Die
Stunden, Minuten und Sekunden rasen nur so dahin und die Tage in Kamloops sind
nun auch gezählt. Die Prüfungen im Teaching and Learning Kurs sind
abgeschlossen und es warten nur noch die Letzten in Biologie und eine
Präsentation in Physical Education auf mich und danach wird die gesamte Zeit
ausschließlich auf dem Berg im Schnee und mit einigen Reiseabenteuern
verbracht. Bis dahin heißt es aber noch zwei Wochen hardcore lernen und fleißig
sein.
Ein
bisschen Spaß darf dabei aber trotzdem nicht fehlen und so wurde am Donnerstag
Lenitas 22ster Geburtstag im Pub auf dem Unigelände gefeiert. Die Stimmung war
gut und ausgelassen und voller internationaler Studenten. Gute Voraussetzung
also um neue Leute aus aller Welt kennen zu lernen. Während ich mich im
Gespräch mit Flo aus Deutschland befand, gesellte sich ein indischer Freund von
Flo dazu und musterte mich angestrengt bis er irgendwann meinte: „Wir kennen
uns irgendwo her!“ Mhm ach was wirklich? Nicht das ich wüsste. Und dann fiel
mir fast alles aus dem Gesicht. Sofort musste ich an die zwei indischen Typen
vom Anfang des Semesters denken, die ich konsequent ignoriert hatte. Vicky und
Rahul. Oh Gott, dunkler Hauttyp, schwarze Haare, indischer Akzent, das passt
wie der Arsch aufn Eimer! Wenn es wirklich einer von denen ist, dann würde er
mich gleich zur Schnecke machen. Und dann suchte er die Verbindung:
„Oh I know you’ve been on the ISAP trip for
hiking, biking and stand up paddeling right?“ Ähm... no.
“Oh okay so you’re living in the students
residence!” Ähm... no.
“Now I know! You’re in the same buisness cours
like Aly!” Ähm... no.
“I know we know each other from somewhere.” Yeah... sure.
Nach der
erfolgslosen Fragerei stelle er sich mir als Sunny vor und mein schlechtes
Gewissen gegenüber Vicky und Rahul löste sich erleichtert in Luft auf. Während
des gesamten Abends suchte er das Gespräch mit mir und als ich mich dann weich kochen
lies und ihm meine Telefonnummer gegeben hatte, bereute ich es sofort. Keine
zwei Minuten nach dem ich die Party verlassen hatte, kam gleich die erste Sms
und am Tag darauf und am Wochenende und der Tag danach… jedes Mal die Frage:
„Where are you? What are you doing? Want to go out?“ Déjà vu! Glücklicherweise
stand ein langes Wochenende auf dem Programm und die Jungs und ich haben wieder
einen Trip geplant, sodass ich ohne eine verlogene Ausrede ihm wahrheitsgetreu
aus dem Weg gehen konnte. Irgendwie tut’s mir ja leid, er hat sich ja wirklich
viel Mühe gegeben eine Gemeinsamkeit zu finden…
Am
Freitag wollten Mathias, David, Aly und ich dann nach Seattle fahren. Die Idee
war gut und die Motivation groß, aber das Zeitmanagement etwas verkorkst.
Aufgrund des Remembrance Day war der Montag ein Feiertag und irgendwie hatte
jeder die gleiche Idee wie wir und wollte das verlängerte Wochenende in der
amerikanischen Metropole verbringen. Damit waren dann alle Bus- und
Zugverbindungen sowie jeder Autoverleih ausgebucht. Das heißt dann also das
Wochenende zuhause mit Lernen und den Indern verbringen?! Oder improvisieren.
Smarte und verantwortungsbewusste Studenten entscheiden sich natürlich für
letzteres. Last-Minute-Plätze nach Vancouver gibt’s zum Glück immer und dann
hieß es am Samstagmorgen auf auf!
In der
Traumstadt angekommen erkundeten wir gemeinsam die kanadischen Biersorten in
sämtlichen Pubs, shoppten was die Kreditkarte hergab auf dem Granville Island Public
Market, schlossen Freundschaften mit Waschbären, tanzten die Musik in alle Richtungen in den Nachtclubs, Spazierten uns
die Füße im Indian Summer Stanley Park wund und schauten nachts Kindertrickfilme im Hotel.
Stets begleitet mit guter Laune und strahlendem Sonnenschein. Mal wieder hat
das Karma zugeschlagen und trotz der regnerischen Wettervorhersage blieben wir
trocken und konnten wunderschöne Sonnenauf- und –untergänge bewundern.
Ein
perfektes und aufregendes Wochenende, wie so üblich hier!
Am
Dienstag war dann aber Schluss mit lustig. Test, Zwischenprüfung, Gastrede und
non-stop lernen für eine weitere Zwischenprüfung am Mittwoch. Glücklicherweise
alles gut und ohne Stresspusteln überstanden. Am meisten Angst hatte ich dabei jedoch
vor der Gastrede. David, ein Professor für Soziologie, der ein Freund meiner
Gastfamilie ist und den ich beim veganen Dinner kennen lernte, war total
aufgeregt, dass ich aus Deutschland komme und hat mir sofort vorgeschlagen in
seinen Kurs zu kommen und über meine Erfahrungen in der Grund- und
Weiterführendenschule zu berichten. Was mir zunächst etwas merkwürdig vorkam,
stellte sich im Laufe des Gesprächs als eine sinnvolle Sache heraus. In seinem
Kurs wird das Bildungssystem behandelt und diskutiert und der Schwerpunkt liegt
dabei auf dem Vergleich zwischen dem kanadischen und deutschen Schulsystem. Als
Besitzerin eines deutschen Passes bin ich natürlich super als Vorführbeispiel
geeignet und sollte vor den Studenten ein bisschen aus dem Nähkästchen
plaudern. Mit etwas weichen und zitterten Knien betrat ich dann den Raum. Als
Lehramtsanwärter ist man mittlerweile Vorträge und Präsentationen mehr als
gewohnt und sprechen vor einer Gruppe sollte eigentlich kein Problem
darstellen, aber normalerweise ist man auch vorbereitet UND spricht auf
Deutsch. Ich hatte keine vorbereiteten Stichpunkte, keinen Zettel an den ich
meine schwitzigen Hände trocknen konnte und vor allem kein Wörterbuch parat und
auch sonst keinen Schimmer was mich eigentlich erwarten würde – es würde die
Hölle werden!
Zunächst
wurde ich ausführlich von David vorgestellt und mein Lebenslauf mündlich
dargestellt, dabei musterten mich die rund 30 kanadischen Studenten intensiv. Ich
kam mir vor wie im Zoo: Und hier meine Damen und Herren hätten wir ein
weibliches Exemplar aus Deutschland, schaut es euch gut an, es gibt nur noch 80
Mio. von ihnen auf der Welt! „So Jane, tell us how and why you decided to go to a ‘gümnäsium’.”
Well... keine Ahnung, ich glaub das haben
meine Eltern für mich entschieden. „Oh so in germany you’re no allowed to
have an own opinion?“ Ähm.... nee doch schon,
also ja, aber mit 10 Jahren hatte ich nur Barbiepuppen und Schokolade im Kopf. Und
so entwickelte sich das Gespräch, welche Kriterien die Entscheidung für die
drei Schulformen ausmachen und ob es deutschlandweit gleich sei, ist es hart
auf einem ‚gümnäsium’ im Vergleich zu einer ‚hchaubshule’, ist die Uni genauso
organisiert wie hier, gibt es überhaupt Sportmannschaften und stimmt es, dass
jeder Latein lernt und 5 Sprachen sprechen kann? Ja und außerdem haben wir
Bratwurst- und Sauerkrautunterricht, Chemie dient nur zum Bierbrauen und die
Schuluniform besteht aus Lederhosen und Dirndl. Die Fragen von den Studenten
waren teilweise recht lustig, aber auf diesem Weg konnte ich einige Vorurteile
beseitigen und deutlich machen, dass Deutschland nicht nur aus Bayern besteht.
Nach den ersten fünf Minuten war meine Aufregung vollkommen weg und die ganze
Atmosphäre locker und flauschig. Wenige Augenblicke später war die halbe Stunde
auch schon vorbei und ich wurde mit einem kräftigen Applaus und einer
Thermosflasche mit dem Unilogo als Geschenk verabschiedet. Während mich David
nach draußen begleitet und mir noch anbot gemeinsam zur Skieröffnung nach Sun
Peaks zu fahren, kamen zwei Studentinnen aus dem Kurs und bedankten sich händeschüttelnd
bei mir für diese unglaubliche wahnsinns-Präsentation. Ach du meine Güte, ich
war glaube noch nie in meinem Leben so geschmeichelt. Mein Gesicht musste wohl
so rot wie meine Jacke gewesen sein. Mit solch einer Reaktion und Dankbarkeit
hätte ich niemals gerechnet, zumal ich eigentlich nicht wirklich was gemacht
habe und nur mit schrottigem Englisch über meine Schuljahre gequatscht habe.
Ernsthaft, es gibt spannenderes im Leben als das! Aber ich bin froh, dass ich
aktiv zum interkulturellen Austausch beitragen konnte. Mission in Kanada erfolgreich
erfüllt!
Zum Abschluss gibt es noch rosa leuchtende Berge aus Kamloops:
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