Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Dienstag, 3. September 2013

Lost in translation and campus



Ein Blick auf die To-Do-List geworfen:

1) sicher in Kanada landen – check
2) Vancouver erkunden – check
3) nach Kamloops kommen – check
4) Angst vor der Gastfamilie bewältigen – check


Supi, dann bleiben ja nur noch die anderen 100 Sachen offen:

5) gut in die Uni starten

6) viele Leute kennen lernen
7) einem Elch begegnen
8) einen Bären sehen (vielleicht lieber vom Weiten)
9) in den Nationalparks Banff und Jasper wandern, Fahrradfahren und tolle Fotos schießen
10) Skifahren in Whistler
11) eine Husky-Schlittenfahrt unternehmen

12) in Toronto, Montreal und Québec shoppen gehen

13) eine Wasserschlacht an den Niagarafällen miterleben

14) Polarlichter sehen und sich dabei den Hintern abfrieren

15) Thanksgiving feiern

16) Sakte-, Long- oder was auch immer -Board ausprobieren

17) Jetskifahren

18) Fortsetzung folgt… mir fallen im Laufe der Zeit bestimmt noch mehr Aktivitäten ein



Mal von den Punkten 5 und 6 abgesehen, wird eine chronologische Abfolge wohl nicht immer einzuhalten sein, aber solange die Punkte alle abgehackt sind, ist die Reihenfolge auch Wurst wie Käse – oder wie der Veganer sagt: Tofu wie Soja.

Nachdem meine Gastfamilie und ich uns ausreichend beschnuppert und uns gegenseitig für gut befunden haben, heißt es jetzt die Uni kennenzulernen.
Der erste Tag war Chaos und Aufregung pur. Planlos wie ein kaputter Kompass aus dem 18. Jahrhundert, irrte ich auf dem riesigen Campus umher, in der Hoffnung irgendeinen Platz, eine Person oder wenigstens ein Schild zu finden, was mir weiter helfen würde. Nach gefühlten 3 Stunden planlosem umherwuseln und ca. 5Km absolvierter Wegstrecke kam dann die langersehnte Rettung. Ein Volunteer aus Indien führte mich auf den richtigen Weg in eine große Halle, wo sich ganz viele anderen verängstigte und verwirrte Studenten aus aller Welt tummelten – Gott sei Dank, ich bin nicht die einzige die keine Ahnung hat! Eingereiht in eine Gruppe brabbelnder Chinesen, hielt ich Ausschau nach Ihor, den Ukrainer, welchen ich im Flugzeug kennengelernt hatte. Und tatsächlich, dahinten steht er und winkt mir hysterisch zu – er scheint wohl auch erleichtert zu sein, nicht mehr alleine sein zu müssen. Nach einem kurzen Austausch über die letzten Tage und die Schwärmerei von unseren tollen Gastfamilien, bewältigten wir gemeinsam die komplizierte Registrierung und suchten uns einen Platz, um einer Willkommens-Präsentation aufmerksam zu folgen.
Als sich das Gewusel hunderter nervöser internationaler Studenten und das Gesprächgemisch aus mehr als 15 verschiedenen Sprachen gelegt hatte, begann eine kurze Begrüßung. Mehrere wichtige Personen und deren Aufgaben wurden vorgestellt (wovon ich alle wieder vergessen habe..) und die nächsten Ablaufschritte und Programmpunkte der Woche wurden vorgestellt. Einer davon war der English Placement Test. Diesen Sprachtest musste jeder absolvieren, der Englisch nicht als Muttersprache hat oder keinen TOFEL oder ähnliches im Voraus absolviert hatte. Das wäre dann wohl ich, die geizige Jane, die keine 220€ für einen Sprachtest in Deutschland ausgeben wollte und sich stattdessen lieber kostenlos in Kanada durchmogelt. Kaum hat man sich mit den Sitznachbarn aus Ghana angefreundet und sich halbwegs entspannt und wohl auf seinem Klappstuhl gefühlt, musste ich die Gruppe verlassen und folgte der großen Anzahl von Asiaten zum Computertest. Aufgeregt wie ein Eichhörnchen auf LSD, versuchte ich die Ankick-Fragen so gut es geht zu beantworten, zum Glück waren die recht einfach und gut machbar. Eine Herausforderung stellte hingegen ein 300 bis 600 Wörter umfassendes Essay dar, wofür man genau eine Stunde Zeit hat.
Die Aufgabe lautete: Jeder von uns muss früher oder später Mal wichtige Entscheidungen im Leben treffen. Berichte argumentativ und ausführlich über einen signifikanten Schritt aus deiner Vergangenheit und bewerte sie begründet.

Ach, nichts leichter als das: „Es war eine blöde Idee den Englischtest hier zu machen, weil ich vor lauter Aufregung nicht klar denken kann und mich eigentlich so gut wie nicht vorbereitet habe.“

Fertig! Ach Mist, 300 bis 600 Wörter? Na gut, dann halt doch lieber ein Bericht über die erste Auslandserfahrung und wie toll es war und wie viel ich gelernt habe usw. Zum Schluss noch kurz über Kanada und die Uni schleimen: „Ich bin mir ganz sicher, dass Kanada mindestens eine genauso tolle Erfahrung für mich wird und ich kann es kaum erwarten ENDLICH zu studieren und die freundlichen Kanadier kennenzulernen. Kanada ist so toll!“
Nach der schweißtreibenden Testaktion, war ich gedanklich schon dabei eine Lösung zu finden, wie ich mit dem halb durchnässten T-Shirt neue Bekanntschaften schließen würde, als ich von der freundlichen Testdame unterbrochen und zum nächsten Test gebeten wurde. Was? Noch ein Test? Verdammt! Zum Glück wenigstens eine Sache die ich kann: Quatschen. Die Überprüfung war auch glücklicherweise total angenehm, da die Prüferin wirklich nett war und es eigentlich mehr ein Gespräch als ein Test war. Sie war total in meine Unternehmungen interessiert und wir haben uns nett über Kanada, Sportaktivitäten, Wandern und meine zukünftigen Pläne unterhalten. Sie hat mir zahlreiche Tipps für Ausflüge geben und was ich unbedingt hier machen muss. Es hat eigentlich nur noch ein Keks und ein Pott Kaffee gefehlt und hätte mich hier ewig mit ihr unterhalten können. Schade, der Test war nur für 10 Minuten angesetzt und die sind wie im Flug vergangen. Gutes Zeichen? Jaaa, sehr gutes Zeichen. Ich habe sofort im Anschluss das Okay von ihr bekommen, dass ich 100% bestanden habe und mir keine Sorgen machen muss und ich super englisch spreche – danke! Achja und ich habe wirklich einen Kiwiakzent.



Nun war es aber wirklich endlich geschafft. Die kompletten Ergebnisse habe ich einen Tag später bekommen und erfahren, dass mein Englisch super ist. Die Freude darüber war groß, aber nichtsdestotrotz, muss ich zwei Kurse zusätzlich belegen, um auch die letzten Feinheiten auszubessern. So wurde ich bei einer Stufe von 1 – 5 in Nummer 5, also die Letzte, gesteckt. Na gut, bedeutet zwar weniger Freizeit, aber vielleicht ist es auch nicht so schlecht Englisch wirklich auf hohem akademischen Niveau sprechen und schreiben zu können, denn schließlich spiele ich ja mit dem Gedanken später Mal im Ausland zu arbeiten und irgendwohin auszuwandern.



Die restliche Woche der Orientierungseinheit für die internationalen Stundenten, drehte sich nur um Spaß haben und Leute kennen lernen. (Kommt mir sehr aus Hamburg bekannt vor.) es gab noch einige Informationsveranstaltungen zum Umgang mit verschiedenen Kulturen und was für Besonderheiten es in Kanada gibt. Nunja, da gibt es tatsächlich einige.
Zum Beispiel, wenn man sich in Deutschland gute Laune antrinken möchte, geht man in den nächst besten Supermarkt um die Ecke und kauft sich seine Flaschen flüssigen Spaß, um anschließend am Abend laut singend und mit leichten Muskel-Gehirn-Koordinationsschwierigkeiten nach Hause zu schwanken.

Im Ahornland sucht man vergeblich nach Alkohol im Supermarkt. Hier kann man sich höchstens mit hochkonzentrierten Süßigkeiten in einen Zuckerrausch fressen. Für Alkohol gibt es separate Läden. Aus welchem Grund auch immer, aber wenigstens gibt es den so genannten Liquor Store an jeder Ecke. Betrunken am Straßenrand spazieren wäre somit also kein Problem, fällt aber trotzdem aus, da sonst ganz schnell die Polizei kommt und einen mit ins Gefängnis nimmt. Betrunken sein in der Öffentlichkeit ist also strengstens untersagt. Auch Abkürzungen finden die Kanadier ziemlich blöd, d. h. wenn man in Deutschland keine Lust hat bei Rot über die Ampel zu gehen, überquert man einfach 50 oder 100m vor der Ampel die Straße und alles ist gut. Hier kostet einen das gut und gerne 120$. ‚Jay Walking’ nennt sich die kriminelle Straftat. Falls man sich dann noch Freunde machen will und während eines Gesprächs jemanden freundlich nach seinem Alter fragt, ist man in ein katastrophales Fettnäpfchen getreten – Hier ein absolutes No-Go!


Etwas beängstigt über die Strafen und Regeln, haben wir Auslandsstudenten uns trotzdem in die riskante Nachtszene gewagt. Zunächst ging es zum gemütlichen Biertrinken in das Studentenwohnheimzimmer von zwei Norwegerinnen und zum Abschluss in die nächst gelegene Bar Downtown, welche jedoch pünktlich um 2 Uhr, wie jeder andere Pub auch, schließt. Etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man in Hamburg und Berlin wilde Tanznächte bis 8 Uhr morgens hat, aber das machte nichts, der Abend war trotzdem sehr erheiternd. Nicht zuletzt wegen der Norweger. Bei denen ist es nämlich Tradition die erste Studienwoche, jeden Tag Party ohne Ende zu machen. Vodka wird getrunken wie Wasser, gelacht wird in der Lautstärke eines Düsenjets, Cocktails bedeuten verschiedene Alkoholsorten ohne Saft zusammen gemischt und die Inneneinrichtung ist zum Zerstören und Pflanzen zum aus dem Fenster werfen da – total crazy die Fischköppe. Aber wer will es ihnen verübeln? Wer 180 Tage im Jahr in absoluter Dunkelheit lebt, muss sich das Leben ja irgendwie schön trinken…


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