Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Montag, 6. Januar 2014

Seattle auf Umwegen

Am späten Nachmittag machten wir uns langsam auf den Weg die Trauminsel zu verlassen und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu kommen. Auf dem Highway nach Victoria fiel mir dann fast alles aus dem Gesicht als mich der Gedankenblitz traf: Wo war eigentlich mein Reisepass? Na wo schon Jane, da wo er immer liegt wenn du auf Tour gehst, safe and sound im Schrank von Kamloops, wo ich alle wichtigen Dokumente aufbewahre. Verdammt. Brauch ich wirklich einen Reisepass, um nach Amerika einzureisen, ich meine ins Land mit einer der schärfsten Einreisebestimmungen? Verdammt hoch zwei ja. Können wir irgendwie mit dem Auto schnell nach Kamloops und wieder zurück fahren? Verdammt hoch 3 nein, weil die Fähre nachts nicht verkehrt und es hin und zurück mehr als 15 Stunden dauern würde. Gibt es denn wenigstens einen Expresspaketdienst, der innerhalb von weniger als 16 Stunden an einem Sonntag in der Nacht liefern würde? Verdammt hoch 4 nein natürlich nicht. Okay also bleibt nichts anders übrig, als den ganzen Trip zu streichen, blöderweise sind schon alle Bus-, Fährentickets und Unterkünfte bezahlt und nicht stornierbar. Verdammt hoch 5. Okay was nun? Einfach Mal meine Gastfamilie anrufen, die hatten bisher für alles eine Notlösung, vielleicht ja auch diesmal. Als ich Christine von meinem Problem berichtet habe kam nur: „Hang on sweety, I gonna figure out something for you and call ya back in a couple of minutes.’’ Sweet, thx. Und so hieß es warten. Währenddessen erreichten wir Naniamo und beschlossen hier eine Kaffeepause einzulegen. Gerade den Pumpkin Spice Soy Latte (keine Ahnung seit wann Kaffee so komplizierten Namen hat – egal schmeckt) bestellt und schon erreichte mich Christines Rückruf. „Hey Jane, I just looked up a delivery service but there is nothing working quick enough but Grant got some friends who will drive to Vancouver tomorrow and they could pick up your passport and give it to you in Van if you like to?!“ Damn yeah I like! Wie gut dass wir uns gerade in Starbucks befinden und das kostenlose Internet ausnutzen konnten. So konnte ich gleich meine Fähre für morgen nach Vancouver buchen und auch den Bus nach Seattle von dort aus. Würde wohl ein anstrengender Tag werden. 3 Großstädte in 24 Stunden. Aber erstmal mussten wir zurück nach Victoria und uns von Black Jake verabschieden, den wir beide sehr vermissen würden. Bei der Abgabe stellten wir dann die gute Seite des Regens fest, denn nun mussten wir nicht mehr in eine Waschanlage fahren, da der tagelange Regen nahezu allen Dreck von den Schotterstraßen weggespült hat. Von David verabschiedete ich mich an der Stelle auch, da er natürlich nicht mit nach Vancouver kommen würde, aber der Abschied war nur für kurz, in einigen Stunden würden wir uns im Nachbarland schon wieder sehen.
Während also David planmäßig seine Fähre nach Seattle nahm, fuhr ich mit dem Bus zum anderen Fährenterminal, nahm die Fähre, dann wieder in den Bus nach Vancouver zum Flughafen, um von dort mit der Stadtbahn in einen Vorort zu düsen und dort den Bus für die letzten Stationen zu einem Einkaufscenter zu nehmen, wo Grants Freunde auf mich warteten und mir freundlich den Reisepass übergaben. Klappte wie am Schnürchen. Jetzt nur noch den ganzen Weg zurück nach Downtown und etwas Essbares organisieren. Meine Falafel habe ich dann genüsslich am Strand verspeist und dabei den Sonnenuntergang hinter dem großen beleuchteten Weihnachtsbaum beobachtet. Nach einem kurzen Verdauungschillen folgte ein Verdauungsspaziergang von Downtown zur zentralen Busstation etwas Außerhalb am Wasser entlang. Mit dem riesen Backpack auf dem Rücken, kam ich etwas aus der Puste an der Station an und als ich mich auf der Toilette frisch machen wollte, stand plötzlich Lenita aus Schweden und Desi aus Deutschland vor mir. Beide kamen gerade aus Kamloops und haben ihre letzten Tage dort verbracht, nun ging es für beide nach Hawaii, um Weihnachten und Neujahr dort zu feiern. Etwas neidisch darüber verbrachte ich die letzte Stunde vor meiner Abreise mit Erinnerungen und Geschichten aus Kamloops und die letzten drei Monate mit den Mädels.

Dann war es endlich soweit, mit meinem Reisepass in der Hand betrat ich den Bus und keine 45 Minuten später waren wir auch schon an der Grenze. Mal eben meine Fingerabdrücke an das amerikanische System übergeben und schwups, welcome to the USA. Noch ca. zwei, drei Stunden mehr und schon fand ich mich in der letzten Großstadt des Tages wieder.
 
Dicke Regentropfen begrüßten mich in der regenreichsten Stadt Nordamerikas, die auch dank der Twilight Saga wegen ihrer undurchdringlichen Wolken bekannt für den Vampirrückzug ist. Vampire habe ich auf meinem Weg zum Hostel zum Glück nicht gesichtet, dafür aber David, der mich fröhlich begrüßte und auch gleich vorschlug etwas die Nachtszene zu erkunden. Nach meinem Check-In ins Zimmer und der Feststellung, dass sich darin nur langweilige Mädchen und schüchterne Chinesinnen befanden, war ich froh, dass David wenigstens coole Roommates hatte mit denen wir die Stadt erkunden konnten. Seltsamerweise ist es in Kanada und scheinbar auch in den USA üblich Geschlechter getrennte Zimmer in Hostels zu haben. Ziemlich ungewohnt, denn in Neuseeland, Australien und sonst wo war das nie der Fall. Anscheint sind die Amis wirklich etwas prüde. Anyway, nachdem ich meine Sachen abgelegt habe machte ich Bekanntschaft mit Rodgrio und Andrew. Zusammen mit dem Brasilianer und dem Singapurer (Leute aus Singapur? Zu 90% eh Chinesen, aber in diesem Fall doch eher ein Singapurianer oder Singa oder Singanese…) liefen wir einige Blocks vom Hostel entfernt in zwei Bars und erforschten the american way of life. Nunja zumindest hatten wir ein bisschen das Gefühl als wir in den typischen quietsch roten Plastiksesseln unser Budweiser uns schmecken ließen und dabei die bunten Bilder von amerikanischen Flaggen an der Wand verteilt begutachteten. Bis auf Andrew, der seit August in Portland studiert, war es für alle von uns die erste Nacht in Amerika und besonders Rodrigo war geschockt und begeistert zugleich. Frisch aus dem sonnigen São Paulo war er nicht nur vom Jetleg, sondern auch von der Kälte geplagt und scheinbar auch von der westlichen Mentalität. In meiner deutsch gewohnten Manier streckte ich bei der Begrüßung meine Hand aus, etwas perplex erwiderte er es und später teilte er mir mit wie verwundert er war, denn in Brasilien werden alle Mädchen mit einem Küsschen links und rechts begrüßt und nun war ich das erste weibliche Wesen in Amerika und konfrontierte ihn mit der kalten Realität. Nach dem internationalen Austausch wurden wir auch schnell müde, nachdem jeder von uns eine recht lange Reise hinter sich hatte und so kehrten wir gegen 1 Uhr zurück ins Hostel.
 
Noch etwas verschlafen schauten wir am Frühstücktisch durch die beschlagenen Fensterscheiben und feuerten die Wolken an sich schneller zu bewegen und Platz für die Sonne zu machen. Immerhin war die Morgenröte am Horizont zu kennen und wer weiß, vielleicht würden wir ja etwas Sonne zu Gesicht bekommen, aber solange es noch etwas grau war beschlossen wir zum Public Pike Place Market zu gehen. Ja zur Abwechslung mal wieder ein Markt, aber dieser ist berühmt, historisch wertvoll und wirklich sehenswert. Was unter anderem an der bekannten „Gum Wall“ liegt. Eine Wand die sich in einer Seitenstraße zum Eingang befindet und seit 1993 voll mit Kaugummi ist. Was sonst verpönt und als unschön gilt und in Singapur sogar mit einer Strafe von 500$ geahndet wird, wurde hier von einem Theater-Kunst-Projekt zu einer der bekanntesten Touristenattraktionen in Seattle. Es ist zudem ein beliebter Platz für Hochzeitsfotos, warum auch immer man eine bunte mit tausend von DNA fremder Menschen verseuchter Wand als Hintergrund für seinen vermeidlich romantischsten Tag im Leben haben will. Scheint aber nicht ungewöhnlich zu sein, da wir auch gleich einen Heiratsantrag in klebrigem und durchgekautem Weiß vorgefunden haben. Naja heiraten würde ich hier nicht wollen, aber einen zerkauten Kaugummi ran zu kleben war natürlich Pflicht.
Anschließend ging es zum eigentlichen Markt, welcher 1907 eröffnet wurde und damit der älteste Bauernmarkt in Amerika ist. Einer der Traditionen ist es auf dem Fischstand jeden verkauften Fisch mit lautem Gebrüll über den Tresen fliegen zu lassen und wird daher auch „flying fish“ genannt. Dies ist durch pure Faulheit entstanden, da die Verkäufer es leid waren bei jedem Verkauf um den gesamten großen Stand zu laufen und somit Zeit zu verlieren, mit dem Werfen wurde der Verkauf effizienter und für die Touristen spektakulärer. Neben dem fliegenden Fisch gibt es auch die weltweit erste Starbucksfiliale zu bewundern, welche 1977 ihren Standort am Pike Place gefunden hat und von hier aus die Welt mit komplizierten Kaffeenamen erobert hat. Zudem findet man auf dem gesamten Boden Namen von irgendwelchen Musikern eingraviert, welchen Hintergrund dies und das große goldene Schwein namens Rachel am Eingang hat, konnte ich leider nicht herausfinden. Falls jemand zufällig was weiß, lasst es mich wissen. Doch bis dahin haben wir den Markt hinter uns gelassen und sind etwas am Ufer entlang spaziert, um das mittlerweile sonnige und wolkenlose Wetter zu genießen. Jackpot. Diese einmalige und seltene Sonnengegebenheit in Seattle nutzen wir auch gleich aus, um auf das unübersehbare Wahrzeichen der Stadt: die Speace Needle zu steigen und die gesamte Skyline bei klarer Sicht zu bewundern. Beim Herumschlendern auf dem Sonnendeck (Yey der Name passt ausnahmsweise Mal) ist mir aufgefallen, dass es mittlerweile mein neunter Aussichtsturm in einer Großstadt ist und wahrscheinlich auch nicht der Letzte. Grundsätzlich sind sie in jeder Stadt gleich: groß, Touristenüberlaufen, teuer und oftmals mit einem sich drehenden Restaurant ausgestattet, welches selbstverständlich ebenfalls teuer ist. Aber was an Seattle beeindruckend war (und nein diesmal meine ich nicht die Sonne) ist das amerikanische feeling. Ich kann nicht genau beschreiben ob es an den 21 Starbucks in der Innenstadt liegt (ja wir haben nachgezählt und ein Spiel draus gemacht, btw. Ich habe gewonnen) oder an der Tatsache, dass hier alles größer ist – Autos, Gebäude, Essensportionen, Menschen…, vielleicht waren es aber auch die typisch gelben Taxen und die in regelmäßigen Abständen verteilten Us amerikanischen Flaggen, die einem das Gefühl vom mächtigen Land mit den unbegrenzten Möglichkeiten gab. Fasziniert war ich auf jeden Fall, was jedoch wohl eher den schneebedeckten Bergen im Hintergrund gepaart mit dem funkelnden Ozeanwasser zu verschulden ist.
Nachdem es hoch hinauf ging, spazierten wir nun auf Meeresspiegelniveau am Wasser entlang und genossen die untergehende Sonne mit ihrem Farbenspiel. Ein geeigneter Moment mal die Seele am Strand baumeln zu lassen, nach den letzten Tagen umher laufen und reisen. Zur Stärkung gab es Gemüseburritos in einem bunt quirligen mexican Restaurant.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Als einer der nur zweimal im Jahr auftretenden sonnigen Tage in Seattle vorbei war, stand natürlich wieder eine regenverhangene Atmosphäre vor der Tür. Ein perfekter Tag also, um den Grossteil der Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen. Also ab zu den Museen der Stadt und die gibt es hier wie Wolken am Himmel. Zuerst erkundeten wir die Underground Tour, wo wir durch die Katakomben der Stadt geführt wurden und gelernt haben, dass unter dem heutigen Zentrum sich ein weiteres befindet. Die Verkehrsstraßen der ursprünglichen Stadt wurden in einem Bauprozess von 10 Jahren aufgefüllt und verdichtet. Die zweite Etage der ehemaligen Großgebäude war nun das Erdgeschoss und im Untergrund fand man etliche Requisiten und Schilder der vergangen Jahre vor. Grund für diesen enormen Aufwand war die problematische Nähe zum Meereswasser, wodurch die Stadt regelmäßig von den Gezeiten überflutet wurde. Da aber von den Gründungsvätern, wegen dem strategisch günstigen Standort, niemand die Stadt aufgeben wollte, wurden keine Mühen und Kosten gescheut eine zweite Stadt zu erbauen. Nun durften wir also in den verlassenen Gemäuern der Geisterstadt umherkrauchen und uns auf unterhaltsame Weise bilden lassen. Nach ca. 90 Minuten erblicken wir wieder Tageslicht und frische Großstadtluft. Das Grau hat immer noch die Oberhand über Seattle und das war das Zeichen ins nächste Museum zu pilgern. Da wir Stadthistorische Geschichte nun hinter uns hatten, folgte etwas Unterhaltung in Form von Musik. David als ein eingefleischter Musiker, der Gitarre, Mundharmonika, Klavier, Bass und irgendein Elektronikzeug spielt, konnte schon den ganzen Aufenthalt nicht abwarten endlich in die Musikhalle zu treten. Ich als total unmusikalischer, dafür aber halbwegs sozialer Mensch hab mich der Freude natürlich angeschlossen und mich von der Jimi Hendrix, Nirvana und Gitarrenausstellung faszinieren lassen. Zugegebenermaßen nach gut 15 Minuten war das Maximum meiner Aufmerksamkeitsspanne für musikhistorische Fakten erschöpft und ich nach der hundert und zweiundreißigsten Gitarre etwas gelangweilt, aber mein persönlicher Musikkenner David war unermüdlich damit beschäftigt mir mehr Wissen über Jimi Hendrix größten Jahre zu berichten. Wenigstens konnte ich ein bisschen Musik zwischendurch hören und mich von der 50meter hohen Instrumenteninstallation hinreißen lassen.
 
 
 
 
 
 

Viel Zeit im Museum konnten wir ohnehin nicht verbringen, da um 4pm unser Bus zurück nach Kamloops abreisen würde und ganz ehrlich? Ich habe mich unendlich über die 10 Stunden Fahrt in einem engen, klapprigen Bus mit einem unfreundlichen Busfahrer (welcome to america) gefreut. Nach Knapp 10 Tagen rumreisen und den letzten Tagen Großstadtrummel, habe ich mich ziemlich nach der kleinen Wüste im bergigen Umland gesehnt und war mehr als froh mitten in der Nacht die eisigen -15°C einzuatmen und mich wieder wie zuhause zu fühlen. Auf der Reise habe ich mitbekommen, dass mir das kleine niedliche Kamloops doch sehr ans Herz gewachsen ist. Zu Schade, dass die Tage hier nun gezählt sind.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen