Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Dienstag, 29. Oktober 2013

Drindl, Shoppen und weiße Vorfreude


Eine entspannte Woche mit ausnahmsweise Mal wenig Hausaufgaben und gemäßigten Unternehmungen liegt hinter mir. Die Abende wurden entweder gemütlich vor dem Fernseher verbracht, um Reisefilme wie „The Art of Travel“ (sehr empfehlenswert!) anzuschauen oder mit einem Bier und Wein im Studentenwohnheim, um Geburtstagskinder zu kidnappen und ihren Schlüpftag mit Kuchen zu zelebrieren. Das Wochenende wurde dann mit einem traditionellen Oktoberfest in der Uni eingeläutet. Nun ja… dies war mehr oder weniger gelungen, zum Einen weil trotz des irreführenden Namens das Bayernfest nicht im Oktober stattfindet oder zumindest nicht Ende Oktober, zum Anderen werden hauptsächlich peinliche Mitgrölsongs aus der Schlagerfamilie gespielt und keine nordamerikanischen Popgruppen und was wohl am Wichtigsten ist: es gibt KEIN Alkoholverbot auf dem Oktoberfest in Deutschland. Ein Grauen für alle Mitglieder der Kartoffelnation, als die frohe Botschaft für das Bierfest verkündet wurde. Wegen dieser Fettnäpfchen war das kanadische Pendant nicht wirklich zufriedenstellend, weswegen unsere Gruppe sogleich ein bierliches Alternativprogramm in den eigenen vier Wänden auf die Lederhosen stellte. Immerhin waren einige von uns angemessen gekleidet und rote Pferde sowie Gummibote dröhnten aus den Lautsprecherboxen. Allzu lang durfte der Spaß für mich aber nicht andauern, da am nächsten Morgen es früh nach Kelowna gehen sollte.
 
 
 
 

9.30 Uhr Grant, Christine, Gail und ich sitzen gut gelaunt mit Kaffee und Obst im Auto und tuckerten gemächlich Richtung Südosten auf dem Highway entlang. Während die zwei besten Freundinnen Christine und Gail die spannendsten Neuigkeiten austauschten, Grant die Straße vor sich hin summte, habe ich beschlossen die vergangene Nacht im Traum-Déja-Vu nachzuholen. Gefühlte fünf Minuten Schlaf später erreichten wir auch schon unser erstes Ziel: das kleine verschlafene Städtchen Vernon in mitten eines riesigen Weinanbaugebiets namens Okanagan Vally. Innerhalb des nach Obstplantagen duftenden Tals versorgten wir uns zunächst mit frischem Mandelmilchkaffee und fuhren danach nicht unweit vom Stadtkern entfernt zum Kalamalka. Hinter dem kuriosen Namen, der wie „Kannste mal Milch geben?“ in Babysprache klingt, verbirgt sich wieder einmal ein wunderschöner See und wie gewohnt konnte man die angrenzenden Hügel dabei beobachten wie sie ihre Spitzenschönheit im spiegelnden Wasser bewunderten. Zu meiner Verwunderung war das Wasser jedoch nicht milchig sondern grüntürkisblau schimmernd, wobei die dichte Wolkendecke alles versucht hat, um eine trübselige Farbe zu kreieren. Mit kalten Fingern die sich am warmen Kaffeebecher festsaugten umrundeten wir einen kleinen Park, welcher direkt am Wasser gelegen ist. Die steilen Felsklippen, üppige Hügelvegetation und die malerischen Schwimmbuchten taten ihr Bestes, um eine sommerliche Atmosphäre herbeiwirken zu lassen. Bei 50° Fahrenheit ist das nicht ganz so gut gelungen, aber man konnte immerhin erahnen, dass vor noch wenigen Wochen die Einheimischen hier ihre Großstadtsorgen Sportaktivitäten im Wasser ertränkten. Begleitet von den strahlenden Blättern des Indian Summers schlenderten wir zurück zum Auto und fuhren gut 60Km weiter in den Süden zur inoffiziellen Hauptstadt des Okanagan Valley. Wie fast alle Städte ist auch Kelowna direkt am Wasser gelegen. Hier muss es nur von wilden Tieren wimmeln, nicht nur dass der Stadtname übersetzt ‚Grizzlybär’ bei den Inland-Salish bedeutet, auch das mythische Seemonster Ogopogo soll im angrenzenden Okanagan Lake sein ungeheures Unwesen treiben… zumindest in der Phantasie, denn der possierliche Bruder von Loch Ness ist nichts weiter als ein erfundenes Wappen für die 120000 Einwohner Stadt und ziert nahezu jeden Spielplatz, Straßenlaterne und Wandmalerei. Hübsch zum Angucken ist das grüne Vieh trotzdem. Beim Spaziergang in der Dämmerung bewunderten wir die farbenfroh beleuchtete Stadt und konnten einwenig die Partyszene in Downtown erschnuppern. Eigentlich war eine kleine Wanderung zum Knox Mountain geplant, von wo man eine prächtige Aussicht auf die Stadt und umliegende Skigebiete hat, jedoch haben wir den halben Tag mit Shoppen verbracht, weswegen der frühe Sonnenuntergang uns das nötige Wandertageslicht nahm. Den Ausblick auf das Okanagan Valley habe ich damit zwar verpasst, aber immerhin bin ich jetzt um eine Skihose, zwei Pullover, einen Schal und ein Top reicher und noch besser für die Schneebrettsaison ausgerüstet. Fehlen eigentlich nur noch Skier… … …nicht wirklich denn Jasper und Banff (die Namen der zwei Schneebrüder) stehen bereits frisch gewachst in meinem Schrank und strahlen mich jeden Morgen voller Vorfreude an. Vor einer Woche habe ich das Schnäppchen meines Lebens für die 2 Jahre alten Skier gemacht und bin grinsend wie ein Honigkuchenpferd auf LSD durch das warme und sonnenverwöhnte Kamloops stolziert und habe alle verwirrten T-Shirt-tragenden Blicke auf mich gezogen. Es dauert aber nicht mehr lange und die verwirrten Blicke werden gegen ein zustimmendes Annicken ausgetauschte, genauso wie die Mountainbikes und Kanus auf den Autodächern allmählich durch Skidachboxen und Schneemobile ausgewechselt werden.
















 
 
Falls es euch also noch nicht aufgefallen ist, I’m pretty stocked about the winterseason, wie man so schön auf Englisch sagt. Bis dahin heißt es aber noch die letzten warmen Sonnenstrahlen auf dem Wasser und bei Wanderungen ausnutzen und so sind Christine und ich am nächsten Tag in die Nähe von Sun Peaks (Yey Skigebiet!) gefahren und haben den Mount Embleton bezwungen. Von oben konnten wir die weite Umgebung genießen und den Heffley Lake visuell erkunden, bevor wir eine kleine Paddelboottour darauf unternehmen würden. Als ein erfolgsversprechender Fischersee scharen sich in den Sommermonaten die Angler hier zuhauf und wirbeln wie verrückt mit ihren motorisierten Booten auf dem Wasser umher. Ende Oktober hatten wir den See jedoch komplett für uns alleine und konnten ganz privat und gemütlich die seichten Wellen und den frischen Waldwind genießen. Zum Nachmittag hin hatten wir allerdings genug frische Luft getankt und verbrachten den faulen Abend gemütlich auf der Couch mit einem Film.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Somit ging dann auch ein vergleichsweise ruhiges Wochenende zu Ende und man konnte mit neuer Energie wuselig in die nächste Uniwoche starten.

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