Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Freitag, 1. November 2013

Typisch Kanada

Der zweite Monat im Ahornland neigt sich nun schon dem Ende zu und es bleiben nur noch 32 Tage bis zu meinen letzten Prüfungen und danach beginnen die richtigen und wahren Abenteuer, draußen in den Bergen und der Welt. Bis dahin nutze ich aber noch das sorglose Ambiente der Gastfamilie und alle Vorzüge des kanadischen Familienlebens aus. Eingeläutet wurde es am Dienstag mit einem Besuch von Familienfreunden zum fröhlichen Kürbisschnitzen. Dabei galt das Dreiecksverbot. Keiner der vier Kürbisse durfte ein Dreieck beinhalten. Wie jetzt? Und woraus sollen dann bitte die typischen Augen und die Nase und die spitzen Zähne bestehen? „Jane, das sind hässliche Kürbisse, wie sie nur die Europäer machen, wir machen ausschließlich hübsche mit Mustern und Bildern.“ Klärte mich Christine auf. Okay, gegen hübsch hab ich nichts, also ran an die Werkzeuge und los geht’s. So schmissen sich die blutrünstigen Veganer, bewaffnet mit Messer und Schleifmaschine, auf die armen und wehrlosen Panzerbeeren und zerfleischten diese mit Hochgenuss, entrissen die Samen, um sie anschließend im Ofen zu garen und schlitzten brutal in die Kürbisschale ein. Bedeckt mit Fruchtinnereien ließen wir die Kürbisse dabei zu sehen wie wir ihre Freunde aushöhlten und deren Samen naschten. Als grausigen Höhepunkt zündeten wir Kerzen an und steckten sie in die leblos zerschlitzten Fruchtkörpern zurück. Damit war der Start für das schaurige Halloween getätigt. Jetzt müssen wir nur noch auf Donnerstag warten.
 
 
 
 
 
 

Nach meinem langen Lernmittwoch für die nächste Zwischenprüfung warteten Spiel, Spannung und Popcorn auf mich. Von meinen Gasteltern wurde ich mit einem Hockeyspiel belohnt, denn am Abend traten die Kamloops Blazers gegen die amerikanischen Spokane an. Die Stimmung war laut und bunt, die Leute lustig verkleidet und das Spiel großartig. Ganze 90 Minuten herrschte purer Nervenkitzel und alle in der Halle hatten denselben Wunsch: die Amerikaner sollten verlieren. Es wurde bei jedem Tor (Nennt man das beim Hockey so?) gegrölt, getanzt und gefeiert. Zwischendrin gab es einen netten kleinen Kampf und die Masse tobte. Gleich zum Anfang führten wir mit 3:0 aber die Amerikaner holten schnell auf und so blieb das Spiel bis zur letzten Minute spannend und endete letztendlich mit einem Happyend von 5:4. Alle waren glücklich und tänzelten fröhlich nach Hause.
 
 
 
 
 
 

Wenige Stunden Schlaf später begann auch schon der Gruseltag, welcher passend mit einer Zwischenprüfung am Morgen eingeleitet wurde. Aber auch schon auf dem Weg zur Uni begegnete man Massenmördern, stand mit Zombies an der Ampel und jegliche Bat- und Spidermans fuhren mit den Autos an einem vorbei. (Und ich dachte immer Superhelden können fliegen?!) Mehr oder weniger erfreut über den glücklichen Zustand lebendig in der Uni angekommen zu sein, fühlte ich mich sehr schnell Underdressed. Zwischen Pinguinen, Hasen, Cowboys und Hexen stach ich mit meinem 0-8-15 Pullover ziemlich hervor und wurde wie eine Verrückte begutachtet. „Immer diese langweiligen Europäer“ hörte ich die Blicke sagen und war kurz davor mir Textmarker ins Gesicht zu schmieren, um weniger aufzufallen. Welch Ironie…
Abends hatte ich mich dem bunten Volk jedoch angepasst und verkleidet als Vogelscheuche dekorierte ich zusammen mit meinem Gastbruder das Haus. Neben dem Standardschmuck wie Kürbisse vor der Haustür, Fledermäuse an der Garage und Grabsteinen im Vorgarten, wurde auch eine Musikanlage in der Garage versteckt, welche Mordopfergekreische, hysterisch-gruselige Lachanfälle und schauriges Klaviergeklimper von sich gab. Zudem funkelten Laserscheinwerfer giftgrüne und rote Strahlen zackig in alle Richtungen. Wenn das noch nicht ausreichte, um die abgehärteten kanadischen Kinder zu erschrecken, dann sorgte zumindest die Nebelmaschine mit der leuchtenden Geisterhand an der Tür für Gänsehaut.
Pünktlich zum Sonnenuntergang welchen die Berge und Wolken blutrot färbte, starte der Zuckerschock und die Kinder sammelten fleißig Zahnkaries bis 9 Uhr abends, dann hieß es für mich ab zur Uni, um bei tanzender Geistergesellschaft warm zu werden für die eigentliche Halloween-Party in einem Club Downtown. Faszinierend, die gesamte 90.000 Einwohner Stadt schien verkleidet ihr Unwesen auf den Straßen zu treiben und jeder Club oder Bar war üppig dekoriert und servierte schleimige Cocktails und Spinnenbier zum Sonderangebot.
Hineinversetzt in einen typisch amerikanischen Teenagerfilm konnten wir hautnah miterleben wie gerade Mal 18jährige Mädels Gürtel als Miniröcke benutzten und Halb- oder besser gesagt dreiviertel-Nackt sich als Frischfleisch für das hungrige Testosteron räkelnd zur Verfügung stellten. Unglaublich amüsantes Naturschauspiel der Geschlechter und gruselig zugleich!
Irgendwann endet jedoch auch die unheimlichste Nacht oder Morgen und alle Alkoholleichen kehrten in ihre Hangover-Särge zurück.






 

1 Kommentar:

  1. Die Kürbisse sehen ja echt geil aus!
    Hört sich alles toll an!
    Genieße noch schön die Zeit da. :)
    LG
    Sina

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