Wir haben es nun Mitte Oktober und in Kanada heißt das: Zeit
für ein paar Prüfungen. Juhu da kommt Freude auf, in Deutschland hat noch nicht
Mal die Uni angefangen und ich sitze schon vor Heftern und Büchern und lerne
lateinische und englische Begriffe für sämtliche Körperteile. Die sogenannten
Mid-Terms sind sehr beliebt, vor allem unter den Deutschen, da wir
Mitteleuropäer keine Ahnung von Zwischenprüfungen und Hausaufgaben haben. Die
Prüfungen finden in allen Fächern innerhalb von ein bis zwei Wochen statt und
verursachen Stresspusteln und tiefblaue Augenringe überall auf dem Campus. Ich
kann euch also beruhigen: ich studiere hier wirklich und wander nicht nur von
einem Nationalpark zum Nächsten. Aber glücklicherweise ist ein
Thanksgiving-Wochenende mit einem freien Montag zwischen den Prüfungswochen.
Würde also bedeuten mehr Zeit zum Lernen… jaaa genau. Eigentlich heißt das bei
uns nur ein Tag mehr zum Verreisen. Diesmal jedoch mit der Gastfamilie. Ein
traditionelles Fest stand auf dem Plan und sollte in Vancouver bei Verwandten
stattfinden.
So ging es also am Freitagnachmittag mit dem Auto nach
Richmond – ein Vorort von der eindrucksvollen Metropole, wo der Bruder Brad von
meiner Gastmutter mit seiner Familie wohnt. Spätabends dort angekommen, wurden
wir herzlich von der Mutter und dem Vater von Christine, sowie der Frau und den
zwei Söhnen von Brad begrüß. Die lange Autofahrt wurde mit unterhaltsamen
Gesprächen und einem Entspannungsbad im hauseigenen Whirlpool kompensiert.
Zudem planten wir gemeinsam die Aktivitäten für die nachfolgenden Tage.
Am Samstag sollte die Umgebung näher erkundet werden und so
besuchten wir einen Vogelpark, wo wir verschiedenste lebende Flugobjekte
fütterten, spazierten am Fluss im historischen Teil des Vorortes entlang und
beobachteten einige Kitesurfer am Strand im Sonnenuntergang. Zudem besuchten
wir die Eltern von Grant, meinem Gastvater. In dem Fall hieß das auf einer
Parkbank sitzen und kurz an sie gedenken, da sie beide leider schon verstorben
sind. Einen Grabstein gibt es für die Eltern nicht, den in Kanada hat man die
(in meinen Augen) wundervolle Möglichkeit Verstorbene nicht auf einem Friedhof
zu beerdigen, sondern eine öffentliche Parkbank zu kaufen und diese mit den
Namen den zu gedenkenden zu widmen. Für mich persönlich eine tolle Idee. Diese
Art der Beerdigung ist in Kanada sehr populär, nahezu auf jeder Bank findet man
einen Namenzug mit einigen persönlichen Worten oder einem Zitat. Ich dachte immer,
dass es nur irgendwelchen einflussreichen Persönlichkeiten, Helden oder
sonstigen Berühmtheiten zugesprochen sei, aber Grant klärte mich auf, dass es eine
Alternative zum Friedhof darstellt. Er hat diese Möglichkeit ausgewählt, da die
Bank eine malerische Aussicht auf den Ozean mit Vancouver Island in der Ferne
hat und Richmond der Geburts- und Wohnort seiner Familie ist. So wird immer,
wenn er nach Vancouver fährt, ein Spaziergang und eine kleine Sitzpause auf der
Erinnerungsbank eingeplant.
Am nächsten Tag war Thanksgiving, wobei die Kanadier nicht
wirklich wissen ob man nun am Sonntag oder am Montag den Truthahn isst, scheint
wohl nicht wirklich irgendwie festgelegt zu sein. Wir haben uns jedoch für den
Sonntagabend entschieden und konnten somit den Vormittag im Lighthouse Park in
Westvancouver verbringen. Zusammen mit Brad und seinem Sohn Kevin spazierten
wir ca. 3 Stunden durch den Regenwaldpark an der steinigen Küste mit dem
Leuchtturm. Ein super Platz zum Klettern, von Stein zu Stein hüpfen, Verstecken
und Pflanzen beobachten – toller Tag. Hungrig fuhren wir dann weiter über eine
steile und kurvige Straße hinauf zum Cypress-Mountain, um mit einer tollen
Aussicht auf Vancouver leckere Gemüsesandwiches zu mampfen. Auf dem Rückweg
hatten wir noch kleinere Zwischenstopps an der University of British Columbia
und diese Uni ist unglaublich. Es ist eigentlich eine eigene Stadt und umfasst
die Größe der gesamten Innenstadt von Hamburg. Hier haben die Studenten ihre
eigene Einkaufsstraße, einen eigenen Strand, zahlreiche Wohnhäuser, ein
Krankenhaus und dank der großzügigen Waldfläche auch genügend Sportplätze und
Laufstrecken – ein Traum diese Uni. Aber genug der Schwärmerei, denn es war
Zeit für das große Thanksgiving Dinner.
Okay so sehr groß war es für die Veganer nicht, denn für uns
blieben nur die Beilagen übrig, d.h. dann also trockene Kartoffeln, ungewürzter
Brokkoli und etwas Rosenkohl essen. Meine Gastmutter war nicht sehr begeistert,
aber sie hatte auch nichts anderes erwartet und selbst den ganzen Tag in der
Küche stehen wollte und konnte sie nicht, dafür gab es dann unendlich viel
veganen leckeren Kuchen mit Kokosnusssoße, damit war die Welt für sie und Grant
wieder in Ordnung und wir konnten zusammen mit den anderen Grünkohlchips
snacken (ja die Kanadier fahren total auf Grünkohl ab, hier gibt es alles mit
Grünkohl!) und lustige Gemeinschaftsspiele spielen. Der letzte Abend endete
dann in einem Gespräch über Sport, wo ich natürlich mitten drin war. Brad ist
seit Jahren ein leidenschaftlicher Windsurfer und ärgerte sich über den
fehlenden Wind, da er zu gerne das Wochenende auf dem Brett verbrachte hätte
und als er mir mitteilte, er hätte mich mitgenommen habe ich auch angefangen
mich über das Wetter zu geärgert. Ist auch echt blöd dieser Sonnenschein mit
den warmen Temperaturen und den Schäfchenwolken!
Brad ist aber auch ein begeisterter Skifahrer und kann die
Wintersaison kaum erwarten. In wenigen Wochen ist es dann soweit und Whistler
Mountain, das größte, tollste, beste, gigantischste, variationsreichste,
interessanteste und unglaublichste Skigebiet der Welt würde öffnen und es ist
nur ein oder zwei Stunden von Vancouver entfernt. Falls ihr neugierig seid,
einfach Mal bei Google Bilder eingeben und staunen. Brad ist also schon etwas
zappelig und hat mich prompt eingeladen ihn zu besuchen und mit ihm Skifahren
zu gehen, da sonst keiner aus seiner Familie Lust darauf hat. Das leuchtende
Strahlen in meinen Augen muss er wohl mitbekommen haben, da am nächsten Morgen,
kurz bevor wir uns verabschieden und wieder nach Kamloops wollten, er mir noch
was schenken wollte. So verschwand er kurz im Schlafzimmer und kam mit einem
Paar Skischuhe zurück: „Hier die sind für dich, Collin hat sie ein paar Mal
benutzt und hatte dann keine Lust mehr auf Skifahren und seitdem liegen die
nutzlos hier rum.“ Oh mein Gott!!! Ich habe einfach so fast nagelneue Skischuhe
geschenkt bekommen und ich war total aus dem Häuschen und das Beste: die passen
wie angegossen! Ich hätte die Schuhe am Liebsten gleich anbehalten und wäre damit
den ganzen Tag rumgelaufen, wäre nur beim Spazieren etwas unpraktisch. Mit
diesem Geschenk war für mich die Entscheidung klar, dass ich das restliche Skimaterial
mir auch noch besorgen musste. Lange hatte ich überlegt, ob ich mir Skier
lieber ausleihe oder kaufe, aber da ich nicht nur ein, zwei Mal fahren will,
sondern möglichst den ganzen Winter und dank Brad, Andre und der Uni dies
vielleicht kostengünstig umsetzen kann, wäre Ausleihen zu teuer. D.h. dann also
nach der letzten Zwischenprüfung Skisachen shoppen. In Kamloops gib es zum
Glück zahlreiche Sportshops und Outdooroutlets, so dass ich vielleicht ein
gutes Schnäppchen für hübsche All-Mountain-Ski finden kann. Zunächst hieß es
aber erstmal zurück in das Wüstenstädtchen fahren und diesmal nicht den
schnellen Highway One nehmen, sondern auf kleineren Landstraßen durch die
Landschaft schlängeln und dabei einen Picknick-Halt in Harrison bei den Hot
Springs zu machen. Direkt an einem schönen See, wo Segelboote idyllisch vor
sich hin schipperten und sich die Berge im Wasser spiegelten, haben wir eine
Kaffeepause eingelegt und haben uns die Beine vertreten.
Damit ging dann das Familienwochenende zu ende, an das ich
jeden Tag zurück denke, wenn ich meinen Schrank öffne und mich meine neuen
Skischuhe anlächeln. Ich kann es kaum erwarten, wenn der erste Schnee fällt und
im November steht wieder ein langes Wochenende an, wo Christine und ich zu Brad
fahren wollen, um dann hoffentlich mit genug Schnee Ski zu fahren. Fortsetzung
folgt…
Ps: erste Biozwischenprüfung wurde trotz Englisch mit 90% bestanden. Luftsprünge olé!
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