Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Dienstag, 17. September 2013

Holy Cow



5 Tage, 200 gerannte Höhenmeter, 150 neue Bio-Englisch-Vokabeln und zwei Hausaufgaben später war die erste richtige Uniwoche vorbei und ein Wochenende stand wieder vor der Tür. D.h. dann also faul auf der Couch liegen und Fernsehen gucken – Nope, nicht so in Kanada. Sachen gepackt und los geht’s zum nächsten See. Im näheren Umkreis warten ja schließlich nur noch um die 196 auf mich die ich noch nicht gesehen habe. Zusammen mit Gail, einer Freundin von Christine, machten wir drei Mädels uns auf den Weg zum Lac le Jeune. Fernab vom Highway ging es ins Hinterland Richtung Süden, wo sich wie immer hinter einem kleinen Wald ein See versteckt. Insgesamt machten wir bei drei Seen einen Zwischenstopp. Da es noch recht früh am Morgen war, sollte eine kleine Wanderung unseren Kreislauf in Schwung bringen und jeglichen Kaffee als Wachmacher ersetzen. Gesagt, getan. Der 90-minütige Spaziergang um den gesamten See herum, verlief die ganze Zeit entlang am Ufer und bot somit zahlreiche eindrucksvolle Aussichtspunkte und viele Gelegenheit ein malerisches Foto für die Erinnerung zu schießen. Für einen kurzen Moment sollte man hier innehalten und einfach den Augenblick ohne jegliche Gedanken in vollen Zügen genießen. Dieses Gebiet muss wohl auch dem Vieh sehr gut gefallen, da wir auf einige muhende Besucher trafen, die uns wiederkäuend musterten, nach kurzer Zeit aber dann doch wieder ihren Blick Richtung Wasser schweifen ließen. 







Nach dem die Umrundung erfolgreich gelungen war, ging es zum nächsten See, wo wir den Rest des heißen Tages gammelig verbringen würden. Zur Stärkung gab es ein, wie immer, leckeres veganes Picknick und nach einer kurzen Spielpause hieß es dann ab ins kühle Nass. Während Christine und Gail sich auf den Luftmatratzen treiben ließen, widmete ich mich meiner sportlichen Schwimmeinheit. Im doch recht ziemlich kalten - nein eiskalten - Wasser fingen jedoch nach kurzer Zeit meine Finger an steif zu werden und die Fußzehen habe ich auch nicht mehr wirklich gespürt. Das war dann wohl das Zeichen den Rest des Nachmittags faul am Strand zu liegen und in der Sonne zu brutzeln. Mit der idyllischen Landschaft und der friedvollen Stille, konnte man ausgezeichnet entspannen und mit einem erholenden Nickerchen wertvolle Kräfte für den nächsten Tag tanken. Da stand nämlich eine etwas längere Wanderung auf dem Programm.



Ein Schweizer, ein Ukrainer, eine Norwegerin und eine Deutsche machten sich zusammen auf in die Berge. Nein dies ist nicht der Anfang eines ausgelutschten Klischeewitzes, sondern der Beginn einer überraschenden Tageswanderung. Mathias, Ihor, Signe und ich haben beschlossen uns ein Auto für einen Tag zu mieten und damit nach Sun Peaks zum – uh Mal zur Abwechslung was anderes - Wandern zu fahren. Sonnenbrille aufgesetzt, Musik laut aufgedreht und let’s go! Voller Motivation und Elan wollten wir die 400 Höhenmeter bezwingen, um u. a. an den McGillivray Lake zu gelangen.
Die ersten Stunden waren super, die Streifenhörnchen zutraulich, der Himmel blau, die Laune gut, die Bäume grün und der Wald dicht. Am See gab es eine kleine Verschnaufpause, wo wir bei Sandwich und Obstsalat einen halbnackten Kerl beim Duschen im See beobachteten. (Nein es war nicht so erotisch wie es klingt.) Nach einiger Zeit des Bespannens kamen wir nett mit ihm ins Gespräch und wir stellten unsere kleine europäische Gruppe vor. Auf neugierige Nachfrage zeigte sich, dass der tätowierte und vollbärtige Kanadier schon seit knapp einer Woche am See in einem Zelt haust und sich auf eine verrückte 50km lange Laufveranstaltung vorbereitet. Ganz klar, dafür zieht man sich aus der Zivilisation zurück und verbringt mehr als drei Wochen allein in der Wildnis! Vielleicht ist das ja das Erfolgsrezept, um eine neue Bestzeit im Halbmarathon zu erreichen? Ob es wohl das Gleiche ist, wenn ich anstatt im Wald die 21 Tage auf dem Campus hause? Das ein oder andere Zeltlager wurde an der Hamburger Uni ja schon des Öfteren gesichtet. Auf merkwürdige Geschöpfe würde ich dabei definitiv auch treffen, aber evtl. überlege ich mir das doch noch mal genauer…
Nach der doch beeindruckenden Begegnung ging es weiter ins Grün. Zielsicher und ortskundig marschierten wir immer tiefer ins Hinterland. Echt schön hier, bisschen viel Wald vielleicht, aber doch recht idyllisch. Mhm na ja mal eine Art Ausblick aufs Tal oder umliegende Berge wäre eigentlich auch ganz nett. Die Wanderschilder geben doch immer super Auskunft über den nächsten Lookout, vielleicht sollten wir mal einen Blick darauf werfen. Apropos Schilder, wo war eigentlich das Letzte? Überhaupt hat jemand eine Ahnung wo wir sind? Oops. Na zum Glück haben wir eine detaillierte Wanderkarte bei uns und zur Not immer noch ein Navi auf dem schlauen Telefon. Ja blöd nur, wenn wir uns auf einem Pfad befinden der außerhalb des Wandergebiets liegt und das smarte Phon ohne jegliches Netz oder Internetempfang sämtliche Intelligenz verliert. Da standen wir nun. Mitten auf einer Straße im Nirgendwo oder um es dramatischer auszudrücken: in Kanada und da ist bekanntlich Keiner-Da. (super Wortwitz!)
Es gab zwei Optionen: entweder den gesamten Weg zurück laufen und den badenden Marathon-Ureinwohner um Hilfe bitten oder wie zu Beginn eines jeden guten Horrorfilms der Straße weiter folgen bis ein Auto kommt und uns hilft. Risikobewusst und Vernünftig wie wir sind, entschieden wir uns natürlich für die Horrorfilm-Version. Es dauerte auch nicht zu lange bis dann endlich Hilfe auf vier Rädern angefahren kam und glücklicherweise waren gut gelaunte Kanadier die Insassen und schlitzen uns freundlicherweise nicht als Wolfsfutter am Waldrand auf. Ausführlich beschrieben sie uns den weiteren Weg und winkten fröhlich zum Abschied. Dank der Hilfe konnten wir uns wieder auf der Wanderkarte lokalisieren und unsere ursprüngliche Route verfolgen. Es ging immer tiefer in den Wald hinein bis wir den nächsten Wanderpfad namens „Holy Cow“ erreichten. Kühe haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber jede Menge stinkende und Gullideckel große Fladen, die als eindeutiges Indiz für ihre Existenz fungierten. Zielsicher marschierten wir den Pfad entlang bis zu einer Gabelung die nicht auf der Karte aufgezeichnet war. Was machen? Klarer Fall: „Eene meene muh und raus bist du!“ Oke wir gehen nach links! „Sicher?“ Nö, aber das Eene-meene-muh-Prinzip ist idiotensicher und klappt immer! Okay, bleibt ja auch nichts anderes übrig. Also liefen, wanderten und gingen wir den steilen Pfad immer weiter bergauf. Irgendwie wurde er immer wilder und es wurde immer schwieriger den Weg zu finden, aber egal, jetzt sind wir schon so weit gegangen, der wird schon richtig sein und schließlich sind Wege dafür da, um an ein Ziel zu gelangen. Also aufhören zu jammern und weiter geht’s!
Mhm… vielleicht spätestens als wir über einen Zaun klettern mussten und die Kuhscheiße nicht mehr als Wegweiser vorhanden war, hätte man stutzig werden können. Aber wir – oder zumindest einige von uns – waren ziemlich sicher dass der Weg uns irgendwo hinführen würde.
Nunja, in Kanada gelten wohl andere Regeln, denn hier gibt es kilometerlange Pfade die einfach im Nichts enden bzw. vor einer Wand aus Dickicht, die man ohne Hilfsmittel unmöglich durchqueren konnte. Na zum Glück haben wir Mathias den Schweizer dabei, in seinem Schweizer Taschenmesser befindet sich doch bestimmt eine Kettensäge. Nein? Wirklich nicht? Hast du auch wirklich ganz gründlich nachgeguckt? Verdammt. Okay… also die ganzen 45minuten die wir bis hierher gelaufen sind wieder zurück. Endlich wieder an der Gabelung angekommen bemerkten wir ein buntes Etwas an einem Baum, direkt neben dem Weg. Hach Mensch guckt Mal, da ist ein Pfeil und der zeigt genau in die andere Richtung. Was lernen wir daraus? Genau, kaufe nie ein Schweizer Taschenmesser ohne integrierter Kettensäge!!!

Nach der Tortour durch den Wald und dem Orientierungslauf ohne Happy-End waren wir doch recht erschöpft und hatten immer noch keinerlei schöne Aussicht. Ganze 6 Stunden später erreichten wir dann endlich die Gipfelkante, wo sich die Endstation eines Sessellifts für die Skipisten befand. Hier hatten wir dann eine wohlverdiente Pause und so was ähnliches wie einen schönen Ausblick. Ausgeruht und kurz eingeredet, dass es trotz der vielen Misthaufen und eintönigen Wanderwege es Wert war, machten wir uns entlang der steilen Skipisten auf den Weg zurück ins Tal. Diejenigen die bisher immer dachten eine schwarze Piste mit Skiern runter zu fahren sei aufregend, die sind noch nie eine schwarze Piste ohne Skier mit kniehohem Gras und einer gefährlichen Mischung aus Geröll und rutschigem Dreck runter gelaufen – das ist vielleicht ein Spaß. Aber immerhin war es der kürzeste Weg und so waren wir in Null-Komma-Nichts fast am Ziel.
An der Liftstation im Tal resümierten wir den Tag und stellten fest, dass wir zwar nicht viel gesehen haben, aber immerhin einen aktiven Tag bei Sonne an der frischen Luft verbracht haben und das bisschen Methan von den Kuhhaufen stört ja nun wirklich nicht. Deprimierend, wir haben nicht Mal eine einzige Kuh gesehen. Weiterhin auf dem Rückweg, schaute ich dann noch mal den Hügel hinauf und erblickte etwas Schwarzes direkt auf der Piste. „Hey guckt Mal, da haben wir endlich unseren muhenden Übeltäter mit den Verdauungsproblemen.“ Kurz bevor ich mich mit einem sarkastischen Statement wieder abwenden wollte: „Uuuh wow… ne Kuh, Mensch super, ich wollte schon immer Mal eine sehen, yey, High Five…“ Sagte Mathias: „Moment Mal, das ist keine Kuh… das sieht eher aus… wie… ein BÄR!“
Was??? Oh Holy Cow, das ist wirklich ein Bär! Signe ist total ausgeflippt und konnte vor Freude nicht aufhören wild umherzuhüpfen und auch ich konnte mir einen quietschenden Freudenschrei nicht verkneifen. Das erste Mal in unserem Leben haben wir vier einen echten, wilden Bären gesehen und sicher von der Ferne aus beobachten können, wie er gemütlich durchs Gras lief und sich von nichts stören ließ.
Ein unglaublicher Moment, den wir nach diesem Tag ganz sicher nicht vergessen würden. Die Wanderung hat sich also doch alle Mal ausgezahlt.
















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