Am
späten Nachmittag machten wir uns langsam auf den Weg die Trauminsel zu
verlassen und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu kommen. Auf dem
Highway nach Victoria fiel mir dann fast alles aus dem Gesicht als mich der
Gedankenblitz traf: Wo war eigentlich mein Reisepass? Na wo schon Jane, da wo
er immer liegt wenn du auf Tour gehst, safe and sound im Schrank von Kamloops,
wo ich alle wichtigen Dokumente aufbewahre. Verdammt. Brauch ich wirklich einen
Reisepass, um nach Amerika einzureisen, ich meine ins Land mit einer der
schärfsten Einreisebestimmungen? Verdammt hoch zwei ja. Können wir irgendwie
mit dem Auto schnell nach Kamloops und wieder zurück fahren? Verdammt hoch 3
nein, weil die Fähre nachts nicht verkehrt und es hin und zurück mehr als 15
Stunden dauern würde. Gibt es denn wenigstens einen Expresspaketdienst, der
innerhalb von weniger als 16 Stunden an einem Sonntag in der Nacht liefern
würde? Verdammt hoch 4 nein natürlich nicht. Okay also bleibt nichts anders
übrig, als den ganzen Trip zu streichen, blöderweise sind schon alle Bus-,
Fährentickets und Unterkünfte bezahlt und nicht stornierbar. Verdammt hoch 5.
Okay was nun? Einfach Mal meine Gastfamilie anrufen, die hatten bisher für
alles eine Notlösung, vielleicht ja auch diesmal. Als ich Christine von meinem
Problem berichtet habe kam nur: „Hang on sweety, I gonna figure out something
for you and call ya back in a couple of minutes.’’ Sweet, thx. Und so hieß es warten. Währenddessen erreichten wir Naniamo
und beschlossen hier eine Kaffeepause einzulegen. Gerade den Pumpkin Spice Soy
Latte (keine Ahnung seit wann Kaffee so komplizierten Namen hat – egal
schmeckt) bestellt und schon erreichte mich Christines Rückruf. „Hey Jane, I just looked
up a delivery service but there is nothing working quick enough but Grant got
some friends who will drive to Vancouver tomorrow and they could pick up your
passport and give it to you in Van if you like to?!“ Damn yeah I like! Wie gut dass wir uns gerade in Starbucks
befinden und das kostenlose Internet ausnutzen konnten. So konnte ich gleich
meine Fähre für morgen nach Vancouver buchen und auch den Bus nach Seattle von
dort aus. Würde wohl ein anstrengender Tag werden. 3 Großstädte in 24 Stunden.
Aber erstmal mussten wir zurück nach Victoria und uns von Black Jake
verabschieden, den wir beide sehr vermissen würden. Bei der Abgabe stellten wir
dann die gute Seite des Regens fest, denn nun mussten wir nicht mehr in eine
Waschanlage fahren, da der tagelange Regen nahezu allen Dreck von den
Schotterstraßen weggespült hat. Von David verabschiedete ich mich an der Stelle
auch, da er natürlich nicht mit nach Vancouver kommen würde, aber der Abschied
war nur für kurz, in einigen Stunden würden wir uns im Nachbarland schon wieder
sehen.
Während
also David planmäßig seine Fähre nach Seattle nahm, fuhr ich mit dem Bus zum
anderen Fährenterminal, nahm die Fähre, dann wieder in den Bus nach Vancouver
zum Flughafen, um von dort mit der Stadtbahn in einen Vorort zu düsen und dort
den Bus für die letzten Stationen zu einem Einkaufscenter zu nehmen, wo Grants
Freunde auf mich warteten und mir freundlich den Reisepass übergaben. Klappte
wie am Schnürchen. Jetzt nur noch den ganzen Weg zurück nach Downtown und etwas
Essbares organisieren. Meine Falafel habe ich dann genüsslich am Strand
verspeist und dabei den Sonnenuntergang hinter dem großen beleuchteten
Weihnachtsbaum beobachtet. Nach einem kurzen Verdauungschillen folgte ein
Verdauungsspaziergang von Downtown zur zentralen Busstation etwas Außerhalb am
Wasser entlang. Mit dem riesen Backpack auf dem Rücken, kam ich etwas aus der
Puste an der Station an und als ich mich auf der Toilette frisch machen wollte,
stand plötzlich Lenita aus Schweden und Desi aus Deutschland vor mir. Beide
kamen gerade aus Kamloops und haben ihre letzten Tage dort verbracht, nun ging
es für beide nach Hawaii, um Weihnachten und Neujahr dort zu feiern. Etwas
neidisch darüber verbrachte ich die letzte Stunde vor meiner Abreise mit
Erinnerungen und Geschichten aus Kamloops und die letzten drei Monate mit den
Mädels.
Dann war
es endlich soweit, mit meinem Reisepass in der Hand betrat ich den Bus und
keine 45 Minuten später waren wir auch schon an der Grenze. Mal eben meine
Fingerabdrücke an das amerikanische System übergeben und schwups, welcome to
the USA. Noch ca. zwei, drei Stunden mehr und schon fand ich mich in der
letzten Großstadt des Tages wieder.
Dicke
Regentropfen begrüßten mich in der regenreichsten Stadt Nordamerikas, die auch
dank der Twilight Saga wegen ihrer undurchdringlichen Wolken bekannt für den
Vampirrückzug ist. Vampire habe ich auf meinem Weg zum Hostel zum Glück nicht
gesichtet, dafür aber David, der mich fröhlich begrüßte und auch gleich
vorschlug etwas die Nachtszene zu erkunden. Nach meinem Check-In ins Zimmer und
der Feststellung, dass sich darin nur langweilige Mädchen und schüchterne
Chinesinnen befanden, war ich froh, dass David wenigstens coole Roommates hatte
mit denen wir die Stadt erkunden konnten. Seltsamerweise ist es in Kanada und
scheinbar auch in den USA üblich Geschlechter getrennte Zimmer in Hostels zu
haben. Ziemlich ungewohnt, denn in Neuseeland, Australien und sonst wo war das
nie der Fall. Anscheint sind die Amis wirklich etwas prüde. Anyway, nachdem ich
meine Sachen abgelegt habe machte ich Bekanntschaft mit Rodgrio und Andrew.
Zusammen mit dem Brasilianer und dem Singapurer (Leute aus Singapur? Zu 90% eh
Chinesen, aber in diesem Fall doch eher ein Singapurianer oder Singa oder Singanese…)
liefen wir einige Blocks vom Hostel entfernt in zwei Bars und erforschten the
american way of life. Nunja zumindest hatten wir ein bisschen das Gefühl als
wir in den typischen quietsch roten Plastiksesseln unser Budweiser uns
schmecken ließen und dabei die bunten Bilder von amerikanischen Flaggen an der
Wand verteilt begutachteten. Bis auf Andrew, der seit August in Portland
studiert, war es für alle von uns die erste Nacht in Amerika und besonders
Rodrigo war geschockt und begeistert zugleich. Frisch aus dem sonnigen São
Paulo war er nicht nur vom Jetleg, sondern auch von der Kälte geplagt
und scheinbar auch von der westlichen Mentalität. In meiner deutsch gewohnten
Manier streckte ich bei der Begrüßung meine Hand aus, etwas perplex erwiderte
er es und später teilte er mir mit wie verwundert er war, denn in Brasilien
werden alle Mädchen mit einem Küsschen links und rechts begrüßt und nun war ich
das erste weibliche Wesen in Amerika und konfrontierte ihn mit der kalten
Realität. Nach dem internationalen Austausch wurden wir auch schnell müde,
nachdem jeder von uns eine recht lange Reise hinter sich hatte und so kehrten wir
gegen 1 Uhr zurück ins Hostel.
Noch etwas verschlafen schauten
wir am Frühstücktisch durch die beschlagenen Fensterscheiben und feuerten die
Wolken an sich schneller zu bewegen und Platz für die Sonne zu machen. Immerhin
war die Morgenröte am Horizont zu kennen und wer weiß, vielleicht würden wir ja
etwas Sonne zu Gesicht bekommen, aber solange es noch etwas grau war
beschlossen wir zum Public Pike Place Market zu gehen. Ja zur Abwechslung mal
wieder ein Markt, aber dieser ist berühmt, historisch wertvoll und wirklich
sehenswert. Was unter anderem an der bekannten „Gum Wall“ liegt. Eine Wand die
sich in einer Seitenstraße zum Eingang befindet und seit 1993 voll mit Kaugummi
ist. Was sonst verpönt und als unschön gilt und in Singapur sogar mit einer
Strafe von 500$ geahndet wird, wurde hier von einem Theater-Kunst-Projekt zu
einer der bekanntesten Touristenattraktionen in Seattle. Es ist zudem ein
beliebter Platz für Hochzeitsfotos, warum auch immer man eine bunte mit tausend
von DNA fremder Menschen verseuchter Wand als Hintergrund für seinen
vermeidlich romantischsten Tag im Leben haben will. Scheint aber nicht
ungewöhnlich zu sein, da wir auch gleich einen Heiratsantrag in klebrigem und
durchgekautem Weiß vorgefunden haben. Naja heiraten würde ich hier nicht
wollen, aber einen zerkauten Kaugummi ran zu kleben war natürlich Pflicht.
Anschließend ging es zum
eigentlichen Markt, welcher 1907 eröffnet wurde und damit der älteste
Bauernmarkt in Amerika ist. Einer der Traditionen ist es auf dem Fischstand
jeden verkauften Fisch mit lautem Gebrüll über den Tresen fliegen zu lassen und
wird daher auch „flying fish“ genannt. Dies ist durch pure Faulheit entstanden,
da die Verkäufer es leid waren bei jedem Verkauf um den gesamten großen Stand
zu laufen und somit Zeit zu verlieren, mit dem Werfen wurde der Verkauf
effizienter und für die Touristen spektakulärer. Neben dem fliegenden Fisch
gibt es auch die weltweit erste Starbucksfiliale zu bewundern, welche 1977
ihren Standort am Pike Place gefunden hat und von hier aus die Welt mit
komplizierten Kaffeenamen erobert hat. Zudem findet man auf dem gesamten Boden
Namen von irgendwelchen Musikern eingraviert, welchen Hintergrund dies und das
große goldene Schwein namens Rachel am Eingang hat, konnte ich leider nicht
herausfinden. Falls jemand zufällig was weiß, lasst es mich wissen. Doch bis
dahin haben wir den Markt hinter uns gelassen und sind etwas am Ufer entlang
spaziert, um das mittlerweile sonnige und wolkenlose Wetter zu genießen. Jackpot.
Diese einmalige und seltene Sonnengegebenheit in Seattle nutzen wir auch gleich
aus, um auf das unübersehbare Wahrzeichen der Stadt: die Speace Needle zu
steigen und die gesamte Skyline bei klarer Sicht zu bewundern. Beim Herumschlendern
auf dem Sonnendeck (Yey der Name passt ausnahmsweise Mal) ist mir aufgefallen,
dass es mittlerweile mein neunter Aussichtsturm in einer Großstadt ist und
wahrscheinlich auch nicht der Letzte. Grundsätzlich sind sie in jeder Stadt
gleich: groß, Touristenüberlaufen, teuer und oftmals mit einem sich drehenden
Restaurant ausgestattet, welches selbstverständlich ebenfalls teuer ist. Aber
was an Seattle beeindruckend war (und nein diesmal meine ich nicht die Sonne)
ist das amerikanische feeling. Ich kann nicht genau beschreiben ob es an den 21
Starbucks in der Innenstadt liegt (ja wir haben nachgezählt und ein Spiel draus
gemacht, btw. Ich habe gewonnen) oder an der Tatsache, dass hier alles größer
ist – Autos, Gebäude, Essensportionen, Menschen…, vielleicht waren es aber auch
die typisch gelben Taxen und die in regelmäßigen Abständen verteilten Us
amerikanischen Flaggen, die einem das Gefühl vom mächtigen Land mit den
unbegrenzten Möglichkeiten gab. Fasziniert war ich auf jeden Fall, was jedoch wohl
eher den schneebedeckten Bergen im Hintergrund gepaart mit dem funkelnden
Ozeanwasser zu verschulden ist.
Nachdem es hoch hinauf ging,
spazierten wir nun auf Meeresspiegelniveau am Wasser entlang und genossen die
untergehende Sonne mit ihrem Farbenspiel. Ein geeigneter Moment mal die Seele
am Strand baumeln zu lassen, nach den letzten Tagen umher laufen und reisen.
Zur Stärkung gab es Gemüseburritos in einem bunt quirligen mexican Restaurant.
Als einer der nur zweimal im Jahr
auftretenden sonnigen Tage in Seattle vorbei war, stand natürlich wieder eine
regenverhangene Atmosphäre vor der Tür. Ein perfekter Tag also, um den Grossteil
der Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen. Also ab zu den Museen der Stadt
und die gibt es hier wie Wolken am Himmel. Zuerst erkundeten wir die
Underground Tour, wo wir durch die Katakomben der Stadt geführt wurden und
gelernt haben, dass unter dem heutigen Zentrum sich ein weiteres befindet. Die
Verkehrsstraßen der ursprünglichen Stadt wurden in einem Bauprozess von 10
Jahren aufgefüllt und verdichtet. Die zweite Etage der ehemaligen Großgebäude
war nun das Erdgeschoss und im Untergrund fand man etliche Requisiten und
Schilder der vergangen Jahre vor. Grund für diesen enormen Aufwand war die
problematische Nähe zum Meereswasser, wodurch die Stadt regelmäßig von den
Gezeiten überflutet wurde. Da aber von den Gründungsvätern, wegen dem
strategisch günstigen Standort, niemand die Stadt aufgeben wollte, wurden keine
Mühen und Kosten gescheut eine zweite Stadt zu erbauen. Nun durften wir also in
den verlassenen Gemäuern der Geisterstadt umherkrauchen und uns auf
unterhaltsame Weise bilden lassen. Nach ca. 90 Minuten erblicken wir wieder
Tageslicht und frische Großstadtluft. Das Grau hat immer noch die Oberhand über
Seattle und das war das Zeichen ins nächste Museum zu pilgern. Da wir
Stadthistorische Geschichte nun hinter uns hatten, folgte etwas Unterhaltung in
Form von Musik. David als ein eingefleischter Musiker, der Gitarre,
Mundharmonika, Klavier, Bass und irgendein Elektronikzeug spielt, konnte schon
den ganzen Aufenthalt nicht abwarten endlich in die Musikhalle zu treten. Ich
als total unmusikalischer, dafür aber halbwegs sozialer Mensch hab mich der
Freude natürlich angeschlossen und mich von der Jimi Hendrix, Nirvana und
Gitarrenausstellung faszinieren lassen. Zugegebenermaßen nach gut 15 Minuten war
das Maximum meiner Aufmerksamkeitsspanne für musikhistorische Fakten erschöpft
und ich nach der hundert und zweiundreißigsten Gitarre etwas gelangweilt, aber
mein persönlicher Musikkenner David war unermüdlich damit beschäftigt mir mehr
Wissen über Jimi Hendrix größten Jahre zu berichten. Wenigstens konnte ich ein bisschen
Musik zwischendurch hören und mich von der 50meter hohen
Instrumenteninstallation hinreißen lassen.
Viel Zeit im Museum konnten wir
ohnehin nicht verbringen, da um 4pm unser Bus zurück nach Kamloops abreisen
würde und ganz ehrlich? Ich habe mich unendlich über die 10 Stunden Fahrt in
einem engen, klapprigen Bus mit einem unfreundlichen Busfahrer (welcome to
america) gefreut. Nach Knapp 10 Tagen rumreisen und den letzten Tagen
Großstadtrummel, habe ich mich ziemlich nach der kleinen Wüste im bergigen
Umland gesehnt und war mehr als froh mitten in der Nacht die eisigen -15°C einzuatmen und mich wieder wie
zuhause zu fühlen. Auf der Reise habe ich mitbekommen, dass mir das kleine
niedliche Kamloops doch sehr ans Herz gewachsen ist. Zu Schade, dass die Tage
hier nun gezählt sind.
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