Mittlerweile bin ich schon drei Wochen in Kanada und es
kommt mir vor wie Jahre. Alles ist irgendwie vertraut und problemlos. Und es
geht auch nicht anders als sich hier einfach nur wohl zu fühlen. Liegt wohl
daran, dass das Wetter die ganze Zeit sonnig ist und somit auch die Laune der
Leute hier. Und ja das Gerücht stimmt – die Leute sind unglaublich freundlich
hier! (der blöde Flughafenmensch wird radikal ausgeklammert) Ich habe es schon
einige Male erlebt, dass ich Tollpatsch versehentlich jemanden angerempelt habe
und bevor ich auch nur meine Entschuldigung ansatzweise formulieren konnte,
lächelte mich schon die betroffene Person an und kam mir mit einem „Sorry“
zuvor. Die Leute entschuldigen sich hier dafür, dass ich sie angerempelt habe??
Wow in Deutschland kriegt man dafür in einigen Fällen eine verbale Ohrfeige und
eine gratis Ausreizung des Stimmlagenvolumens dazu. Hier wird man zudem von
jedem Lehrer oder jeder Verkäuferin gefragt wie es einem so geht. Beim Joggen
grüßt mich jeder und bestätigt mir, dass es ein wundervoller Morgen zum Laufen
sei und die Nachbarin (welche eigentlich 3 Blocks weiter in einer anderen
Straße wohnt) winkt mir ganz hysterisch zu, wenn ich zur Uni gehe.
Ein anderes Gerücht stimmt jedoch nicht. Sorry liebe
Leserschaft, aber ich muss euch enttäuschen: Die Kanadier wohnen nicht in
Iglus. Ja, ich war mindestens genauso schockiert, als ich in winterlicher
Vollmontur nach Kamloops kam. Ist ja schließlich in den Bergen und da muss es
automatisch kalt sein. Die Wollmütze und Handschuhe sollte man hier aber ganz
schnell gegen ein eiskaltes Getränk und einen Ventilator eintauschen. In Wirklichkeit
befindet man sich hier in der Wüste. Anstatt auf Pinguine und Gletscher trifft
man hier auf Klapperschlangen und Kakteen - Buschbrände inklusive. Klimaerwärmung olé?! Nein das ist
hier schon immer so, da Kamloops der nördliche Ausläufer von der
Washington-Wüste in den USA ist und mit 345 Höhenmeter ein Tal in den Rocky
Mountains darstellt, herrscht hier ganzjährig ein arides Klima. Schnee gibt es
im Winter zum Glück trotzdem, sonst würde das zweitgrößte Skigebiet Kanadas
hier in der Nähe auch nicht wirklich Sinn machen. Bei !!!35°C!!! Mitten im September sind
Schneemänner zurzeit jedoch ein bisschen schwer vorstellbar. Glücklicherweise
gibt es hier genügend Erfrischungsmöglichkeiten. Der Name Kamloops stammt aus
der ursprünglichen Sprache der Shuswap-Ureinwohner „Tk'əmlúps“
und bedeutet übersetzt ‚wo die zwei Wasser aufeinander treffen’ gemeint ist
damit der North und South Thompson River. Daher auch der Name ‚Thompson River
University’. Der Name ‚Wo man vor dem fünften Lebensjahr schwimmen lernen
sollte’ würde in meinen Augen auch super passen, da sich im Umkreis von einer
Autostunde ungefähr 200 verschiedene Seen befinden. Da denkt man, man ist in
der Wüste und kaum verläuft man sich Mal auf dem Nachhauseweg und Schwups (aaah
deswegen Shuswap-Ureinwohner – jetzt ergibt alles einen Sinn) taucht da aus der
Dürre einfach ein See auf.
Die brütende Hitze hält wohl noch bis Anfang
Oktober an und dann sollen ein farbenfroher Herbst und darauf die pulverige
Wintersaison starten.
Feuer in der Nähe der Uni
Während man also die Wochenenden am See mit
Baden und Wandern verbringt, geht man unter der Woche fleißig joggen und in die
Uni. Nach den zwei ersten Einführungswochen hieß es jetzt: Ran an den Speck,
der zäher ist als erwartet. (In zweierlei Hinsicht) Erste Stunde heißt also
Biologievorlesung zum Bau und Funktion des menschlichen Körpers. Yey, das
klingt vielversprechend. Die ersten Vorlesungen waren auch super, die Dozentin
ist total freundlich (wen verwundert’s?) und erklärt alles sehr verständlich
und interessant. Zu Beginn wurden einige Basics wiederholt und es wurden Fragen
gestellt wie „Welches Körperteil ist mit ‚femoral’ gemeint?“ – Ahh easy, klingt
so ähnlich wie bei den Insekt wird also der Oberschenkel sein. Kaum wollte ich
mich melden fällt mir ein: Mist, was heißt eigentlich Oberschenkel auf Englisch?
Öhh Overshenkl vielleicht? Manchmal hilfts ja, wenn man das deutsche Wort
einfach mit einer englischen Aussprache betont, klappt bei Kindergarten ja
schließlich auch. Blöd, in dem Fall leider nicht, genauso wenig wie bei allen
anderen Millionen von Körperteilen und Fachbegriffen auch. In dem Moment ist
mir klar geworden, dass ich gar nichts auf Englisch weiß. Was zum Teufel heißt
Handgelenk, Wade und Milz? Fragt mich in einem halben Jahr noch mal, dann kann
ich’s beantworten!
Genug Übung und lernen werde ich nämlich alle
Mal, da sich das Studiensystem vollkommen vom deutschen unterscheidet. Während
man in Hamburg während des Semesters nur zum Kaffee trinken und Mensaessen in
der Uni erscheint und den ganzen Lernstress in der letzten drei Wochen vor den
Prüfungen mit Bulimielernen hat, gibt es hier eine Anwesenheitspflicht in den
Vorlesungen und was noch viel schlimmer ist: man kriegt hier Hauaufgaben UND
die werden benotet! Ach du meine Güte, Hausaufgarten hatte ich das letzte Mal
in der 11ten Klasse, ich weiß nicht Mal mehr wie man das Wort richtig schreibt,
geschweige denn, wie man das macht. Als wäre das nicht schon
gewöhnungsbedürftig genug, hier gibt es zudem noch in regelmäßigen Abständen
kleine Tests und natürlich zwei große Zwischenprüfungen. Alles fließt in die
Endnote ein. Halleluja. Naja wenn ich so recht überlege, eigentlich eine gute
Strategie, weil auf diese Weise ist man gezwungen regelmäßig am Ball zu bleiben
und nicht alles auf der letzten Minute nachzuarbeiten und da man schon vorher
fleißig Noten sammelt, ist die Endprüfung mit 40% nicht sehr hoch gewertet,
d.h. wenn man die verkackt, weil man einen schlechten Tag hat, dann ist das
weniger als halb so schlimm. Und da ich in Biologie das Sprachniveau eines
Erstklässlers besitze („As everybody of you of course know that integumentary,
endocrine and digestive are kinds of organ system levels are, I don’t need to
repeat this.” - Äh what? Could you please repeat it?) kommt mir das
kontinuierliche Üben und Lernen sehr entgegen.
Klingt also nach sehr viel Arbeit, aber – und
das ist wohl das Wichtigste – es macht Spaß! Das Lernklima ist super, die drei
stunden Vorlesung ist auf drei Tage aufgeteilt, was das Aufarbeiten und
Konzentrieren viel angenehmer gestaltet und somit auch mehr Zeit zum
Hausaufgaben erledigen ermöglicht. Und erste Erfolge sind sichtbar: die erste
Hausaufgabe habe ich mit 95% erfolgreich absolviert – juhu und alle meine
Notizen sind auf Englisch, auch wenn die vorerst besser keiner auf
Rechtschreibung kontrollieren sollte…
Bio-Dozentin macht sich mit Legobausteinen zum sympathischen Hampelmann
Zum stressigen Ausgleich geht es nach wie vor regelmäßig zum
Sport, der hier vornehmlich aus Joggen, Wandern und Schwimmen besteht. Neben
den gewohnten Hügel-Lauf-Einheiten, die ich jeden zweiten Tag mit Mathias aus
der Schweiz bezwinge, habe ich mich zusätzlich für das Crosscountryteam
eingeschrieben. D. h. jeden Dienstag und Donnerstag um 5.40 Uhr aufstehen (oh
Gott, vielleicht überlege ich mir das doch noch mal…) und eine Trainingseinheit
mit brutalen Intervallläufen über Stock und Stein bzw. in Kanada – über
Baumstämme und Kuhmisthaufen – absolvieren. Als wenn das nicht schon Qual genug
wäre, wird man zudem auch noch von einem 65 Jahre alten Opa abgezogen. Da kommt
man frisch und (mehr oder weniger) munter zur ersten Trainingseinheit und wird
schon bei der Erwärmung bloß gestellt. Falls ich je in meinem Leben Mal gedacht
hatte, dass ich fit wäre, dann habe ich spätestens jetzt die offizielle
Bestätigung: nein bin ich eindeutig nicht! 10 Minuten lockeres Einlaufen mit dem
Trainer und ich könnte ein Sauerstoffzelt gebrauchen, während er lockig und
flockig die Steigerungsläufe einläutet. Okay zu meiner Verteidigung, er lebt
wahrscheinlich schon sein ganzes Leben in den Bergen und seine Blutzellen
besitzen wohl deswegen eine eigene Lunge im Gegensatz zu meinem
Flachland-Blutkreislauf und außerdem hat er einfach mal 40 Jahre Training
Vorsprung. Sobald ich auch in die Berge gezogen bin und alt und faltig bin,
ziehe ich auch alle Jünglinge beim Ultramarathon ab. Bis dahin heißt es aber
gehorsam der durchtrainierten Gruppe hinterher hecheln und hoffen, dass mir
irgendwann Flügel wachsen.
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