Seit dem Banff-Trip sind nun schon wieder zwei weitere
ereignisreiche Wochenenden vergangen. Unglaublich wie schnell die Zeit doch
rennt, nicht mehr lange und dann beginnt schon wieder ein neues Jahr und schwups
di wups ist man wieder im tristen Deutschland. Na wenigstens krieg ich bei der Zeitumstellung
in wenigen Wochen eine Stunde mehr im Elchland geschenkt.
Bevor ich nun meinen Beitrag über mein verrücktes Wochenende
schreibe, sei noch ein Link gepostet. Wenn ihr >hier< klickt, dann könnte
ihr euch ein kurzes GoPro-Video von unserem Banff-Trip ansehen, welches
Stéphane zusammengeschnitten hat. Thanks!
Nun aber zum Wochenende vor einer Woche. Diesmal ging es zum
Blue River, ein Örtchen bzw. Fleckchen wo sich aus Versehen ein paar Leute
verirrt haben (172 Einwohner). Wie der Name schon verrät ist es an einem Fluss
gelegen, der jedoch nicht wirklich blau ist, aber trotzdem schön. Was mich
hierher verschlägt? Ein Kiwi natürlich. Falls ihr euch erinnert gab es in den
ersten Wochen eine Glow-Party in Kamloops mit einer anschließenden Van-Party
mit einigen Kiwis. Dank Facebook konnte man auch danach noch super in Kontakt
bleiben und so aufgeschlossen wie die Inselbewohner sind, hat mich Andre auch
gleich zum Blue River eingeladen, wo er bei einer River Safari arbeitet. Als
armer Student muss man natürlich sehen wo man bleibt und sagt zu einer
kostenlosen Attraktion natürlich nicht nein. Also schnell ein Busticket gebucht
und Donnerstagnacht los gefahren. Blue River ist ca. 2,5 Stunden in nördlicher
Richtung von Kamloops entfernt, für kanadische Verhältnisse also gleich um die
Ecke. Der Bus fährt allerdings nur einmal am Tag und das um 23.50 Uhr. Naja gut
nicht so schlimm, Andre würde mich dann halb drei in Blue River abholen.
Musik in die Ohren, Mütze und Schal zum Kuscheln und 2,5
Stunden Busfahrt würden wie im Flug vergehen. Klingt in der Theorie super, in
Wirklichkeit habe ich jedoch den Bummelbus erwischt, welcher nicht nur 40
Minuten Verspätung hatte, sondern auch noch in jedem kleinsten Elchdorf
angehalten hat. Summa summarum bin ich gute 1,5 Stunden später am Zielort
angekommen und meine schlimmste Befürchtung hat sich bewahrheitet: da es in der
Pampa keinerlei Handyempfang gibt konnte ich Andre nicht bescheid geben. Als
ich dann also mitten in der Nacht im Nirgendwo ganz alleine stand und der Bus
rüttelnd davon knatterte, kam ich mir das erste Mal in meinem Leben etwas
verloren vor. Die endlose Straße war fahrzeugleer, die dunklen Wolken
verdeckten den Mondschein, die Kälte bannte sich ihren Weg durch meine Jacke
und die Hörsturz ähnliche Stille lies jeden meiner Atemzüge wie verstopften
Schnorchel klingen. Super Szenario für einen Horrorfilm eigentlich, aber bevor
ich mich weiter in die Nebelschwaden vertiefte, machte ich meinen Weg zur
knisterten Leuchtreklame eines Motels. Die rot leuchtende Schrift signalisierte
mir deutlich „No Vacancy“. Gut auch nicht schlimm, ich wäre eh zu geizig um mir
ein Zimmer zu nehmen. Die Rezeptionsfrau war zum Glück halbwegs freundlich oder
zumindest zu müde, um sich mit mir herumzuschlagen und erlaubte mir das Wifi zu
nutzen, so konnte ich wenigstens per Internet eine Nachricht an Andre schreiben
und mich mehrfach entschuldigen, dass der Bus zu spät ist und er wahrscheinlich
nach einer Stunde in der Kälte warten, einfach keine Lust mehr hatte und dachte
ich hätte ihn versetzt und nach Hause fuhr. Sooo und nun? Naja es ist halb vier
nachts, schweinekalt draußen und ich bin müde, d.h. dann wohl einfach ganz
dreist die Lobby des Motels okkupieren und auf dem semi-gemütlichen Sessel
intervallschlafen. Intervallschlafen ist die neuste und modernste Art zu
nächtigen. Man schläft jetzt nicht mehr am Stück, sondern in Phasen und wacht
in regelmäßigen Abständen auf, um die Schlafposition zu optimieren und die
Geräuschkulisse zu prüfen – sehr effektiv und ich bin mir sicher, dass man nach
etwas Training eine signifikante Qualitätssteigerung beim Schlafen erfährt.
Adaption und der ganze andere wissenschaftliche Kram, na ihr wisst schon… Okay
vielleicht machte sich mit voranschreitender Stunde und größer werdenden
Augenringen, der Schlafmangel mit seltsamen Gedanken bemerkbar.
Anyway, als der Himmel heller wurde, Schichtwechsel war und
ich langsam eine intensive Kuschelfreundschaft mit dem Sessel anfing kam
endlich der erlösende Anruf von Andre. Bevor ich auch nur meine während der
Nacht eingeübte Entschuldigungsrede halten konnte, tönte es aus der anderen
Leitung: „Ooooohw Jane, I’m so damn sorry! The fucking alarm just fucked up and I ´couldn’t wake up. Where are you
and how are you? Hope you won’t kill me!” Oh er hat also einfach nur
verschlafen? Und ich hab mir nen Kopf gemacht wie sauer er sein würde auf einer
Skala von 1 bis 10… Als alle Missverständnisse geklärt waren, wurde ich auch
schon abgeholt.
Den gesamten Morgen durfte ich mir Entschuldigungen in
sämtlichen Versionen und Ausführungen anhören. Während er mit seiner Reue
ringte, musste ich immer mehr über die Situation lachen. Nun war zum Glück
alles gut und da es erst 7 Uhr morgens war, gab es zur Belohnung ein richtiges
Bett und Schlaf am Stück.
Nach ganzen drei Stunden erholendem Mutzeln hieß es
aufstehen und fertig machen für die Arbeit. Glücklicherweise nicht für mich,
aber für Andre, aber da ich ihn zur Arbeit fahren würde, musste ich mich auch
aus dem Bett wuchten und dann hieß es Van fahren – juhu. Aus irgendeinem Grund
habe ich mich riesig darauf gefreut einen alten, klapprigen Lieferwagen der zum
Reiseauto umfungiert wurde zu lenken. Vor dem Wagen kam dann die erste Frage:
Wo sind die Schlüssel? Na im Auto natürlich wo auch sonst?! Abschließen wird
hier eindeutig überbewertet. In Deutschland? Undenkbar! Wenn man sich das alte
Geschoss namens Larry White jedoch Mal anguckt, den Rost, die zerschlagenen
Rücklichter, das beklebte und bemalte Armaturenbrett, die ausgebauten Sitze und
der allgemeine Hygienemangel, dann wird einem klar warum man bedenkenlos das
Auto unabgeschlossen irgendwo stehen lassen kann. Da das Provisorium auf vier
Rädern mich jedoch extrem an Wolfgang (mein Auto in Neuseeland) erinnert hat,
habe ich mich sofort in den Wagen verliebt und er fährt sich super! Als ich
Andre bei der Arbeit abgelieferte habe, konnte ich mir ein bisschen Rumfahren
auf dem Highway nicht verkneifen, kehrte jedoch nach kurzem Cruisen wieder zurück
zum Haus, um in Ruhe zu Duschen und zu Frühstücken.
Das Haus ist auch eine außergwöhnliche Behausung für sich.
Man muss schon ein eingefleischter Traveler sein, um die altmodische Atmosphäre
zu mögen. Oder alternative eine Nacht auf einem quietschenden Lobby-Sessel
verbracht haben. Die alte Holzhütte hatte eine
modische Einrichtung aus den frühen 80igern und keine Heizung bzw. die
Erwärmung des Hauses übernahm der Ofen. Ja klar warum nicht, wenn die
Einrichtung schon aus dem letzten Jahrhundert stammt muss auch die
Energieversorgung dem angepasst sein. Also Ofen auf lauschige 250°C stellen, Tür auf und tada schon
ist die Bude warm. Im Sommer reguliert dann wohl der Kühlschrank die
Temperatur. Wenn man jedoch zum Ende des Zweiraum-Hauses geht und aus dem
Panoramafenster auf den idyllischen See mit den Bergen im Hintergrund blickt
vergisst man das Hausambiente ganz schnell und genießt sein Erdnussbutter-Toast
in vollen Zügen.
Später am Tag fuhr ich zurück zur Arbeit und besuchte Andre bei der River Safari. Da er einer der Boot-Guides ist, spendierte er mir eine Tour. Zusammen mit den anderen Teilnehmern (die meisten natürlich aus Deutschland, unschwer am Akzent zu erkennen) wurden wir mit Jacken, Schwimmwesten und Regencapes ausgerüstet – es würde kalt werden mit dem Speedboot. Zu meiner Überraschung durfte ich als VIP hinters Steuer neben Andre stehen und spürte die neidischen Blicke der anderen Mitfahrenden. „Hihi Ätsche Bätsch!“ Während der rauschenden Fahrt übers Wasser auf dem Fluss erblickte ich erstmals einen Elch – Yeey wieder ein Punkt auf meiner Canada-To-Do-List abgehackt. Wirklich prachtvolle, unglaubliche große und beeindruckende Tiere. Zu schade, dass es diese nicht in Deutschland gibt. Graziös galoppierte es am Ufer entlang, leider zu schnell, um ein Foto zu schießen, aber hoffentlich bleibt es nicht der letzte Elch. Die Mission einen Bären zu sehen scheiterte jedoch, da sie sich im Herbst auf den Winter vorbereiten und zunehmend in ihre Höhlen und Verstecke zurückziehen. Ein Bär soll wohl aber noch sein Unwesen in Ufernähe treiben, vielleicht gibt es ja noch eine weitere Möglichkeit ihn zu Gesicht zu bekommen. Entschädigt wurden wir mit einem schönen Wasserfall und ich mit der Einladung das Boot einen Teil der Strecke zu lenken – That was fun!
Zurück an Land wärmten wir uns mit Tee am Kamin auf und ich
wurde vom veganen Koch zum schmackhaften Gemüsewrap eingeladen. Zudem stellte
mir Andre das gesamte Personal vor, die mich alle herzlich willkommen hießen
und zur Season-Off-Party am nächsten Tag einluden. Den Rest des Tages
verbrachte ich mit unterhaltsamen Gesprächen am knisterten Feuer und ließ es
mir mehr als gut gehen, das sollte jedoch bald ein Ende haben…
Gegen 18 Uhr war Andre’s Arbeitsschicht beendet und er hatte
die wunderbare Idee eine kleine Wanderung zu einer netten Hütte im Wald zu
unternehmen. Wanderung? Klar bin ich auf jeden Fall dabei! Die dauert nur 1,5
Stunden? Okay dann also wohl eher ein Spaziergang als eine Wanderung, locker
easy, brauch ich also keine besondere Ausrüstung – dachte ich. Diese Expedition
stellte sich als eine ganz neue Herausforderung heraus.
Angefangen damit, dass es leicht regnete, wir erst zur
Dämmerung aufgebrochen sind und die 1,5 Stunden nur steil bergauf durch relativ
dichten Wald gingen. Nach 10 Minuten hinauf kraxeln war ich schon schwer am Atmen.
Nach 20 Minuten war ich komplett durchgeweicht. Nach 30 Minuten konnten wir nur
noch ansatzweise den Wanderpfad erkennen. Nach 50 Minuten war es stockfinster
und wir hatten genau eine kleine Taschenlampe. Amazing. Nach 60 Minuten bin ich
bedingt durch Lichtmangel mindestens 10 Mal im Schlamm bergab abgeruscht und
nach 75 Minuten habe ich auf Autopilot umgestellt und nichts mehr mitbekommen. Zwischendurch
wusste Andre den Weg nicht mehr genau und die Taschenlampe schien auch langsam
den Geist aufzugeben. Wir überquerten kleine hinab laufende Bäche, die man in
der Dunkelheit erst mitbekommt, wenn man mit dem gesamten Fuß knöcheltief in
der Suppe steht und balancierten über Baumstämme die als natürliche Brücken fungierten.
(macht besonders Spaß, wenn etwas Schnee auf dem Holz liegt) Dank der
philosophischen und nachdenklichen Gespräche über Religion, Ernährung und
Lebensinhalte mit Andre, habe ich es doch irgendwie geschafft am Ziel
anzukommen. Noch nie in meinen Leben war ich so froh darüber eine Holzhütte zu
sehen. Dies war bisher wohl mit Abstand meine härteste und skurrilste
Wanderung. Das Abenteuer war aber noch nicht zu Ende, jetzt hieß es Leben wie
im Mittelalter ohne fließend Wasser, Strom oder Heizung. Die rustikale Hütte
war aber bestens ausgestatten. Es befand sich ein kleiner Ofen, eine
Kochstelle, Geschirr, Besteck, Schlafsäcke, ein Tisch und andere nützliche
Utensilien im Haus und dank dem See direkt vor der Tür, konnten wir uns mit
einem Tee am Feuer aufwärmen und eine genüssliche Gemüsepfanne kochen. Dies ist
wirklich ein uriger und verlassener Ort. Wie einige Fotografien und Gästebücher
an der Wand verrieten, wurde die Hütte vor ca. 100 Jahren 1916 erbaut und
diente einst einer Familie als Ferienhaus. Nun steht das Haus zur freien
Nutzung zur Verfügung, über dessen Existenz jedoch nur Insider und Anwohner
wissen. Über die Jahre haben sich viele Kleinigkeiten wie Gesellschaftsspiele,
Klamotten, ein Gewehr und sogar Skier angesammelt. Einige haben sich sogar die
Mühe gemacht eine Sauna am See zu bauen.
Am Morgen bevor es zurück ging, hatten wir ein idyllisches
Frühstück mit einem unglaublichen Panorama. Direkt hinter dem kleinen See
ragten die Berge empor und ein Fluss bannte sich seinen Weg durch den dichten
Wald – typisch Kanada halt. Zum Abschluss machten wir uns noch das Gewehr zum
Gebrauch. Nein, nicht um unser Frühstück zu jagen, sondern um einfach ein
bisschen Spaß zu haben. In Nordamerika ist das Schießen eine Art des
Freiheitsgefühls. Für uns Europäer nicht wirklich nachvollziehbar, aber ich
muss zugeben, es ist ein mächtiges Gefühl wenn man mit dem Geschoss willkürlich
in die Wildnis ballert und die gesamte Kraft des Rückstoßes mit dem schallenden
Knall spürt. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass auch wirklich kein
Tierchen zu Schaden gekommen ist, ging es durch den Wald zurück zu Larry.
Bergab ergab der Weg noch mal eine ganz andere Dimension der Schwierigkeit,
aber hey diesmal konnte man wenigstens sehen wohin man tritt. Beim Betrachten der
steilen Abhänge unmittelbar am Rand des Pfades wurde mir aber auch bewusst, dass die
ganze Aktion nicht ganz ungefährlich war. Naja was solls, wir sind ja
schließlich heil angekommen.
Am Haus erwartete Andre weiteren Besuch diesmal von seinen
Freunden aus Neuseeland, die ebenfalls ein Auslandsjahr in Kanada verbrachten,
jedoch zurzeit allesamt in Vancouver Island arbeiten und extra für einen Tag
den gesamten 6 Stunden Weg auf sich genommen haben – verrückte Kiwis. Sowie das
Auto wird natürlich das Haus auch nicht abgeschlossen und somit konnten die in
der Nacht angereisten Freunde sich bereits einquartieren und Dummheiten
begehen. Das Haus in dem Andre wohnt gehört seinem Arbeitgeber, der es ihm
freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat und auch der angrenzende Garten
mit der gut gepflegten Rasenfläche davor. Dieses saftige Grün des über Jahre gepflegten
und gehegten Grases ist ein kleines Heiligtum und der ganze Stolz vom Besitzer
und zierte nun tiefe schlammige Spurrillen in doppelter Kreisform – bekannt als
Donuts. Donuts sind ein netter Zeitvertreib für spätpubertierende Jugendliche
und Kiwis mit fahrbarem Untersatz. Handbremse angezogen, Lenker bis zum
Anschlag eingeschlagen und mit Vollgas driftet man lustig im Kreis herum. Und
ja, es macht Spaß, später am Tag hatte ich eine kleine Kostprobe außerhalb von
jeglichem Grün erhalten.
Zuvor mussten die Jungs sich aber gründlich beim Chef
entschuldigen und einen Teil des Vormittages mit Graspflege verbringen oder
besser gesagt, Andre hat versucht den Rasen zu flicken und wir anderen haben
mit Bier und Snacks zugesehen. Zum Glück ist der Arbeitgeber ziemlich cool und
locker drauf und hat noch mal ein Auge zugedrückt, unter dem kommenden Schnee
würde man es eh nicht mehr sehen. Eine Speedbootfreifahrt gab es trotzdem und
so ging es wieder auf Bärenjagt, diesmal mit Erfolg. Unser Boot kam recht nah
ans Ufer heran, wo die Bärendame sich bei ihrer Nahrungssuche nicht stören
ließ. Gemütlich konnte wir sie einige Minuten beobachten und Andre uns
währenddessen über die anderen Schwarzbären in der Umgebung aufklären. Nach
diesem aufregenden Erfolgserlebnis ging es wieder zurück zur River Safari, wo
die anschließende Party stattfand. Es gab viele gegrillte Leckereien und
natürlich ausreichend Flüssiges mit Prozenten. Später machten wir noch die
Dorfkneipe unsicher und Andre und ich gewannen jeweils 20$ beim Billiard gegen
zwei Kanadier.
Im Anschluss gab es noch eine kleine Privatparty bei Andre,
die jedoch nicht von langer Dauer war und so neigte sich das aufregende und
verrückte Kiwiwochenende dem Ende zu, da früh am nächsten Morgen, die Freunde
von Andre mich mit dem Auto zurück nach Kamloops bringen würden.
Ja das war wirklich ein unvergessliches Wochenende. Andre befindet
sich nun auf einem Roadtrip mit Larry White nach Mexiko und in ca. zwei Monaten
ist er dann wieder zurück in Kanada und arbeitete in einem Skigebiet und hat
mich herzlich eingeladen ihn dort zu besuchen. Das lass ich mir natürlich nicht
zweimal sagen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen