Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Montag, 25. November 2013

Der Beginn einer wunderbaren Zeit

Wie im letzten Beitrag ausführlich dargestellt, ist der Winter mit allen seinen Vorzügen vollkommen in Kanada angekommen und die relativ ruhige Woche wurde zum Entspannen und planen weiterer Trips genutzt. Für den Dezember und die nächsten Wochenenden sind somit schon die nächsten spannenden Ereignisse organisiert und eins davon war der lang ersehnte Skisaisonstart.
Pünktlich um 8 Uhr morgens am Samstag versammelten sich Conny, Flo, Lukas und ich um Johns Auto. Bepackt mit Skiern, Snowboards und unglaublich guter Laune und einem Dauergrinsen sollte es nach Sun Peaks gehen, das drittbeste Skigebiet in Kanada. 45 Minuten geballte Vorfreude, exzessiver Kaffeegenuss und zu laute Musik später sind wir dann endlich auf dem überfüllten Parkplatz angekommen. Fröhlich wurden schnell die Tickets gekauft und kurze Zeit später saßen wir auch schon lustig im Skilift. Oben angekommen, musste erst ein Gute-Laune-Gipfel-Tanz ausgeführt werden, was auch gleichzeitig als Erwärmung fungierte. Wer in Skischuhen mal versucht hat zu hüpfen, der weiß wovon ich rede… Dann aber genug Zeit verschwendet, Ausblick aufs Tal und den Smalltalk mit den Anderen kann man auch später noch machen, also ab die Post und runter die Piste – Yippiejayeahi! Schon das ganze Jahr, den ganzen Aufenthalt und jede einzelne Sekunde der letzten Wochen habe ich mich so sehr auf diesen Moment gefreut und endlich ist er da. Gleiten, Carven, Kurzschwünge, Hügelhüpfen und Drehungen – der erste Tag war perfekt. Zu meinem Erstaunen bin ich nicht Hingefallen, was ziemlich untypisch für mich ist. Wer mich kennt, weiß dass ich bei sämtlichen sportlichen Aktivitäten mindestens einmal den Boden knutsche. Unterwegs im recht großen Skigebiet mit einer guten Auswahl an verschiedenen Pistenschwierigkeiten trafen wir auf nahezu die gesamte internationale Gemeinschaft. Mit insgesamt 6 großen Autos stürmte unsere Studentengruppe das Skigebiet. Im Skilift, beim Lunch, auf dem Parkplatz, auf der Piste, überall sah man bekannte Gesichter und wie jeder mehr oder weniger glücklich seinen Weg nach unten machte. Während einige die Pisten im positiven Sinne hinunter flogen, traf es einige leider im negativen Sinne. Manche hatten spontanen Körperkontakt mit anderen Fahrern, andere umarmten unplanmäßig Bäume und einige übten Purzelbäume auf einer schwarzen Piste und so hörte man am Abend als man den nächsten Skitag planen wollte, körperliche Beschwerden aus jeder Ecke. Knie verdreht hier, Knöchel verstaucht da, Arm angeschwollen dort und leider auch ein Krankenhausbesuch. Glücklicherweise beschränkt sich der Schaden nur auf kleinere Wehwehchen, die bis auf etwas Ruhestellung und Kühlungen keinen Gips oder Krücken benötigen. Die meisten Klagen kamen hauptsächlich bezüglich des Muskelkaters und auch ich habe das charakteristische Ziehen in den Oberschenkeln vernommen, aber es gab schon schlimmere Schmerzen und der Muskelkater wird einfach weggefahren. Außerdem überwiegt der Spaß am Berg als das Jammern. Als wir beim gemeinsamen Abendessen in einem mongolischen All-you-can-eat-Restaurant (ein Paradies aus gegrilltem Gemüse und Nüssen) den Tag resümierten und die nächste Fahrt planen wollten, sprang plötzlich einer nach dem anderen ab. Man müsse noch lernen, man wolle es nicht übertreiben, man hätte noch viel zu erledigen und man wolle fit sein für das nächste Wochenende. Tage und Stunden zuvor war sich jeder noch einig beide Tage zu fahren und nun bekam man diese und ähnliche Ausreden zu hören. Die Skigebietbewohner Conny aus Österreich, Flo aus Bayern, Lukas aus der Schweiz, Daniel aus Finnland, Marius, Henrik und Christian aus Norwegen und alle anderen Österreicher, Schweizer und Gebirgseinheimnischen – keiner wollte mehr in den Genuss des Schneebrettfahrens kommen. Doch für mich stand fest den nächsten Tag definitiv auch wieder am Berg zu verbringen und zum Glück war wenigstens Mic derselben Meinung und glücklicherweise hatte er auch ein Auto und damit war mein Tag gerettet. Zu zweit machten wir also das Skigebiet unsicher und flitzen eine Route nach der anderen in einer großartigen Intensität hinunter, sodass die Skiliftbetreiber uns schon beim Namen kannten. Gemeinsam rauschten wir durch unpräparierte Waldhänge, nahmen jeden Schneehügel zum Springen mit und traten im Rennen gegeneinander an. Wer hätte gedacht, dass ausgerecht ein Australier, der aus einem kleinen Dörfchen am Strand in der Nähe von Brisbane kommt, wo man den kalten Aggregatzustand von Wasser nur als Eiswürfel und Vanilleeis kennt und der vor drei Jahren das erste Mal Schnee gesehen hat so viel Spaß und Freude beim Skifahren bringt. Im Lift wurden dann jegliche Vorurteile gegenüber Deutschland und Australien ausdiskutiert und natürlich die typisch spaßige Kiwi-Aussie-Auseinandersetzung geführt. Stellvertretend für Neuseeland (mit meinem Kiwi am Fuß fühl ich mich einfach verantwortlich) verteidigte ich die nationale Rugby-Mannschaft und stritt mich im spaßigen Sinne über die letzte Weltmeisterschaft. Zwischendurch forderten wir uns gegenseitig im Pistenrennen heraus und beleuchteten dann im Gespräch wieder die typischen Weihnachtsrituale aus unseren Ländern. Zum Abschluss des Tages warf ich im spektakulären Purzelbaum beide Skier durch die Luft und Mic blieb mit seinem Snowboard im harten Tiefschnee stecken. Verletzungen blieben zum Glück aus bis auf Banff. Mein rechter Ski verzeichnet jetzt leider eine riesige Schramme und wird mich wohl zukünftig immer an diesen verrückten Tag erinnern. Mit einem breiten Lächeln verließen wir wohlauf wieder gemeinsam das Skigebiet.












Als Resümee sei gesagt, dass das Wochenende genau meinen Vorstellungen und Erwartungen entsprach. Ich bin glücklicher denn je und habe in voller Freude darüber mir auch schon einen Saisonpass für Whistler besorgt. Wer mit diesem weltberühmten Skigebiet nichts anfangen kann und neugierig ist, sollte es unbedingt Mal bei Google Bilder eingeben und sich vom Pistenplan umhauen lassen. Zu Sun Peaks ist zu sagen, dass es definitiv viele gute, schöne und herausfordernde Pisten besitzt, jedoch es nicht wirklich mit Österreich zu vergleichen ist. Wir Europäer sind in diesem Zusammenhang etwas verwöhnt und wer aus dem Alpenland hierher kommt wird die urigen Almhütten und typischen Holzbuden mit Musik und Skiwasser vermissen. Auch Aprés Ski sucht man hier vergebens und die Klapper-Lifte können mit den Hightech-Sechssitzern mit Sitzheizung nicht mithalten. Käsespätzle, Schnitzel und moonbedeckte Germknödel die in Vanillesoße ertrinken sind im Speiseplan auch nicht aufzufinden, aber dafür hat man hier auch keine unangenehmen Menschenmassen und nahezu jede Piste nur für sich allein und kann über die gesamte Länge neue Techniken ausprobieren ohne Angst zu haben in jemanden hineinzurasen. Whistler soll aber größer, voller und besser als Sun Peaks sein. Das werde ich dann am nächsten Wochenende in Erfahrung bringen. Bis dahin erfreue ich mich über meinen Muskelkater und die Fotos.
 
Als ich Sonntag nach dem langen Tag wieder zuhause an kam traf mich der Weihnachtsschlag. Das ganze Haus war von oben bis unten und ins kleinste Detail dekoriert. Lichterketten, Weihnachtssocken, Weihnachtsbaum und sonstige Schneemann-Utensilien waren im gesamten Haus verteilt und machten mir deutlich, dass Weihnachten vor der Tür steht. Weihnachtsstimmung? Fehlanzeige. Im ganzen Lernstress und der Skivorfreude habe ich das Fest total aus den Augen verloren und auch noch keinen einzige Weihnachtssong oder sonstiges zur Kenntnis genommen. Da habe ich wohl einiges nachzuholen. Alle anderen um mich herum scheinen jedoch schon voll und ganz vom Weihnachtsfiber gepackt zu sein und so hatten Conny und Flo die hervorragende Idee einen Glühweinabend zu veranstalten. Vielleicht würde mich ja der süße Geruch von Zimtsternen und Nelken in die passende Stimmung bringen. Zusammen mit dem schmackhaften Zimt-Spekulatius, die Flo original aus Deutschland von ihren Eltern geschickt bekommen hat schlemmten wir uns durch den warmen Wein und ertränkten unseren Muskelkater darin. In bester Gesellschaft summten wir Weihnachtslieder und tauschten die wildesten Skigeschichten aus. Spätestens jetzt müsste ich auch total in Christkindstimmung sein. Naja irgendwie immer noch nicht so richtig, aus welchem Grund auch immer. Ist aber auch nicht weiter schlimm, da ich hier eh nicht so viel Wert darauf lege und auch ohne großen Weihnachtsbraten glücklich bin, zumal ich die Feiertage wahrscheinlich sowieso auf dem Berg verbringen werde und mir damit das schönste Geschenk überhaupt machen kann.





 

Mittwoch, 20. November 2013

The sweet Taste of Snow and Happiness

Mit der geschriebenen Prüfung am Mittwoch, war die Uniwoche damit so gut wie vorbei, zumindest der anstrengende Part. Also konnte man gemütlich am Donnerstag mit den Anderen in einen lokalen Pub auf ein, zwei Bier gehen und beim Chickenwing-Thursday die NHL Games am Bildschirm live mitverfolgen – Canadian feeling at it’s best.
 
Am Freitagabend hieß es dann wieder ein typisch kanadisches Sporterlebnis zu betrachten, diesmal jedoch mehr nach meinem Geschmack. Die Hähnchenflügel wurden gegen Popcorn, der Pub durch den Bio-Hörsaal und der Großbild-Fernseher gegen eine riesen Leinwand eingetauscht. Wo ich sonst immer nur Knochenstrukturen und Proteinkanäle mit Latein-Englisch-Begriffen bestaunen darf, haben wir uns diesmal hier versammelt um den neuen Snowboardfilm „Naturally“ von einem (natürlich) kanadischen Snowboardprofi Jake Blauvelt zu studieren. Falls ihr euch gerade an einem Ort befindet, wo man Schnee höchstens im Gefrierfach findet und ihr damit überhaupt kein Problem habt, dann könnte ihr euch den coolen Film bedenkenlos anschauen und damit die Langeweile vertreiben. Für alle anderen die schon seit Wochen totally stoked about snow and stuff sind und die Sehnsucht nach Bergen kaum aushalten können, schaut auf keinen Fall diesen Film! Jeder klick auf diesen Link der zum Trailer führt ist auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder und Studenten für ihre Kreditkarten. Beim Angucken des Films kann es schnell zu Schnee-Entzugserscheinungen kommen deren Symptome sich durch unkontrollierte Skireisebuchungen, exzessiven Speiseeiskonsum, sowie durch permanentes Schneebrillen- und Mützentragen äußeren. In extremen Fällen tragen betroffene Personen Wollmützen sogar in geschlossenen Räumen! Be aware.
In meinem Fall war das jedoch überhaupt kein Problem, da das Skigebiet direkt vor der Tür liegt und ich bei -16°C täglich meine Portion Schneeschaufel-Kratz-Geräusche erhalte. Der Film war super, um die ohnehin schon bis ins Unendliche reichende Vorfreude noch weiter zu steigern. Das dachten sich auch fast alle meine internationalen Freunde und so füllte sich der Hörsaal mit hundert bekannten Gesichtern. Wo aber blieben eigentlich die Kanadier? Die sind von dem frühen Schneefall anscheint etwas genervt während die Anderen aus der Welt seit Wochen Pläne für Studienfreiezeit schmieden. Bevor der Film begann wurden noch einige richtig gute Amateurvideos von den Locals gezeigt und Preise wie Mützen, Schalls, Handschuhe, Pullover in allen Farben von allen bekannten Marken verlost und quer durch den Saal zum Auffangen geworfen – meine Gruppe ging fast leer aus, weil wie aus einem Hörsaal gewohnt wir uns selbstverständlich ganz nach Hinten und damit zu weit weg von der Werfreichweite gesetzt haben. Spaß und den entsprechenden Vorgeschmack für die kommenden Wochen hatten wir trotzdem.
 
Am Samstag wurde das gute Wetter dann zum Grillen genutzt. Minusgrade und Schnee - genau die richtigen Wetterverhältnisse um den Grill anzufeuern und paar saftige Gemüsesteak auf den Rost zu werfen. Der Spaß hatte natürlich einen guten Grund: Johannes sein Geburtstag zusammen mit einer Abschieds-Party nach Neuseeland von seinem Mitbewohner waren geplant. Neben dem Grillen wurde auch ein Mäuserennen veranstaltet, das klassische Schiffe-Versenken wurde zum Schnaps-Versenken umtransferiert und eine ordentliche Musikanlage mit Lasern, sowie mehrere Runden Bierpong durften zu einer gelungenen Party natürlich auch nicht fehlen. Bei solch einer Party die schon um 14 Uhr!!! Angefangen hat, war die Nacht entsprechend lang und die Fotos nicht wirklich zur Veröffentlichung geeignet. Bis auf wenige Ausnahme, die ihr hier bewundern dürft.





 
"This cristall-natural lager is clear as a mountain lake and at 5.6% it's burly as a BC bushman. One sip and you're the grizzly whisperer. The mud man. The longbeard. The Bushwhacking backwoods sasquatch wrangler. So enjoy, becuase out here only the strong survive."

Da weiß man was man trinkt...



 
 
Am Sonntag musste dann der ganze Alkoholkonsum durch körperliche Betätigung kompensiert werden und wo geht das besser als auf einem Berg? Belanden mit Skiern, ungehemmten Spaß und meiner Gastfamilie, machten wir uns auf den Weg zum Harper-Mountain, um das erste Mal Ski zu fahren. Die Skilifte waren zwar noch nicht geöffnet, aber wozu hat man Beine, wenn man sie nicht zum Wandern nutzt? Nach dem Film am Freitag konnte ich eh kaum eine Minute still halten und bin deswegen bewaffnet mit Banff und Jasper den Hügel hinaufgekraxelt. Anstrengung in einer neuen Dimension: Schwere Klamotten, schwere Schuhe, schwere Ausrüstung und Bergauf – heiliger Mist. Wieso tu ich mir das eigentlich an, ich hätte auch einfach zu Hause bleiben können, vor dem Fernseher und mir die Gemütlichkeit aus der Nase popeln können. Stattdessen zählt man aber die Schweißperlen auf der Haut, wenn man hinauf stampft. Wenn man dann aber endlich oben steht, den Ausblick hat und die Skier unter den Füßen befestigt sind, dann genießt man einfach nur das Gefühl. Das Gefühl von Natur, Leben und den Moment. Der Moment, wo man dann auf dem Gipfel steht und die kalte Luft tief einatmet, das ist der Moment wo man sich lebendig fühlt. Fühlen ist hierbei das richtige Wort: die Beine schmerzen, die Lunge brennt, die Finger frieren und man spürt jedes einzelne Körperteil in sich. Hier oben, fernab jeglicher Zivilisation, interessiert es keinen wie du aussiehst, spielt es keine Rolle was für ein Auto du fährst oder wie groß die Zahlen auf deinem Bildschirmkonto sind. Und mal ganz ehrlich, ist das wirklich so wichtig im Leben? Hier ist man einfach nur man selbst und lebt intensiv mit jeder Faser im Körper. Es ist genau dieser Moment, der zählt und sonst nichts. Der Einklang von Körper und Natur und die Verbundenheit zu den Ursprüngen seiner selbst.
Jetzt noch kurz die teuren Skipässe würdigen und ihren Wert schätzen und dann ist auch genug der Sentimentalität, denn nun heißt es: Runter die Piste!
Was man zuvor in einer gefühlten Ewigkeit hinauf gewandert ist, ist man nun in nullkommanichts hinunter gefahren. 3 Minuten des Lächelns und Gleitens. War es die Anstrengung wert? JA!! Und noch mal der Spaß? Ähm… nein. Sehen wir es als leckere Kostprobe und Einweihungsfahrt an und halten noch die eine Woche bevor die Skilifte und -pisten offiziell öffnen aus.
 
 
 
 
 
 

Zum Abschluss ging es noch auf einen kleinen Spaziergang am Paul Lake mit Chris und Grant. Gemeinsam haben wir den sonnigen Tag mit Gesprächen am Wasser ausklingen lassen und uns gegenseitig den Mund wässrig geredet. Zurück im warmen Haus angekommen, wurde nämlich Pizza und !!!Schokolade!!! selbst gemacht. Kyle kam auch und bewaffnet mit Nüssen, Kokosstreuseln, Mandelmilch und Espressobohnen wurde die rohe Bio-Kakaomasse zunächst erwärmt und dann mit den Zutaten zu hübschen und kreativen Pralinen geformt. Sauerei und Spaß zugleich.
 





 
So und nicht anders scheint wohl ein perfekter Sonntag auszusehen. Lecker, aktiv und landschaftlich schön.

Dienstag, 19. November 2013

Interkulturelle Flexibilität

Die Stunden, Minuten und Sekunden rasen nur so dahin und die Tage in Kamloops sind nun auch gezählt. Die Prüfungen im Teaching and Learning Kurs sind abgeschlossen und es warten nur noch die Letzten in Biologie und eine Präsentation in Physical Education auf mich und danach wird die gesamte Zeit ausschließlich auf dem Berg im Schnee und mit einigen Reiseabenteuern verbracht. Bis dahin heißt es aber noch zwei Wochen hardcore lernen und fleißig sein.
Ein bisschen Spaß darf dabei aber trotzdem nicht fehlen und so wurde am Donnerstag Lenitas 22ster Geburtstag im Pub auf dem Unigelände gefeiert. Die Stimmung war gut und ausgelassen und voller internationaler Studenten. Gute Voraussetzung also um neue Leute aus aller Welt kennen zu lernen. Während ich mich im Gespräch mit Flo aus Deutschland befand, gesellte sich ein indischer Freund von Flo dazu und musterte mich angestrengt bis er irgendwann meinte: „Wir kennen uns irgendwo her!“ Mhm ach was wirklich? Nicht das ich wüsste. Und dann fiel mir fast alles aus dem Gesicht. Sofort musste ich an die zwei indischen Typen vom Anfang des Semesters denken, die ich konsequent ignoriert hatte. Vicky und Rahul. Oh Gott, dunkler Hauttyp, schwarze Haare, indischer Akzent, das passt wie der Arsch aufn Eimer! Wenn es wirklich einer von denen ist, dann würde er mich gleich zur Schnecke machen. Und dann suchte er die Verbindung:
„Oh I know you’ve been on the ISAP trip for hiking, biking and stand up paddeling right?“ Ähm... no.
“Oh okay so you’re living in the students residence!” Ähm... no.
“Now I know! You’re in the same buisness cours like Aly!” Ähm... no.
“I know we know each other from somewhere.” Yeah... sure.
Nach der erfolgslosen Fragerei stelle er sich mir als Sunny vor und mein schlechtes Gewissen gegenüber Vicky und Rahul löste sich erleichtert in Luft auf. Während des gesamten Abends suchte er das Gespräch mit mir und als ich mich dann weich kochen lies und ihm meine Telefonnummer gegeben hatte, bereute ich es sofort. Keine zwei Minuten nach dem ich die Party verlassen hatte, kam gleich die erste Sms und am Tag darauf und am Wochenende und der Tag danach… jedes Mal die Frage: „Where are you? What are you doing? Want to go out?“ Déjà vu! Glücklicherweise stand ein langes Wochenende auf dem Programm und die Jungs und ich haben wieder einen Trip geplant, sodass ich ohne eine verlogene Ausrede ihm wahrheitsgetreu aus dem Weg gehen konnte. Irgendwie tut’s mir ja leid, er hat sich ja wirklich viel Mühe gegeben eine Gemeinsamkeit zu finden…
 
Am Freitag wollten Mathias, David, Aly und ich dann nach Seattle fahren. Die Idee war gut und die Motivation groß, aber das Zeitmanagement etwas verkorkst. Aufgrund des Remembrance Day war der Montag ein Feiertag und irgendwie hatte jeder die gleiche Idee wie wir und wollte das verlängerte Wochenende in der amerikanischen Metropole verbringen. Damit waren dann alle Bus- und Zugverbindungen sowie jeder Autoverleih ausgebucht. Das heißt dann also das Wochenende zuhause mit Lernen und den Indern verbringen?! Oder improvisieren. Smarte und verantwortungsbewusste Studenten entscheiden sich natürlich für letzteres. Last-Minute-Plätze nach Vancouver gibt’s zum Glück immer und dann hieß es am Samstagmorgen auf auf!
In der Traumstadt angekommen erkundeten wir gemeinsam die kanadischen Biersorten in sämtlichen Pubs, shoppten was die Kreditkarte hergab auf dem Granville Island Public Market, schlossen Freundschaften mit Waschbären, tanzten die Musik in alle Richtungen in den Nachtclubs, Spazierten uns die Füße im Indian Summer Stanley Park wund und schauten nachts Kindertrickfilme im Hotel. Stets begleitet mit guter Laune und strahlendem Sonnenschein. Mal wieder hat das Karma zugeschlagen und trotz der regnerischen Wettervorhersage blieben wir trocken und konnten wunderschöne Sonnenauf- und –untergänge bewundern.
Ein perfektes und aufregendes Wochenende, wie so üblich hier!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Am Dienstag war dann aber Schluss mit lustig. Test, Zwischenprüfung, Gastrede und non-stop lernen für eine weitere Zwischenprüfung am Mittwoch. Glücklicherweise alles gut und ohne Stresspusteln überstanden. Am meisten Angst hatte ich dabei jedoch vor der Gastrede. David, ein Professor für Soziologie, der ein Freund meiner Gastfamilie ist und den ich beim veganen Dinner kennen lernte, war total aufgeregt, dass ich aus Deutschland komme und hat mir sofort vorgeschlagen in seinen Kurs zu kommen und über meine Erfahrungen in der Grund- und Weiterführendenschule zu berichten. Was mir zunächst etwas merkwürdig vorkam, stellte sich im Laufe des Gesprächs als eine sinnvolle Sache heraus. In seinem Kurs wird das Bildungssystem behandelt und diskutiert und der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Vergleich zwischen dem kanadischen und deutschen Schulsystem. Als Besitzerin eines deutschen Passes bin ich natürlich super als Vorführbeispiel geeignet und sollte vor den Studenten ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Mit etwas weichen und zitterten Knien betrat ich dann den Raum. Als Lehramtsanwärter ist man mittlerweile Vorträge und Präsentationen mehr als gewohnt und sprechen vor einer Gruppe sollte eigentlich kein Problem darstellen, aber normalerweise ist man auch vorbereitet UND spricht auf Deutsch. Ich hatte keine vorbereiteten Stichpunkte, keinen Zettel an den ich meine schwitzigen Hände trocknen konnte und vor allem kein Wörterbuch parat und auch sonst keinen Schimmer was mich eigentlich erwarten würde – es würde die Hölle werden!
Zunächst wurde ich ausführlich von David vorgestellt und mein Lebenslauf mündlich dargestellt, dabei musterten mich die rund 30 kanadischen Studenten intensiv. Ich kam mir vor wie im Zoo: Und hier meine Damen und Herren hätten wir ein weibliches Exemplar aus Deutschland, schaut es euch gut an, es gibt nur noch 80 Mio. von ihnen auf der Welt! „So Jane, tell us how and why you decided to go to a ‘gümnäsium’.” Well... keine Ahnung, ich glaub das haben meine Eltern für mich entschieden. „Oh so in germany you’re no allowed to have an own opinion?“ Ähm.... nee doch schon, also ja, aber mit 10 Jahren hatte ich nur Barbiepuppen und Schokolade im Kopf. Und so entwickelte sich das Gespräch, welche Kriterien die Entscheidung für die drei Schulformen ausmachen und ob es deutschlandweit gleich sei, ist es hart auf einem ‚gümnäsium’ im Vergleich zu einer ‚hchaubshule’, ist die Uni genauso organisiert wie hier, gibt es überhaupt Sportmannschaften und stimmt es, dass jeder Latein lernt und 5 Sprachen sprechen kann? Ja und außerdem haben wir Bratwurst- und Sauerkrautunterricht, Chemie dient nur zum Bierbrauen und die Schuluniform besteht aus Lederhosen und Dirndl. Die Fragen von den Studenten waren teilweise recht lustig, aber auf diesem Weg konnte ich einige Vorurteile beseitigen und deutlich machen, dass Deutschland nicht nur aus Bayern besteht. Nach den ersten fünf Minuten war meine Aufregung vollkommen weg und die ganze Atmosphäre locker und flauschig. Wenige Augenblicke später war die halbe Stunde auch schon vorbei und ich wurde mit einem kräftigen Applaus und einer Thermosflasche mit dem Unilogo als Geschenk verabschiedet. Während mich David nach draußen begleitet und mir noch anbot gemeinsam zur Skieröffnung nach Sun Peaks zu fahren, kamen zwei Studentinnen aus dem Kurs und bedankten sich händeschüttelnd bei mir für diese unglaubliche wahnsinns-Präsentation. Ach du meine Güte, ich war glaube noch nie in meinem Leben so geschmeichelt. Mein Gesicht musste wohl so rot wie meine Jacke gewesen sein. Mit solch einer Reaktion und Dankbarkeit hätte ich niemals gerechnet, zumal ich eigentlich nicht wirklich was gemacht habe und nur mit schrottigem Englisch über meine Schuljahre gequatscht habe. Ernsthaft, es gibt spannenderes im Leben als das! Aber ich bin froh, dass ich aktiv zum interkulturellen Austausch beitragen konnte. Mission in Kanada erfolgreich erfüllt!

Zum Abschluss gibt es noch rosa leuchtende Berge aus Kamloops: