Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Donnerstag, 30. Januar 2014

Die Weihnachtsüberraschung


Abends am 23. Dezember als ich bei meiner Gastfamilie an kam hieß es auch gleich wieder Sachen aus- und einpacken. Dabei realisierte ich, dass sich in den letzten 4 Monaten ganz schön viel Mist angesammelt hat und mein Backpack längst nicht mehr ausreichte, um alles zu verstauen. Glücklicherweise habe ich auf meinem Rückflug zwei frei Gepäckstücke und muss somit nichts draufzahlen. Hoffe ich zumindest, da Banff und Jasper ja auch mit sollen und das kann gut und gerne Mal bestimmt unter Übergrößengepäck deklariert werden und so wie ich die Welt kenne, darf man bestimmt dafür bezahlen. Naja was muss das muss.
Beim Einpacken erkannte ich nicht nur wie viel Zeug ich besitze, sondern auch dass ich meine Gastfamilie und die geschützten vier Wände für immer (oder zumindest für sehr lange Zeit) verlassen würde. Genauso wie Weihnachten hatten wir auch schon eine Abschiedsfeier, aber wenn man dann doch direkt vor der Tür mit gepackter Tasche steht ist es doch noch mal ein ganz anderes Gefühl. Kurzen Plausch bei einem letzten Abendkaffee mit Grant und Kyle und dann klingelte es auch schon an der Tür und mein persönliches Taxi war bereit mich abzuholen. Innige Umarmungen, herzliche Worte, einige letzte Späße und dann wurde das Kapitel Gastfamilie Lucas mit einem Autotürknallen beendet. Kurz durchatmen und nächstes Kapitel starten. So wie der Lebenskreislauf nun mal ist.
Zusammen mit John holten wir Flo ab und fuhren dann keine 5 Minuten entfernt zu unserem neuen Heim. Am unteren Hang der Universität befand sich das hübsche Holzhäuschen mit zwei Etagen, Terrasse und einem recht großen Garten. Blick auf die Stadt, Berge und den Fluss – perfekt und Schnee lag auch, damit kann Weihnachten also los gehen. Beim Einzug lag die versammelte Mannschaft vor dem Fernseher und verfolgten die im 5 Minuten-Takt kommenden Werbeunterbrechungen. Viel Zeit also, um die Weihnachtspläne zu diskutieren und dies stellte sich als besondere Herausforderung dar, wenn man mit mehreren Nationen unter einem Dach lebt. Die Australier haben fest darauf bestanden am Morgen des 25. zu feiern, so wie die meisten englischsprachigen Länder es tun. Wir Deutschen hingegen hatten natürlich Heiligabend im Visier und Kate aus der Ukraine schlug den 6. Januar vor. Eine kurze Debatte später haben Flo und ich aber das Zepter übernommen und als Festtagsessensbeauftragte den 24. festgelegt. Kein wenn und aber, wer meckert kriegt nichts zu essen – janz einfach!
So begann also der nächste Tag früh mit Einkaufen während die Jungs Skifahren waren und den Auftrag hatten einen Tannenbaum zu fällen. Nun ja wenn man dann aber uns Mädels alleine einkaufen lässt, dann brauch man(n) sich auch nicht wundern wenn wir lächerliche 170$ für Lebensmittel ausgegeben haben. Dafür standen wir auch ganze 8 Stunden in der Küche und haben für zehn Personen Rumkugeln, Vanillekipferl, Nussecken, Glühwein, Hackbraten, gefüllte Paprikaschoten, Salat, Sauerkraut, Käsespätzle, Kartoffelbrei und Gemüsepfanne gekocht. Nicht wirklich ein typisches Festtagsessen, aber dafür ziemlich deutsch und lecker. Meckern war ja eh nicht erlaubt, also muss es offensichtlich jedem geschmeckt haben oder sie haben sich einfach nur vor dem drohenden Schlag mit der Bratpfanne gefürchtet. Das bleibt wohl ein Weihnachtsgeheimnis.
Nach dem Gefresse waren Flo und ich ziemlich erschöpft und haben dafür mit größtem Vergnügen mit einem Bier den Jungs dabei zugesehen wie sie das Geschirr per Hand abgewaschen haben – ein Bild für die Götter! Ganz nebenbei haben wir damit auch gleich für die Weihnachtsbaumdeko gesorgt, denn der Baum war nun da und stand prachtvoll in der Ecke, aber beim Suchen der Christbaumkugeln, Lichterketten und Lametta im Wald haben die Jungs kläglich versagt. Das heißt dann wohl improvisieren und wie ginge es besser als mit Bierdosen?? Diese sind farbenfroh, leicht anzubringen und wir haben zaaaahlreiche davon. Vor allem im Laufe der Woche haben sich so einige angesammelt und unser Bäumchen hübsch verziert. Während der heilige Abend mit diversen Karten- und Brettspielen belustigt wurde und natürlich auch eine kleine Bescherung nicht fehlen durfte, stand am nächsten Tag aufräumen, aber auch faulenzen auf dem Tagesprogramm. Zum Skifahren waren alle zu müde und zum Rausgehen alle zu träge. Essensreste wurden verspeist und Fernsehserien geschaut, doch am Abend hatten dann alle genug von dem Müßiggang und eine Aktivität musste her und wenn man schon weiße Weihnachten hat, dann muss man das natürlich auch vollkommen ausnutzen. Also los raus in die Nacht und Schneeballschlacht gemacht! Teambildung war klassisch: Jungs gegen Mädchen Strategie nicht vorhanden, sodass auch kurzzeitig Mal jeder gegen jeden war und naja nach einigen Runden Kings Cup, Fuck the dealer und Beeramide war die Treffsicherheit der Schneebälle nicht mehr 100%ig sichergestellt. Die Jungs haben natürlich geschummelt und Schneeschaufeln und Eimer zur Hilfe genommen, womit wir Mädels regelrecht mehrmals eingeseift wurden, aber wir haben uns selbstverständlich angemessen gerecht. Nach einigen Minuten merkte ich einen plötzlichen und stechenden Schmerz in meinem rechten Ellenbogen und so richtig weit konnte ich meine Schneebälle auch nicht mehr werfen. Ich habe mir natürlich nichts weiter dabei gedacht und im Trubel mit meiner linken Hand mitgemischt, was meine Trefferquote jedoch in ein miserables Minus abrutschen lies. Nach 45 Minuten war jeder mindestens einmal im Schnee gelandet und der gesamte Garten umgewälzt, sogar der zuvor am Abend gebaute Schneemann musste darunter leiden und Teile seiner Körperteile (welche bleiben unser schmutziges Geheimnis) als Wurfgeschosse verwendet. Zurück im warmen Haus am Kaminfeuer verschlimmerte sich mein stechender Schmerz und mein Ellenbogen lies sich nicht mehr beugen. Ein Blick darauf zeigte jedoch nur eine leichte Schwellung und kleine Rötungen, jedoch keine Blutergüsse oder sonstige sichtbaren Schäden. Wird also nichts schlimmes sein, sicherheitshalber mit der Gemüsetüte aus dem Froster bisschen kühlen und dann wird’s schon wieder, sicher nur eine leichte Prellung. Der nächste Tag begann dann leider etwas schmerzhaft und es hatte sich ein kleiner Bluterguss gebildet, aber immer noch nichts Dramatisches und das Gedankenspiel zum Arzt zu gehen hat sich mit dem Datum des 26. Dezembers dann auch erledigt. Egal, die Prellung oder was es ist kann man eh kaum behandeln, also einfach abwarten und Bier trinken, wird schon besser werden. Den Arm konnte ich jedoch immer noch nicht richtig bewegen und damit beschränke sich jegliche Aktivität auf den linken Arm. Mahlzeiten zubereiten und auch das anschließende Verspeisen gestaltete sich somit zu einem Kleckerfest der feinsten Kindergartensorte. Zum Glück waren wir den ganzen Tag zu Hause und haben gepuzzelt, Filme geguckt oder Karten gespielt bis die Füße eingeschlafen sind, ansonsten hätte ich mein Oberteil nach jedem Mahl wechseln müssen oder mich als Sonntagsassi ausgeben müssen. Nach den zwei Gammeltagen beschlossen wir dann doch etwas aktiv zu werden und schnallten die Skischuhe erneut an und machten uns auf den Weg nach Sun Peaks. Mein Arm war immer noch etwas schmerzhaft und mittlerweile auch bunter geworden, aber Skifahren hatte Priorität, ich würde dann sicher danach zum Arzt gehen. …Vielleicht… Die Skistöcker konnte ich zwar nicht halten, aber die sind eh überbewertet und ohne sieht eh cooler aus. Nach dem erfolgreichen Skitag war ich natürlich zu müde zum Arzt zu gehen und hatte mir stattdessen fest vorgenommen am nächsten Tag den mittlerweile nahezu oberschenkeldicken Arm untersuchen zu lassen. Am nächsten Morgen haben wir jedoch beschlossen zunächst ins Kino zu gehen und The Wolf of Wall Street zu schauen und direkt danach bin ich ins Krankenhaus, doch die haben mir empfohlen lieber am nächsten Tag zum Arzt zu gehen, das wäre wohl billiger und besser als auf einem Samstag in der Notaufnahme zwei Stunden zu warten. Okay na gut, also wieder zurück zum Haus und eine letzte Nacht mit der Ungewissheit über die mittlerweile rot-gelb-blaue Keule schlafen. Beim Arzt wurde der Arm dann gründlich von allen Seiten betatscht und schien nicht schmerzhaft zu sein, bis zu dem einen Punkt am Ellenbogen, wo ich mir fast die Seele aus dem Leib geschrieen oder eher gequiekt habe. „Tut’s da weh?“ Ach nööö, das war nur ein erquickender Laut der Freude. „Okay also wenn es da weh tut und du den Ellenbogen nicht bewegen kannst, dann ist der wohl gebrochen, eine typische Stelle, wo gut und gerne eine Operation notwendig ist, um den Knochen wieder zu richten, aber das werden dann die Röntgenbilder im Krankenhaus feststellen.“ Gebrochen? Krankenhaus?? OPERATION??? Waaaah das sollte doch nur eine blöde Prellung und kein katastrophaler Kanadaaufenthalt sein! „Ja die Röntgenstelle in der Stadt ist sonntags geschlossen, also solltest du ins Krankenhaus gehen oder du gehst morgen.“ Mhm wieder einen Tag warten mit einem möglicherweise Krüppelarm oder lieber 900$ für Gewissheit im Krankenhaus zahlen? Während ich meinen gedanklichen Monolog über meine nächsten Schritte verfolgte, schaute mich der Arzt verwundert an und sagte „Denkst du gerade ernsthaft darüber nach morgen zu gehen? Mädchen du bist meilenweit von deiner Heimat entfernt und hast wahrscheinlich einen deplazierten Knochen im Gelenk, natürlich gehst du sofort ins Krankenhaus! Ich habe schon die Ärzte dort informiert damit du keine Wartezeiten hast.“ Oh okay in dem Fall habe ich wohl keine andere Wahl. Der Arzt schaute mich etwas böse an, aber auf die besorgte und tadelnde als wütende Art. Zum Krankenhaus wurde ich dann zum Glück von Mic gefahren und vor ort dank dem Arzt mit einer Sonderbehandlung versorgt. Gegen 5 Uhr am Nachmittag verlies ich dann das Krankenhaus mit einem hübschen Gips und der Gewissheit, dass keine Operation nötig ist, da es sich um eine einfach Fraktur und nichts Dramatisches handelt. Nun ja die Planung für den letzten Tag im Haus hatte ich mir zwar etwas anders vorgestellt, aber wenn man eins beim Reisen lernt, dann dass man nichts planen kann, sondern alles einfach auf sich zukommen lassen soll.
Mit der ungewollten Armversteifung war mein Handlungsradius noch weiter eingeschränkt und damit wurde es richtig lustig. Schon mal mit der nicht dominanten Hand die Zähne geputzt, Haare gekämmt oder Dokumente unterschrieben? Macht einen Mordsspaß! Damit wurde also das Alltägliche zum Abenteuer und vor allem die Tatsache, dass ich mit der rechten Hand mein Gesicht und den Kopf nicht mehr erreichen konnte. Einen Zopf zu machen war nun nicht mehr möglich, genauso wenig wie die Skibrille aufzusetzten oder appetitliche Sachen, wie zum Beispiel die linke Achsel zu rasieren. Da würde ich mir jetzt eine neue modische Frisur wachsen lassen, vielleicht etwas aus den 80igern, soll ja wieder modern sein.
Viel schlimmer als die Badezimmerprobleme war jedoch das Sachenpacken, da ab dem 30. Dezember wir unser lieb gewonnenes Häuschen verlassen mussten und jeder verschiedene Wege für den Jahreswechsel einschlagen würde.
Wo und wie ich den Erdballgeburtstag verbracht habe, berichte ich hoffentlich bald mit eine weniger großen Verzögerung.
Bis dahin lasst euch von der Einarmigen grüßen.

(v.l.o.) Kasper, Oskar, Paul, John, Kate
(v.l.u.) Kiera, Mic, Flo, Julia, Ickeee

Welch Vergnügen den Jungs beim Abwasch zuzusehen!

Der schönste Weihnachtsbaum überhaupt :D





Flo und mein Weihnachtsgeschenk: Ein Gips zum Mitnehmen.


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