Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Dienstag, 19. November 2013

Interkulturelle Flexibilität

Die Stunden, Minuten und Sekunden rasen nur so dahin und die Tage in Kamloops sind nun auch gezählt. Die Prüfungen im Teaching and Learning Kurs sind abgeschlossen und es warten nur noch die Letzten in Biologie und eine Präsentation in Physical Education auf mich und danach wird die gesamte Zeit ausschließlich auf dem Berg im Schnee und mit einigen Reiseabenteuern verbracht. Bis dahin heißt es aber noch zwei Wochen hardcore lernen und fleißig sein.
Ein bisschen Spaß darf dabei aber trotzdem nicht fehlen und so wurde am Donnerstag Lenitas 22ster Geburtstag im Pub auf dem Unigelände gefeiert. Die Stimmung war gut und ausgelassen und voller internationaler Studenten. Gute Voraussetzung also um neue Leute aus aller Welt kennen zu lernen. Während ich mich im Gespräch mit Flo aus Deutschland befand, gesellte sich ein indischer Freund von Flo dazu und musterte mich angestrengt bis er irgendwann meinte: „Wir kennen uns irgendwo her!“ Mhm ach was wirklich? Nicht das ich wüsste. Und dann fiel mir fast alles aus dem Gesicht. Sofort musste ich an die zwei indischen Typen vom Anfang des Semesters denken, die ich konsequent ignoriert hatte. Vicky und Rahul. Oh Gott, dunkler Hauttyp, schwarze Haare, indischer Akzent, das passt wie der Arsch aufn Eimer! Wenn es wirklich einer von denen ist, dann würde er mich gleich zur Schnecke machen. Und dann suchte er die Verbindung:
„Oh I know you’ve been on the ISAP trip for hiking, biking and stand up paddeling right?“ Ähm... no.
“Oh okay so you’re living in the students residence!” Ähm... no.
“Now I know! You’re in the same buisness cours like Aly!” Ähm... no.
“I know we know each other from somewhere.” Yeah... sure.
Nach der erfolgslosen Fragerei stelle er sich mir als Sunny vor und mein schlechtes Gewissen gegenüber Vicky und Rahul löste sich erleichtert in Luft auf. Während des gesamten Abends suchte er das Gespräch mit mir und als ich mich dann weich kochen lies und ihm meine Telefonnummer gegeben hatte, bereute ich es sofort. Keine zwei Minuten nach dem ich die Party verlassen hatte, kam gleich die erste Sms und am Tag darauf und am Wochenende und der Tag danach… jedes Mal die Frage: „Where are you? What are you doing? Want to go out?“ Déjà vu! Glücklicherweise stand ein langes Wochenende auf dem Programm und die Jungs und ich haben wieder einen Trip geplant, sodass ich ohne eine verlogene Ausrede ihm wahrheitsgetreu aus dem Weg gehen konnte. Irgendwie tut’s mir ja leid, er hat sich ja wirklich viel Mühe gegeben eine Gemeinsamkeit zu finden…
 
Am Freitag wollten Mathias, David, Aly und ich dann nach Seattle fahren. Die Idee war gut und die Motivation groß, aber das Zeitmanagement etwas verkorkst. Aufgrund des Remembrance Day war der Montag ein Feiertag und irgendwie hatte jeder die gleiche Idee wie wir und wollte das verlängerte Wochenende in der amerikanischen Metropole verbringen. Damit waren dann alle Bus- und Zugverbindungen sowie jeder Autoverleih ausgebucht. Das heißt dann also das Wochenende zuhause mit Lernen und den Indern verbringen?! Oder improvisieren. Smarte und verantwortungsbewusste Studenten entscheiden sich natürlich für letzteres. Last-Minute-Plätze nach Vancouver gibt’s zum Glück immer und dann hieß es am Samstagmorgen auf auf!
In der Traumstadt angekommen erkundeten wir gemeinsam die kanadischen Biersorten in sämtlichen Pubs, shoppten was die Kreditkarte hergab auf dem Granville Island Public Market, schlossen Freundschaften mit Waschbären, tanzten die Musik in alle Richtungen in den Nachtclubs, Spazierten uns die Füße im Indian Summer Stanley Park wund und schauten nachts Kindertrickfilme im Hotel. Stets begleitet mit guter Laune und strahlendem Sonnenschein. Mal wieder hat das Karma zugeschlagen und trotz der regnerischen Wettervorhersage blieben wir trocken und konnten wunderschöne Sonnenauf- und –untergänge bewundern.
Ein perfektes und aufregendes Wochenende, wie so üblich hier!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Am Dienstag war dann aber Schluss mit lustig. Test, Zwischenprüfung, Gastrede und non-stop lernen für eine weitere Zwischenprüfung am Mittwoch. Glücklicherweise alles gut und ohne Stresspusteln überstanden. Am meisten Angst hatte ich dabei jedoch vor der Gastrede. David, ein Professor für Soziologie, der ein Freund meiner Gastfamilie ist und den ich beim veganen Dinner kennen lernte, war total aufgeregt, dass ich aus Deutschland komme und hat mir sofort vorgeschlagen in seinen Kurs zu kommen und über meine Erfahrungen in der Grund- und Weiterführendenschule zu berichten. Was mir zunächst etwas merkwürdig vorkam, stellte sich im Laufe des Gesprächs als eine sinnvolle Sache heraus. In seinem Kurs wird das Bildungssystem behandelt und diskutiert und der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Vergleich zwischen dem kanadischen und deutschen Schulsystem. Als Besitzerin eines deutschen Passes bin ich natürlich super als Vorführbeispiel geeignet und sollte vor den Studenten ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Mit etwas weichen und zitterten Knien betrat ich dann den Raum. Als Lehramtsanwärter ist man mittlerweile Vorträge und Präsentationen mehr als gewohnt und sprechen vor einer Gruppe sollte eigentlich kein Problem darstellen, aber normalerweise ist man auch vorbereitet UND spricht auf Deutsch. Ich hatte keine vorbereiteten Stichpunkte, keinen Zettel an den ich meine schwitzigen Hände trocknen konnte und vor allem kein Wörterbuch parat und auch sonst keinen Schimmer was mich eigentlich erwarten würde – es würde die Hölle werden!
Zunächst wurde ich ausführlich von David vorgestellt und mein Lebenslauf mündlich dargestellt, dabei musterten mich die rund 30 kanadischen Studenten intensiv. Ich kam mir vor wie im Zoo: Und hier meine Damen und Herren hätten wir ein weibliches Exemplar aus Deutschland, schaut es euch gut an, es gibt nur noch 80 Mio. von ihnen auf der Welt! „So Jane, tell us how and why you decided to go to a ‘gümnäsium’.” Well... keine Ahnung, ich glaub das haben meine Eltern für mich entschieden. „Oh so in germany you’re no allowed to have an own opinion?“ Ähm.... nee doch schon, also ja, aber mit 10 Jahren hatte ich nur Barbiepuppen und Schokolade im Kopf. Und so entwickelte sich das Gespräch, welche Kriterien die Entscheidung für die drei Schulformen ausmachen und ob es deutschlandweit gleich sei, ist es hart auf einem ‚gümnäsium’ im Vergleich zu einer ‚hchaubshule’, ist die Uni genauso organisiert wie hier, gibt es überhaupt Sportmannschaften und stimmt es, dass jeder Latein lernt und 5 Sprachen sprechen kann? Ja und außerdem haben wir Bratwurst- und Sauerkrautunterricht, Chemie dient nur zum Bierbrauen und die Schuluniform besteht aus Lederhosen und Dirndl. Die Fragen von den Studenten waren teilweise recht lustig, aber auf diesem Weg konnte ich einige Vorurteile beseitigen und deutlich machen, dass Deutschland nicht nur aus Bayern besteht. Nach den ersten fünf Minuten war meine Aufregung vollkommen weg und die ganze Atmosphäre locker und flauschig. Wenige Augenblicke später war die halbe Stunde auch schon vorbei und ich wurde mit einem kräftigen Applaus und einer Thermosflasche mit dem Unilogo als Geschenk verabschiedet. Während mich David nach draußen begleitet und mir noch anbot gemeinsam zur Skieröffnung nach Sun Peaks zu fahren, kamen zwei Studentinnen aus dem Kurs und bedankten sich händeschüttelnd bei mir für diese unglaubliche wahnsinns-Präsentation. Ach du meine Güte, ich war glaube noch nie in meinem Leben so geschmeichelt. Mein Gesicht musste wohl so rot wie meine Jacke gewesen sein. Mit solch einer Reaktion und Dankbarkeit hätte ich niemals gerechnet, zumal ich eigentlich nicht wirklich was gemacht habe und nur mit schrottigem Englisch über meine Schuljahre gequatscht habe. Ernsthaft, es gibt spannenderes im Leben als das! Aber ich bin froh, dass ich aktiv zum interkulturellen Austausch beitragen konnte. Mission in Kanada erfolgreich erfüllt!

Zum Abschluss gibt es noch rosa leuchtende Berge aus Kamloops:


 

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