Eine entspannte Woche mit ausnahmsweise
Mal wenig Hausaufgaben und gemäßigten Unternehmungen liegt hinter mir. Die
Abende wurden entweder gemütlich vor dem Fernseher verbracht, um Reisefilme wie
„The Art of Travel“ (sehr empfehlenswert!) anzuschauen oder mit einem Bier und
Wein im Studentenwohnheim, um Geburtstagskinder zu kidnappen und ihren
Schlüpftag mit Kuchen zu zelebrieren. Das Wochenende wurde dann mit einem
traditionellen Oktoberfest in der Uni eingeläutet. Nun ja… dies war mehr oder
weniger gelungen, zum Einen weil trotz des irreführenden Namens das Bayernfest
nicht im Oktober stattfindet oder zumindest nicht Ende Oktober, zum Anderen werden
hauptsächlich peinliche Mitgrölsongs aus der Schlagerfamilie gespielt und keine
nordamerikanischen Popgruppen und was wohl am Wichtigsten ist: es gibt KEIN
Alkoholverbot auf dem Oktoberfest in Deutschland. Ein Grauen für alle
Mitglieder der Kartoffelnation, als die frohe Botschaft für das Bierfest
verkündet wurde. Wegen dieser Fettnäpfchen war das kanadische Pendant nicht
wirklich zufriedenstellend, weswegen unsere Gruppe sogleich ein bierliches
Alternativprogramm in den eigenen vier Wänden auf die Lederhosen stellte.
Immerhin waren einige von uns angemessen gekleidet und rote Pferde sowie
Gummibote dröhnten aus den Lautsprecherboxen. Allzu lang durfte der Spaß für
mich aber nicht andauern, da am nächsten Morgen es früh nach Kelowna gehen
sollte.
9.30 Uhr Grant, Christine, Gail
und ich sitzen gut gelaunt mit Kaffee und Obst im Auto und tuckerten gemächlich
Richtung Südosten auf dem Highway entlang. Während die zwei besten Freundinnen
Christine und Gail die spannendsten Neuigkeiten austauschten, Grant die Straße
vor sich hin summte, habe ich beschlossen die vergangene Nacht im Traum-Déja-Vu
nachzuholen. Gefühlte fünf Minuten Schlaf später erreichten wir auch schon
unser erstes Ziel: das kleine verschlafene Städtchen Vernon in mitten eines
riesigen Weinanbaugebiets namens Okanagan Vally. Innerhalb des nach
Obstplantagen duftenden Tals versorgten wir uns zunächst mit frischem
Mandelmilchkaffee und fuhren danach nicht unweit vom Stadtkern entfernt zum
Kalamalka. Hinter dem kuriosen Namen, der wie „Kannste mal Milch geben?“ in
Babysprache klingt, verbirgt sich wieder einmal ein wunderschöner See und wie
gewohnt konnte man die angrenzenden Hügel dabei beobachten wie sie ihre
Spitzenschönheit im spiegelnden Wasser bewunderten. Zu meiner Verwunderung war
das Wasser jedoch nicht milchig sondern grüntürkisblau schimmernd, wobei die
dichte Wolkendecke alles versucht hat, um eine trübselige Farbe zu kreieren.
Mit kalten Fingern die sich am warmen Kaffeebecher festsaugten umrundeten wir
einen kleinen Park, welcher direkt am Wasser gelegen ist. Die steilen
Felsklippen, üppige Hügelvegetation und die malerischen Schwimmbuchten taten
ihr Bestes, um eine sommerliche Atmosphäre herbeiwirken zu lassen. Bei 50°
Fahrenheit ist das nicht ganz so gut gelungen, aber man konnte immerhin
erahnen, dass vor noch wenigen Wochen die Einheimischen hier ihre
Großstadtsorgen Sportaktivitäten im Wasser ertränkten. Begleitet von den
strahlenden Blättern des Indian Summers schlenderten wir zurück zum Auto und
fuhren gut 60Km weiter in den Süden zur inoffiziellen Hauptstadt des Okanagan
Valley. Wie fast alle Städte ist auch Kelowna direkt am Wasser gelegen. Hier
muss es nur von wilden Tieren wimmeln, nicht nur dass der Stadtname übersetzt
‚Grizzlybär’ bei den Inland-Salish bedeutet, auch das mythische Seemonster
Ogopogo soll im angrenzenden Okanagan Lake sein ungeheures Unwesen treiben…
zumindest in der Phantasie, denn der possierliche Bruder von Loch Ness ist
nichts weiter als ein erfundenes Wappen für die 120000 Einwohner Stadt und
ziert nahezu jeden Spielplatz, Straßenlaterne und Wandmalerei. Hübsch zum
Angucken ist das grüne Vieh trotzdem. Beim Spaziergang in der Dämmerung
bewunderten wir die farbenfroh beleuchtete Stadt und konnten einwenig die
Partyszene in Downtown erschnuppern. Eigentlich war eine kleine Wanderung zum
Knox Mountain geplant, von wo man eine prächtige Aussicht auf die Stadt und
umliegende Skigebiete hat, jedoch haben wir den halben Tag mit Shoppen
verbracht, weswegen der frühe Sonnenuntergang uns das nötige Wandertageslicht
nahm. Den Ausblick auf das Okanagan Valley habe ich damit zwar verpasst, aber
immerhin bin ich jetzt um eine Skihose, zwei Pullover, einen Schal und ein Top
reicher und noch besser für die Schneebrettsaison ausgerüstet. Fehlen
eigentlich nur noch Skier… … …nicht wirklich denn Jasper und Banff (die Namen
der zwei Schneebrüder) stehen bereits frisch gewachst in meinem Schrank und
strahlen mich jeden Morgen voller Vorfreude an. Vor einer Woche habe ich das
Schnäppchen meines Lebens für die 2 Jahre alten Skier gemacht und bin grinsend
wie ein Honigkuchenpferd auf LSD durch das warme und sonnenverwöhnte Kamloops
stolziert und habe alle verwirrten T-Shirt-tragenden Blicke auf mich gezogen.
Es dauert aber nicht mehr lange und die verwirrten Blicke werden gegen ein zustimmendes
Annicken ausgetauschte, genauso wie die Mountainbikes und Kanus auf den
Autodächern allmählich durch Skidachboxen und Schneemobile ausgewechselt
werden.
Falls es euch also noch nicht
aufgefallen ist, I’m pretty stocked about the winterseason, wie man so schön
auf Englisch sagt. Bis dahin heißt es aber noch die letzten warmen
Sonnenstrahlen auf dem Wasser und bei Wanderungen ausnutzen und so sind
Christine und ich am nächsten Tag in die Nähe von Sun Peaks (Yey Skigebiet!)
gefahren und haben den Mount Embleton bezwungen. Von oben konnten wir die weite
Umgebung genießen und den Heffley Lake visuell erkunden, bevor wir eine kleine
Paddelboottour darauf unternehmen würden. Als ein erfolgsversprechender
Fischersee scharen sich in den Sommermonaten die Angler hier zuhauf und wirbeln
wie verrückt mit ihren motorisierten Booten auf dem Wasser umher. Ende Oktober
hatten wir den See jedoch komplett für uns alleine und konnten ganz privat und
gemütlich die seichten Wellen und den frischen Waldwind genießen. Zum
Nachmittag hin hatten wir allerdings genug frische Luft getankt und verbrachten
den faulen Abend gemütlich auf der Couch mit einem Film.
Somit ging dann auch ein vergleichsweise
ruhiges Wochenende zu Ende und man konnte mit neuer Energie wuselig in die
nächste Uniwoche starten.
