Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Thanks for Giving


Wir haben es nun Mitte Oktober und in Kanada heißt das: Zeit für ein paar Prüfungen. Juhu da kommt Freude auf, in Deutschland hat noch nicht Mal die Uni angefangen und ich sitze schon vor Heftern und Büchern und lerne lateinische und englische Begriffe für sämtliche Körperteile. Die sogenannten Mid-Terms sind sehr beliebt, vor allem unter den Deutschen, da wir Mitteleuropäer keine Ahnung von Zwischenprüfungen und Hausaufgaben haben. Die Prüfungen finden in allen Fächern innerhalb von ein bis zwei Wochen statt und verursachen Stresspusteln und tiefblaue Augenringe überall auf dem Campus. Ich kann euch also beruhigen: ich studiere hier wirklich und wander nicht nur von einem Nationalpark zum Nächsten. Aber glücklicherweise ist ein Thanksgiving-Wochenende mit einem freien Montag zwischen den Prüfungswochen. Würde also bedeuten mehr Zeit zum Lernen… jaaa genau. Eigentlich heißt das bei uns nur ein Tag mehr zum Verreisen. Diesmal jedoch mit der Gastfamilie. Ein traditionelles Fest stand auf dem Plan und sollte in Vancouver bei Verwandten stattfinden.
 
So ging es also am Freitagnachmittag mit dem Auto nach Richmond – ein Vorort von der eindrucksvollen Metropole, wo der Bruder Brad von meiner Gastmutter mit seiner Familie wohnt. Spätabends dort angekommen, wurden wir herzlich von der Mutter und dem Vater von Christine, sowie der Frau und den zwei Söhnen von Brad begrüß. Die lange Autofahrt wurde mit unterhaltsamen Gesprächen und einem Entspannungsbad im hauseigenen Whirlpool kompensiert. Zudem planten wir gemeinsam die Aktivitäten für die nachfolgenden Tage.
 
Am Samstag sollte die Umgebung näher erkundet werden und so besuchten wir einen Vogelpark, wo wir verschiedenste lebende Flugobjekte fütterten, spazierten am Fluss im historischen Teil des Vorortes entlang und beobachteten einige Kitesurfer am Strand im Sonnenuntergang. Zudem besuchten wir die Eltern von Grant, meinem Gastvater. In dem Fall hieß das auf einer Parkbank sitzen und kurz an sie gedenken, da sie beide leider schon verstorben sind. Einen Grabstein gibt es für die Eltern nicht, den in Kanada hat man die (in meinen Augen) wundervolle Möglichkeit Verstorbene nicht auf einem Friedhof zu beerdigen, sondern eine öffentliche Parkbank zu kaufen und diese mit den Namen den zu gedenkenden zu widmen. Für mich persönlich eine tolle Idee. Diese Art der Beerdigung ist in Kanada sehr populär, nahezu auf jeder Bank findet man einen Namenzug mit einigen persönlichen Worten oder einem Zitat. Ich dachte immer, dass es nur irgendwelchen einflussreichen Persönlichkeiten, Helden oder sonstigen Berühmtheiten zugesprochen sei, aber Grant klärte mich auf, dass es eine Alternative zum Friedhof darstellt. Er hat diese Möglichkeit ausgewählt, da die Bank eine malerische Aussicht auf den Ozean mit Vancouver Island in der Ferne hat und Richmond der Geburts- und Wohnort seiner Familie ist. So wird immer, wenn er nach Vancouver fährt, ein Spaziergang und eine kleine Sitzpause auf der Erinnerungsbank eingeplant.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Am nächsten Tag war Thanksgiving, wobei die Kanadier nicht wirklich wissen ob man nun am Sonntag oder am Montag den Truthahn isst, scheint wohl nicht wirklich irgendwie festgelegt zu sein. Wir haben uns jedoch für den Sonntagabend entschieden und konnten somit den Vormittag im Lighthouse Park in Westvancouver verbringen. Zusammen mit Brad und seinem Sohn Kevin spazierten wir ca. 3 Stunden durch den Regenwaldpark an der steinigen Küste mit dem Leuchtturm. Ein super Platz zum Klettern, von Stein zu Stein hüpfen, Verstecken und Pflanzen beobachten – toller Tag. Hungrig fuhren wir dann weiter über eine steile und kurvige Straße hinauf zum Cypress-Mountain, um mit einer tollen Aussicht auf Vancouver leckere Gemüsesandwiches zu mampfen. Auf dem Rückweg hatten wir noch kleinere Zwischenstopps an der University of British Columbia und diese Uni ist unglaublich. Es ist eigentlich eine eigene Stadt und umfasst die Größe der gesamten Innenstadt von Hamburg. Hier haben die Studenten ihre eigene Einkaufsstraße, einen eigenen Strand, zahlreiche Wohnhäuser, ein Krankenhaus und dank der großzügigen Waldfläche auch genügend Sportplätze und Laufstrecken – ein Traum diese Uni. Aber genug der Schwärmerei, denn es war Zeit für das große Thanksgiving Dinner.
Okay so sehr groß war es für die Veganer nicht, denn für uns blieben nur die Beilagen übrig, d.h. dann also trockene Kartoffeln, ungewürzter Brokkoli und etwas Rosenkohl essen. Meine Gastmutter war nicht sehr begeistert, aber sie hatte auch nichts anderes erwartet und selbst den ganzen Tag in der Küche stehen wollte und konnte sie nicht, dafür gab es dann unendlich viel veganen leckeren Kuchen mit Kokosnusssoße, damit war die Welt für sie und Grant wieder in Ordnung und wir konnten zusammen mit den anderen Grünkohlchips snacken (ja die Kanadier fahren total auf Grünkohl ab, hier gibt es alles mit Grünkohl!) und lustige Gemeinschaftsspiele spielen. Der letzte Abend endete dann in einem Gespräch über Sport, wo ich natürlich mitten drin war. Brad ist seit Jahren ein leidenschaftlicher Windsurfer und ärgerte sich über den fehlenden Wind, da er zu gerne das Wochenende auf dem Brett verbrachte hätte und als er mir mitteilte, er hätte mich mitgenommen habe ich auch angefangen mich über das Wetter zu geärgert. Ist auch echt blöd dieser Sonnenschein mit den warmen Temperaturen und den Schäfchenwolken!
Brad ist aber auch ein begeisterter Skifahrer und kann die Wintersaison kaum erwarten. In wenigen Wochen ist es dann soweit und Whistler Mountain, das größte, tollste, beste, gigantischste, variationsreichste, interessanteste und unglaublichste Skigebiet der Welt würde öffnen und es ist nur ein oder zwei Stunden von Vancouver entfernt. Falls ihr neugierig seid, einfach Mal bei Google Bilder eingeben und staunen. Brad ist also schon etwas zappelig und hat mich prompt eingeladen ihn zu besuchen und mit ihm Skifahren zu gehen, da sonst keiner aus seiner Familie Lust darauf hat. Das leuchtende Strahlen in meinen Augen muss er wohl mitbekommen haben, da am nächsten Morgen, kurz bevor wir uns verabschieden und wieder nach Kamloops wollten, er mir noch was schenken wollte. So verschwand er kurz im Schlafzimmer und kam mit einem Paar Skischuhe zurück: „Hier die sind für dich, Collin hat sie ein paar Mal benutzt und hatte dann keine Lust mehr auf Skifahren und seitdem liegen die nutzlos hier rum.“ Oh mein Gott!!! Ich habe einfach so fast nagelneue Skischuhe geschenkt bekommen und ich war total aus dem Häuschen und das Beste: die passen wie angegossen! Ich hätte die Schuhe am Liebsten gleich anbehalten und wäre damit den ganzen Tag rumgelaufen, wäre nur beim Spazieren etwas unpraktisch. Mit diesem Geschenk war für mich die Entscheidung klar, dass ich das restliche Skimaterial mir auch noch besorgen musste. Lange hatte ich überlegt, ob ich mir Skier lieber ausleihe oder kaufe, aber da ich nicht nur ein, zwei Mal fahren will, sondern möglichst den ganzen Winter und dank Brad, Andre und der Uni dies vielleicht kostengünstig umsetzen kann, wäre Ausleihen zu teuer. D.h. dann also nach der letzten Zwischenprüfung Skisachen shoppen. In Kamloops gib es zum Glück zahlreiche Sportshops und Outdooroutlets, so dass ich vielleicht ein gutes Schnäppchen für hübsche All-Mountain-Ski finden kann. Zunächst hieß es aber erstmal zurück in das Wüstenstädtchen fahren und diesmal nicht den schnellen Highway One nehmen, sondern auf kleineren Landstraßen durch die Landschaft schlängeln und dabei einen Picknick-Halt in Harrison bei den Hot Springs zu machen. Direkt an einem schönen See, wo Segelboote idyllisch vor sich hin schipperten und sich die Berge im Wasser spiegelten, haben wir eine Kaffeepause eingelegt und haben uns die Beine vertreten.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 







 
Damit ging dann das Familienwochenende zu ende, an das ich jeden Tag zurück denke, wenn ich meinen Schrank öffne und mich meine neuen Skischuhe anlächeln. Ich kann es kaum erwarten, wenn der erste Schnee fällt und im November steht wieder ein langes Wochenende an, wo Christine und ich zu Brad fahren wollen, um dann hoffentlich mit genug Schnee Ski zu fahren. Fortsetzung folgt…
 
 
 
Ps: erste Biozwischenprüfung wurde trotz Englisch mit 90% bestanden. Luftsprünge olé!

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