Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Freitag, 11. Oktober 2013

Sprachlos in Jasper

Fünf Tage nach Blue River war wieder Wochenende und ihr wisst ja was das heißt: Weekendtrip!
Nachdem Banff schon abgearbeitet ist war nun der zweitberühmteste Nationalpark in Kanada an der Reihe, der Jasper Nationalpark. Er wurde nur 20 Jahre später als sein älterer Bruder gegründet und befindet sich rund 200km nördlich von Lake Louise. Leider konnten wir diesmal erst am Freitagmorgen starten und mussten Sonntag auch schon wieder zurück, aber für dieses schmale Zeitfenster haben wir doch ein recht ordentliches Programm absolviert. Über den Highway 5 ging es durch Blue River direkt nach Jasper Town in dessen Umgebung wir uns den gesamten Samstag aufhielten und am letzten Tag fuhren wir dann über den Icefield Parkway, eine Panoramastraße die Banff und Jasper miteinander verbindet, nach Banff für einen kurzen Abstecher zum Moraine Lake und über Highway One wieder zurück in unsere kleine Wüste. Klingt nach einem straffen Programm, also nichts wie los.

 
Diese Reisegruppe war diesmal etwas größeren Ausmaßes, sodass wir mit zwei Autos fahren mussten. Die indogermanische Gruppe, welche früher startete, bestand aus Conny (Österreich), Mathias (Schweiz), Flo, Feli und mir (Deutschland). Der zweite Wagen war etwas internationaler mit John (Taiwan), Aurélie (Frankreich), Lukas (Schweiz), Oskar (Deutschland) und Daniel (Finnland) und fuhr erst Freitag am Nachmittag los.
 
Auf den mitteleuropäischen Wagen kann man an dieser Stelle recht stolz sein, da wir trotz fast identischer Muttersprache uns den gesamten Ausflug ausschließlich auf Englisch unterhalten haben. Bienchen an uns also. Ich muss auch sagen, dass ich Englisch mittlerweile bevorzuge, da es erstens den Leuten in der Umgebung gegenüber fair ist die Konversation offen zu halten und somit keine geheimen Informationen ausgetauscht werden können. Zweitens wir natürlich allesamt unsere Sprachkenntnisse verbessern und ich deutsch sprechen auch mittlerweile ungewohnt finde. Nach fast zwei Monaten nur englischer Kommunikation war ich etwas perplex als ich einen anderen Schweizer, welchen ich noch aus der ersten Woche kenne, auf dem Campus getroffen habe und er mich auf Deutsch angesprochen hat. Im ersten Moment habe ich nur wie ein verwirrter Elch ausm Auto geguckt und versucht deutsche Wörter zu finden. Gar nicht so einfach in der Muttersprache zu kommunizieren, wenn sich ständig englische Begriffe und Redensarten heimlich auf die Zunge schleichen. Das ganze Gespräch war die ersten Minuten etwas stockend und abgehackt, geling dann aber trotzdem irgendwie. Ich entschuldige mich also jetzt schon Mal für meine immer schlechter werdende Orthographie und Syntax in diesem Blog – die Beiträge werden wohl proportional eine Qualitätsminderung erfahren, wenn es ganz schlimm wird schreibe ich einfach auf Englisch weiter. Und wie auch sonst immer gilt: wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten.

 
Nun aber genug geschwafelt und zurück zum eigentlich Thema: Kanada von seiner schönsten Seite.
Der erste Zwischenstopp war am Murtle Lake, ein versteckter See, welcher extra für Kanuwanderungen vorgesehen ist. Eine unscheinbare Abzweigung in Blue River führte uns über eine holprige Geländestraße ins waldige Hinterland, wo wir nach kurzer Zeit die Schönheit des Binnengewässers erblicken würden. So war es zumindest gedacht, als wir den blauen Fleck auf der Karte entdeckten und etwas frische Luft schnappen wollten. Dummerweise war keiner der Insassen fähig einen Maßstab zu lesen und der kleine kurze Waldweg entpuppte sich zu einer 20km langen Stolperfahrt, welche 40 Minuten dauerte. Angekommen sind wir dann auf einem Parkplatz, wo uns eine Karte mitteilte dass wir noch 4km wandern müssten, um ans Ufer des Sees zu gelangen. Na super, aber gut nun sind wir schon hier, also los geht’s. Allzu weit waren die 4km dann glücklicherweise doch nicht und wir wurden mit einer glitzernden Wasseroberfläche und der gewohnten Schönheit von British Columbia belohnt. Ewig konnten wir uns hier jedoch nicht aufhalten, da das eigentliche Ziele noch ganze 300km entfernt lag und ein kurzer Besuch in der River Safari musste auch noch sein, da ich natürlich meine Mütze am Wochenende zuvor dort vergessen hatte und Andre sie freundlicherweise für mich aufbewahrt hat.
Gegen Abend hieß dann aber endlich: Hello hello Jasper, nice to meet you. Nachdem wir schon Mal im Hostel eingecheckt haben, ging es zum nächstbesten Pub, um klassisch einen Burger mit Pommes zu bestellen und mit Bier auf die zweite Reisegruppe zu warten, welche auch schon ca. 2 oder 3 Stunden nach uns eintraf. Nach dem gegenseitigen Beschnuppern und Traveler-Studie-Smalltalk wurden die Aktivitäten für die kommenden zwei Tage grob geplant und anschließend das Bett/Auto aufgesucht, um am nächsten Morgen fit und munter zu sein.
 
 
 
 
 

Ähnlich wie in Banff, startete der Morgen kalt, aber diesmal habe ich mich nicht vom sonnigen Kamloops täuschen lassen und eine warme Jacke, Handschuhe, Schal und zwei Mützen eingepackt. Also perfekt ausgestattet für die erste Wanderung am Morgen, welche vier Stunden lang auf einen schneebedeckten Berg mit Blick auf einen massiven Gletscher stattfand. Der Winter war hier schon lange präsent und haufenweise Schnee konnte sich über die letzten Tage ansammeln, sodass man einige Passagen mehr schneetauchend als wandernd absolviert hat. Der Aufstieg war teilweise ziemlich hart und verlaufen hatten wir uns natürlich auch, da man vor lauter Schnee den richtigen Pfad nicht mehr sehen konnte. Mein Highlight ist aber immer noch als wir auf dem Rückweg quer den Hang stetig hinab liefen und dank der Schräglage und Glätte die gleiche Balancefähigkeit wie nach 5 Bier und 10 Kurzen hatten. Zu allem Überfluss entschied ein frisches Lüftchen uns Gesellschaft zu leisten und mal eben ganz spontan einige wuchtige Windböen in Form eines gewaltigen Schneesturms zu leisten, sodass wir uns nicht mehr auf den Füßen halten konnten und uns sitzend in den Hang krallten mit einer Sichtweite von 5 Metern. Glücklicherweise war dies nur eine kurze Laune der Natur, es beruhigte sich recht schnell wieder und wir konnten unseren Abstieg fortführen. Einige Schneeballschlachten, aber leider keine Schneeengel (Mist, vergessen zu machen) später gab es auf dem Parkplatz ein kollektives Socken wechseln und Schuhe mit Zeitung ausstopfen.










 
Danach ging es weiter zum Maligne Lake, der Hauptattraktion im Jasperpark mit Spirit-Island, dem meist fotografiertesten Motiv im ganzen Nationalpark. Um ebenfalls ein visuelles Exemplar dieser Insel (im Herbst Halbinsel) zu besitzen muss man jedoch eine 1,5 stunden langen Bootstrip buchen. An sich kein Thema, wenn da nicht der unverschämte Preis von 68$ wäre. So waren wir kurz davor alle gemeinsam zu beschließen den Trip nicht zu unternehmen, als die Ticketverkäufern Gefahr witterte 10 potentielle Kunden zu verlieren und uns in letzter Sekunde ein Angebot von 40$ machte. Okay, da sind wa natürlich dabei! Regen und Wellengang blieben aus und so hatten wir eine angenehme und aussichtsreiche Bootstour auf dem zweitgrößten See in den Rocky Mountains. Eingebettet in eine Bucht aus Bergen und Gletschern strahlte die kleine Insel auf dem Wasser uns ihre ganze Schönheit entgegen. Die Hinterlandstille in Kombination mit den im Wasser sich spiegelten Berggipfeln verleite der Szenerie eine gewisse Mystik und machte somit dem Namen „Spirit-Island“ alle Ehre. Wie in allen anderen Seen zuvor auch, musste ich natürlich die Tradition fortsetzen und mit den Füßen ins Wasser. Ich freunde mich immer mehr mit den kalten Temperaturen an und finde Gefallen daran mit der nackten Haut dem Gefrierpunkt ganz nah zu sein. Das lustige daran ist, dass die Anderen , welche jeglicher Kälte mit Zwiebelstrategie und Tee aus dem Weg gehen, meist mit einer Erkältung von so einem Trip zurück kommen. Ich hingegen fühl mich fit und rundum gesund. An dieser Stelle möchte ich mein Immunsystem ganz lieb grüßen und dich wissen lassen, dass du einen super Job machst – weiter so!










 
Als wir um 40$ und 90 Minuten ärmer und um 100 Bilder und Eindrücken reicher waren war die nächste Station der Maligne Canyon. Die 50m tiefen mit Wasser gefüllten Schluchten hatten eine gewisse Ähnlichkeit zum Johnston Canyon in Banff, waren meiner Meinung nach aber wesentlich eindrucksvoller. Die Fels- und Schluchtformationen hatten ihren eigenen Charme und wieder diese unbeschreibliche mystische Ausstrahlung – nicht wirklich in Worte und Bilder zu fassen.
Als dieser Tagesordnungspunkt auch abgehackt war dämmerte es bereits und wir reisten zum letzten und wohl wichtigsten Programmpunkt: den Hot Springs. Der ereignisreiche und für die Füße recht strapazierende Tag musste zwangsläufig seinen Ausklang in den natürlichen Thermalquellen nördlich von Jasper finden. In den auf 39°C herunter gekühlten Heißwasserpools konnte man wunderbar dahinschmelzen und alle Muskeln weich kochen. Großartig! Dank benachbarter, mit Gletscherwasser gefüllten, Pools konnte man seinen Kreislauf anschließend wieder in Schwung bringen und sich wie neugeboren und in jeder einzelnen Faser des Körpers lebendig fühlen. Zwischen Dampf und Sternenhimmel machten wir eine nette Bekanntschaft mit einem Kanadier, welcher uns einen heißen Ausflugs-Tipp für den nächsten Tag gab. Mit seiner blumigen Kulissenbeschreibung machte er uns den Mund wässerig und versprach eine einmalige Aussicht auf einen babyblauen See, wenn wir genau seiner Wegbeschreibung folgen würden und so dauerte es keine 5 Sekunden bis sich eine Menschentraube aus zehn neugierigen und halbnackten Reisestudenten um den erzählenden Kanadier bildete – ich hoffe er hat sich von uns nicht bedroht oder eingeengt gefühlt.
Irgendwann geht leider auch der entspannteste Badespaß zu Ende und so gingen wir mit Träumen von babyblauen Insellandschaften ins Bett.





 
Die Nacht war kurz und der kommende Tag lang. Folgende Stationen sollten abgearbeitet werden:
1) Athabasca Falls
2) Athabasca Glacier
3) Icefield Parkway
4) Peyto Lake
5) Bow Lake
6) Moraine Lake
7) Kamloops
Klingt nach einer Herausforderung die gemeistert werden wollte. Also keine Zeit verschwenden, Sachen und Essen eingepackt und let’s hit the road, gefrühstückt wird unterwegs. Jasper schien wohl ziemlich traurig über unsere Abreise zu sein und äußerte dies durch viele kleine Regentropfen, die den Aufenthalt an den Athabasca Falls nicht gerade angenehm gestalteten. Kurz rausgehüpft, Fotos vom Wasserfall geknipst und weiter geht’s. Im Laufe der Reise knurrte der Magen immer mehr und ein Stopp zum Frühstücken musste her. Voller Vorfreude auf Müsli mit Obst machte ich mich mit den Anderen ans Werk den Tisch/Kofferraum zu decken. Wo war noch gleich die Mandelmilch und die Tüte mit den ganzen Äpfeln? Mhm und wo ist eigentlich das gute Müsli hin? Das Knurren im Magen wurde immer lauter und die Ungeduld immer stärker. Irgendwann war nahezu der gesamte Wagen auf den Kopf gestellt und wir konnten die eine wichtige Nahrungstüte nicht auffinden. So musste nach zehnmaligem Durchsuchen hungrig feststellen, dass jemand die eine Tüte mit den ganzen gesunden Sachen (versehentlich?!) mitgehen lassen oder verlegt hat. Verdammt, natürlich ausgerecht dem Veganer wird das Essen entwendet und eine wirkliche Einkaufsmöglichkeit würde es auf den nächsten 250km nicht geben. Es blieb mir also nicht anderes übrig als an ein paar Nüssen zu nagen und den Anderen beim Nutella-Brot schmieren zuzusehen. Futterneid olé. Egal ich würde schon noch irgendeine Einkaufsmöglichkeit unterwegs finden… träumte ich vor mich hin.
Die Fahrt zum Gletscher wurde nach dem Hungerschock fortgesetzt. Nach ungefähr 90 Minuten und zwei Imbisshaltestellen ohne tierfreundliche Produkte wurde die Leere in der Magenmitte durch Aufregung und Vorfreude ersetzt, da wir nun den Peyto Lake erreicht hatten und der Wegbeschreibung des Hot Springs Kanadiers zum geheimen Aussichtspunkt folgen würden. Kurze Orientierungsprobleme zu Beginn ließen uns nicht davon abhalten den atemberaubenden Ort ausfindig zu machen. Leider hat die deutsche Sprache nicht genug Worte, um diesen spezifischen Ausblick die verdienten Ausdruck zu verleihen, deswegen lass ich es gleich sein und lass die Fotos für sich sprechen:










 
Liebend gern würden wir hier verweilen, aber der straffe Zeitplan drängte uns weiter zum Bow Lake zu fahren und letztendlich am Moraine Lake anzukommen. Na? Kommt euch der Name bekannt vor? Jaaa 100 Punkte an die Dame im blauen Pulli vor dem Laptop, es ist der gleiche See den wir schon vor zwei Wochen auf dem Banff-Trip besucht haben und wo die Tageswanderung im Ten Peaks Valley gestartet ist. Schönes Gefühl wieder hier zu sein und den Ausblick diesmal mit weniger Wasser und dafür mehr Schnee zu genießen. Dieser Ort ist wohl bisher mein absolutes Highlight und soweit mein Lieblingsplatz in Kanada.
Dies war nun der wunderbare Abschluss unserer Reise und das Tollste daran – es gab warmes Essen. Jaaaaa endlich würde mein Magen Ruhe geben und ich mich nicht mehr von Nüssen und Trockenfrüchten ernähren müssen.






 
Und so geht wieder ein toller Trip auf dem Highway One zu Ende, aber der Nächste ist natürlich schon längst geplant und wird dann nächste Woche berichtet. See you!

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