Der zweite Monat im Ahornland
neigt sich nun schon dem Ende zu und es bleiben nur noch 32 Tage bis zu meinen
letzten Prüfungen und danach beginnen die richtigen und wahren Abenteuer,
draußen in den Bergen und der Welt. Bis dahin nutze ich aber noch das sorglose Ambiente
der Gastfamilie und alle Vorzüge des kanadischen Familienlebens aus.
Eingeläutet wurde es am Dienstag mit einem Besuch von Familienfreunden zum fröhlichen
Kürbisschnitzen. Dabei galt das Dreiecksverbot. Keiner der vier Kürbisse durfte
ein Dreieck beinhalten. Wie jetzt? Und woraus sollen dann bitte die typischen
Augen und die Nase und die spitzen Zähne bestehen? „Jane, das sind hässliche
Kürbisse, wie sie nur die Europäer machen, wir machen ausschließlich hübsche
mit Mustern und Bildern.“ Klärte mich Christine auf. Okay, gegen hübsch hab ich
nichts, also ran an die Werkzeuge und los geht’s. So schmissen sich die
blutrünstigen Veganer, bewaffnet mit Messer und Schleifmaschine, auf die armen
und wehrlosen Panzerbeeren und zerfleischten diese mit Hochgenuss, entrissen
die Samen, um sie anschließend im Ofen zu garen und schlitzten brutal in die
Kürbisschale ein. Bedeckt mit Fruchtinnereien ließen wir die Kürbisse dabei zu
sehen wie wir ihre Freunde aushöhlten und deren Samen naschten. Als grausigen
Höhepunkt zündeten wir Kerzen an und steckten sie in die leblos zerschlitzten
Fruchtkörpern zurück. Damit war der Start für das schaurige Halloween getätigt.
Jetzt müssen wir nur noch auf Donnerstag warten.
Nach meinem langen Lernmittwoch
für die nächste Zwischenprüfung warteten Spiel, Spannung und Popcorn auf mich.
Von meinen Gasteltern wurde ich mit einem Hockeyspiel belohnt, denn am Abend
traten die Kamloops Blazers gegen die amerikanischen Spokane an. Die Stimmung
war laut und bunt, die Leute lustig verkleidet und das Spiel großartig. Ganze
90 Minuten herrschte purer Nervenkitzel und alle in der Halle hatten denselben
Wunsch: die Amerikaner sollten verlieren. Es wurde bei jedem Tor (Nennt man das
beim Hockey so?) gegrölt, getanzt und gefeiert. Zwischendrin gab es einen netten kleinen Kampf und die Masse tobte. Gleich zum Anfang führten wir
mit 3:0 aber die Amerikaner holten schnell auf und so blieb das Spiel bis zur
letzten Minute spannend und endete letztendlich mit einem Happyend von 5:4.
Alle waren glücklich und tänzelten fröhlich nach Hause.
Wenige Stunden Schlaf später
begann auch schon der Gruseltag, welcher passend mit einer Zwischenprüfung am
Morgen eingeleitet wurde. Aber auch schon auf dem Weg zur Uni begegnete man
Massenmördern, stand mit Zombies an der Ampel und jegliche Bat- und Spidermans
fuhren mit den Autos an einem vorbei. (Und ich dachte immer Superhelden können
fliegen?!) Mehr oder weniger erfreut über den glücklichen Zustand lebendig in
der Uni angekommen zu sein, fühlte ich mich sehr schnell Underdressed. Zwischen
Pinguinen, Hasen, Cowboys und Hexen stach ich mit meinem 0-8-15 Pullover
ziemlich hervor und wurde wie eine Verrückte begutachtet. „Immer diese
langweiligen Europäer“ hörte ich die Blicke sagen und war kurz davor mir
Textmarker ins Gesicht zu schmieren, um weniger aufzufallen. Welch Ironie…
Abends hatte ich mich dem bunten
Volk jedoch angepasst und verkleidet als Vogelscheuche dekorierte ich zusammen
mit meinem Gastbruder das Haus. Neben dem Standardschmuck wie Kürbisse vor der
Haustür, Fledermäuse an der Garage und Grabsteinen im Vorgarten, wurde auch
eine Musikanlage in der Garage versteckt, welche Mordopfergekreische,
hysterisch-gruselige Lachanfälle und schauriges Klaviergeklimper von sich gab.
Zudem funkelten Laserscheinwerfer giftgrüne und rote Strahlen zackig in alle
Richtungen. Wenn das noch nicht ausreichte, um die abgehärteten kanadischen
Kinder zu erschrecken, dann sorgte zumindest die Nebelmaschine mit der
leuchtenden Geisterhand an der Tür für Gänsehaut.
Pünktlich zum Sonnenuntergang welchen die Berge und Wolken blutrot färbte, starte der
Zuckerschock und die Kinder sammelten fleißig Zahnkaries bis 9 Uhr abends, dann
hieß es für mich ab zur Uni, um bei tanzender Geistergesellschaft warm zu
werden für die eigentliche Halloween-Party in einem Club Downtown.
Faszinierend, die gesamte 90.000 Einwohner Stadt schien verkleidet ihr Unwesen
auf den Straßen zu treiben und jeder Club oder Bar war üppig dekoriert und
servierte schleimige Cocktails und Spinnenbier zum Sonderangebot.
Hineinversetzt in einen typisch
amerikanischen Teenagerfilm konnten wir hautnah miterleben wie gerade Mal
18jährige Mädels Gürtel als Miniröcke benutzten und Halb- oder besser gesagt
dreiviertel-Nackt sich als Frischfleisch für das hungrige Testosteron räkelnd
zur Verfügung stellten. Unglaublich amüsantes Naturschauspiel der Geschlechter
und gruselig zugleich!
Die Kürbisse sehen ja echt geil aus!
AntwortenLöschenHört sich alles toll an!
Genieße noch schön die Zeit da. :)
LG
Sina