilfe genommen,
womit wir Mädels regelrecht mehrmals eingeseift wurden, aber wir haben uns
selbstverständlich angemessen gerecht. Nach einigen Minuten merkte ich einen
plötzlichen und stechenden Schmerz in meinem rechten Ellenbogen und so richtig
weit konnte ich meine Schneebälle auch nicht mehr werfen. Ich habe mir
natürlich nichts weiter dabei gedacht und im Trubel mit meiner linken Hand mitgemischt,
was meine Trefferquote jedoch in ein miserables Minus abrutschen lies. Nach 45
Minuten war jeder mindestens einmal im Schnee gelandet und der gesamte Garten
umgewälzt, sogar der zuvor am Abend gebaute Schneemann musste darunter leiden
und Teile seiner Körperteile (welche bleiben unser schmutziges Geheimnis) als
Wurfgeschosse verwendet. Zurück im warmen Haus am Kaminfeuer verschlimmerte
sich mein stechender Schmerz und mein Ellenbogen lies sich nicht mehr beugen.
Ein Blick darauf zeigte jedoch nur eine leichte Schwellung und kleine Rötungen,
jedoch keine Blutergüsse oder sonstige sichtbaren Schäden. Wird also nichts
schlimmes sein, sicherheitshalber mit der Gemüsetüte aus dem Froster bisschen
kühlen und dann wird’s schon wieder, sicher nur eine leichte Prellung. Der
nächste Tag begann dann leider etwas schmerzhaft und es hatte sich ein kleiner
Bluterguss gebildet, aber immer noch nichts Dramatisches und das Gedankenspiel
zum Arzt zu gehen hat sich mit dem Datum des 26. Dezembers dann auch erledigt.
Egal, die Prellung oder was es ist kann man eh kaum behandeln, also einfach
abwarten und Bier trinken, wird schon besser werden. Den Arm konnte ich jedoch
immer noch nicht richtig bewegen und damit beschränke sich jegliche Aktivität
auf den linken Arm. Mahlzeiten zubereiten und auch das anschließende Verspeisen
gestaltete sich somit zu einem Kleckerfest der feinsten Kindergartensorte. Zum
Glück waren wir den ganzen Tag zu Hause und haben gepuzzelt, Filme geguckt oder
Karten gespielt bis die Füße eingeschlafen sind, ansonsten hätte ich mein
Oberteil nach jedem Mahl wechseln müssen oder mich als Sonntagsassi ausgeben
müssen. Nach den zwei Gammeltagen beschlossen wir dann doch etwas aktiv zu
werden und schnallten die Skischuhe erneut an und machten uns auf den Weg nach
Sun Peaks. Mein Arm war immer noch etwas schmerzhaft und mittlerweile auch
bunter geworden, aber Skifahren hatte Priorität, ich würde dann sicher danach
zum Arzt gehen. …Vielleicht… Die Skistöcker konnte ich zwar nicht halten, aber
die sind eh überbewertet und ohne sieht eh cooler aus. Nach dem erfolgreichen
Skitag war ich natürlich zu müde zum Arzt zu gehen und hatte mir stattdessen
fest vorgenommen am nächsten Tag den mittlerweile nahezu oberschenkeldicken Arm
untersuchen zu lassen. Am nächsten Morgen haben wir jedoch beschlossen zunächst
ins Kino zu gehen und The Wolf of Wall Street zu schauen und direkt danach bin
ich ins Krankenhaus, doch die haben mir empfohlen lieber am nächsten Tag zum
Arzt zu gehen, das wäre wohl billiger und besser als auf einem Samstag in der
Notaufnahme zwei Stunden zu warten. Okay na gut, also wieder zurück zum Haus
und eine letzte Nacht mit der Ungewissheit über die mittlerweile rot-gelb-blaue
Keule schlafen. Beim Arzt wurde der Arm dann gründlich von allen Seiten
betatscht und schien nicht schmerzhaft zu sein, bis zu dem einen Punkt am
Ellenbogen, wo ich mir fast die Seele aus dem Leib geschrieen oder eher
gequiekt habe. „Tut’s da weh?“ Ach nööö, das war nur ein erquickender Laut der
Freude. „Okay also wenn es da weh tut und du den Ellenbogen nicht bewegen
kannst, dann ist der wohl gebrochen, eine typische Stelle, wo gut und gerne
eine Operation notwendig ist, um den Knochen wieder zu richten, aber das werden
dann die Röntgenbilder im Krankenhaus feststellen.“ Gebrochen? Krankenhaus??
OPERATION??? Waaaah das sollte doch nur eine blöde Prellung und kein katastrophaler
Kanadaaufenthalt sein! „Ja die Röntgenstelle in der Stadt ist sonntags
geschlossen, also solltest du ins Krankenhaus gehen oder du gehst morgen.“ Mhm
wieder einen Tag warten mit einem möglicherweise Krüppelarm oder lieber 900$
für Gewissheit im Krankenhaus zahlen? Während ich meinen gedanklichen Monolog
über meine nächsten Schritte verfolgte, schaute mich der Arzt verwundert an und
sagte „Denkst du gerade ernsthaft darüber nach morgen zu gehen? Mädchen du bist
meilenweit von deiner Heimat entfernt und hast wahrscheinlich einen
deplazierten Knochen im Gelenk, natürlich gehst du sofort ins Krankenhaus! Ich
habe schon die Ärzte dort informiert damit du keine Wartezeiten hast.“ Oh okay
in dem Fall habe ich wohl keine andere Wahl. Der Arzt schaute mich etwas böse
an, aber auf die besorgte und tadelnde als wütende Art. Zum Krankenhaus wurde
ich dann zum Glück von Mic gefahren und vor ort dank dem Arzt mit einer
Sonderbehandlung versorgt. Gegen 5 Uhr am Nachmittag verlies ich dann das
Krankenhaus mit einem hübschen Gips und der Gewissheit, dass keine Operation
nötig ist, da es sich um eine einfach Fraktur und nichts Dramatisches handelt.
Nun ja die Planung für den letzten Tag im Haus hatte ich mir zwar etwas anders
vorgestellt, aber wenn man eins beim Reisen lernt, dann dass man nichts planen
kann, sondern alles einfach auf sich zukommen lassen soll.
Mit der ungewollten Armversteifung
war mein Handlungsradius noch weiter eingeschränkt und damit wurde es richtig
lustig. Schon mal mit der nicht dominanten Hand die Zähne geputzt, Haare
gekämmt oder Dokumente unterschrieben? Macht einen Mordsspaß! Damit wurde also
das Alltägliche zum Abenteuer und vor allem die Tatsache, dass ich mit der
rechten Hand mein Gesicht und den Kopf nicht mehr erreichen konnte. Einen Zopf zu
machen war nun nicht mehr möglich, genauso wenig wie die Skibrille aufzusetzten
oder appetitliche Sachen, wie zum Beispiel die linke Achsel zu rasieren. Da
würde ich mir jetzt eine neue modische Frisur wachsen lassen, vielleicht etwas
aus den 80igern, soll ja wieder modern sein.
Viel schlimmer als die Badezimmerprobleme
war jedoch das Sachenpacken, da ab dem 30. Dezember wir unser lieb gewonnenes
Häuschen verlassen mussten und jeder verschiedene Wege für den Jahreswechsel
einschlagen würde.
Wo und wie ich den
Erdballgeburtstag verbracht habe, berichte ich hoffentlich bald mit eine
weniger großen Verzögerung.
Bis dahin lasst euch von der Einarmigen grüßen.
Bis dahin lasst euch von der Einarmigen grüßen.
(v.l.o.) Kasper, Oskar, Paul, John, Kate
(v.l.u.) Kiera, Mic, Flo, Julia, Ickeee
(v.l.u.) Kiera, Mic, Flo, Julia, Ickeee
Welch Vergnügen den Jungs beim Abwasch zuzusehen!
Der schönste Weihnachtsbaum überhaupt :D
Flo und mein Weihnachtsgeschenk: Ein Gips zum Mitnehmen.




