Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Montag, 16. September 2013

Leben in Kamloops



Mittlerweile bin ich schon drei Wochen in Kanada und es kommt mir vor wie Jahre. Alles ist irgendwie vertraut und problemlos. Und es geht auch nicht anders als sich hier einfach nur wohl zu fühlen. Liegt wohl daran, dass das Wetter die ganze Zeit sonnig ist und somit auch die Laune der Leute hier. Und ja das Gerücht stimmt – die Leute sind unglaublich freundlich hier! (der blöde Flughafenmensch wird radikal ausgeklammert) Ich habe es schon einige Male erlebt, dass ich Tollpatsch versehentlich jemanden angerempelt habe und bevor ich auch nur meine Entschuldigung ansatzweise formulieren konnte, lächelte mich schon die betroffene Person an und kam mir mit einem „Sorry“ zuvor. Die Leute entschuldigen sich hier dafür, dass ich sie angerempelt habe?? Wow in Deutschland kriegt man dafür in einigen Fällen eine verbale Ohrfeige und eine gratis Ausreizung des Stimmlagenvolumens dazu. Hier wird man zudem von jedem Lehrer oder jeder Verkäuferin gefragt wie es einem so geht. Beim Joggen grüßt mich jeder und bestätigt mir, dass es ein wundervoller Morgen zum Laufen sei und die Nachbarin (welche eigentlich 3 Blocks weiter in einer anderen Straße wohnt) winkt mir ganz hysterisch zu, wenn ich zur Uni gehe.
Ein anderes Gerücht stimmt jedoch nicht. Sorry liebe Leserschaft, aber ich muss euch enttäuschen: Die Kanadier wohnen nicht in Iglus. Ja, ich war mindestens genauso schockiert, als ich in winterlicher Vollmontur nach Kamloops kam. Ist ja schließlich in den Bergen und da muss es automatisch kalt sein. Die Wollmütze und Handschuhe sollte man hier aber ganz schnell gegen ein eiskaltes Getränk und einen Ventilator eintauschen. In Wirklichkeit befindet man sich hier in der Wüste. Anstatt auf Pinguine und Gletscher trifft man hier auf Klapperschlangen und Kakteen - Buschbrände inklusive. Klimaerwärmung olé?! Nein das ist hier schon immer so, da Kamloops der nördliche Ausläufer von der Washington-Wüste in den USA ist und mit 345 Höhenmeter ein Tal in den Rocky Mountains darstellt, herrscht hier ganzjährig ein arides Klima. Schnee gibt es im Winter zum Glück trotzdem, sonst würde das zweitgrößte Skigebiet Kanadas hier in der Nähe auch nicht wirklich Sinn machen. Bei !!!35°C!!! Mitten im September sind Schneemänner zurzeit jedoch ein bisschen schwer vorstellbar. Glücklicherweise gibt es hier genügend Erfrischungsmöglichkeiten. Der Name Kamloops stammt aus der ursprünglichen Sprache der Shuswap-Ureinwohner „Tk'əmlúps“ und bedeutet übersetzt ‚wo die zwei Wasser aufeinander treffen’ gemeint ist damit der North und South Thompson River. Daher auch der Name ‚Thompson River University’. Der Name ‚Wo man vor dem fünften Lebensjahr schwimmen lernen sollte’ würde in meinen Augen auch super passen, da sich im Umkreis von einer Autostunde ungefähr 200 verschiedene Seen befinden. Da denkt man, man ist in der Wüste und kaum verläuft man sich Mal auf dem Nachhauseweg und Schwups (aaah deswegen Shuswap-Ureinwohner – jetzt ergibt alles einen Sinn) taucht da aus der Dürre einfach ein See auf.
Die brütende Hitze hält wohl noch bis Anfang Oktober an und dann sollen ein farbenfroher Herbst und darauf die pulverige Wintersaison starten.


Feuer in der Nähe der Uni





Während man also die Wochenenden am See mit Baden und Wandern verbringt, geht man unter der Woche fleißig joggen und in die Uni. Nach den zwei ersten Einführungswochen hieß es jetzt: Ran an den Speck, der zäher ist als erwartet. (In zweierlei Hinsicht) Erste Stunde heißt also Biologievorlesung zum Bau und Funktion des menschlichen Körpers. Yey, das klingt vielversprechend. Die ersten Vorlesungen waren auch super, die Dozentin ist total freundlich (wen verwundert’s?) und erklärt alles sehr verständlich und interessant. Zu Beginn wurden einige Basics wiederholt und es wurden Fragen gestellt wie „Welches Körperteil ist mit ‚femoral’ gemeint?“ – Ahh easy, klingt so ähnlich wie bei den Insekt wird also der Oberschenkel sein. Kaum wollte ich mich melden fällt mir ein: Mist, was heißt eigentlich Oberschenkel auf Englisch? Öhh Overshenkl vielleicht? Manchmal hilfts ja, wenn man das deutsche Wort einfach mit einer englischen Aussprache betont, klappt bei Kindergarten ja schließlich auch. Blöd, in dem Fall leider nicht, genauso wenig wie bei allen anderen Millionen von Körperteilen und Fachbegriffen auch. In dem Moment ist mir klar geworden, dass ich gar nichts auf Englisch weiß. Was zum Teufel heißt Handgelenk, Wade und Milz? Fragt mich in einem halben Jahr noch mal, dann kann ich’s beantworten!
Genug Übung und lernen werde ich nämlich alle Mal, da sich das Studiensystem vollkommen vom deutschen unterscheidet. Während man in Hamburg während des Semesters nur zum Kaffee trinken und Mensaessen in der Uni erscheint und den ganzen Lernstress in der letzten drei Wochen vor den Prüfungen mit Bulimielernen hat, gibt es hier eine Anwesenheitspflicht in den Vorlesungen und was noch viel schlimmer ist: man kriegt hier Hauaufgaben UND die werden benotet! Ach du meine Güte, Hausaufgarten hatte ich das letzte Mal in der 11ten Klasse, ich weiß nicht Mal mehr wie man das Wort richtig schreibt, geschweige denn, wie man das macht. Als wäre das nicht schon gewöhnungsbedürftig genug, hier gibt es zudem noch in regelmäßigen Abständen kleine Tests und natürlich zwei große Zwischenprüfungen. Alles fließt in die Endnote ein. Halleluja. Naja wenn ich so recht überlege, eigentlich eine gute Strategie, weil auf diese Weise ist man gezwungen regelmäßig am Ball zu bleiben und nicht alles auf der letzten Minute nachzuarbeiten und da man schon vorher fleißig Noten sammelt, ist die Endprüfung mit 40% nicht sehr hoch gewertet, d.h. wenn man die verkackt, weil man einen schlechten Tag hat, dann ist das weniger als halb so schlimm. Und da ich in Biologie das Sprachniveau eines Erstklässlers besitze („As everybody of you of course know that integumentary, endocrine and digestive are kinds of organ system levels are, I don’t need to repeat this.” - Äh what? Could you please repeat it?) kommt mir das kontinuierliche Üben und Lernen sehr entgegen.
Klingt also nach sehr viel Arbeit, aber – und das ist wohl das Wichtigste – es macht Spaß! Das Lernklima ist super, die drei stunden Vorlesung ist auf drei Tage aufgeteilt, was das Aufarbeiten und Konzentrieren viel angenehmer gestaltet und somit auch mehr Zeit zum Hausaufgaben erledigen ermöglicht. Und erste Erfolge sind sichtbar: die erste Hausaufgabe habe ich mit 95% erfolgreich absolviert – juhu und alle meine Notizen sind auf Englisch, auch wenn die vorerst besser keiner auf Rechtschreibung kontrollieren sollte…





Bio-Dozentin macht sich mit Legobausteinen zum sympathischen Hampelmann

Zum stressigen Ausgleich geht es nach wie vor regelmäßig zum Sport, der hier vornehmlich aus Joggen, Wandern und Schwimmen besteht. Neben den gewohnten Hügel-Lauf-Einheiten, die ich jeden zweiten Tag mit Mathias aus der Schweiz bezwinge, habe ich mich zusätzlich für das Crosscountryteam eingeschrieben. D. h. jeden Dienstag und Donnerstag um 5.40 Uhr aufstehen (oh Gott, vielleicht überlege ich mir das doch noch mal…) und eine Trainingseinheit mit brutalen Intervallläufen über Stock und Stein bzw. in Kanada – über Baumstämme und Kuhmisthaufen – absolvieren. Als wenn das nicht schon Qual genug wäre, wird man zudem auch noch von einem 65 Jahre alten Opa abgezogen. Da kommt man frisch und (mehr oder weniger) munter zur ersten Trainingseinheit und wird schon bei der Erwärmung bloß gestellt. Falls ich je in meinem Leben Mal gedacht hatte, dass ich fit wäre, dann habe ich spätestens jetzt die offizielle Bestätigung: nein bin ich eindeutig nicht! 10 Minuten lockeres Einlaufen mit dem Trainer und ich könnte ein Sauerstoffzelt gebrauchen, während er lockig und flockig die Steigerungsläufe einläutet. Okay zu meiner Verteidigung, er lebt wahrscheinlich schon sein ganzes Leben in den Bergen und seine Blutzellen besitzen wohl deswegen eine eigene Lunge im Gegensatz zu meinem Flachland-Blutkreislauf und außerdem hat er einfach mal 40 Jahre Training Vorsprung. Sobald ich auch in die Berge gezogen bin und alt und faltig bin, ziehe ich auch alle Jünglinge beim Ultramarathon ab. Bis dahin heißt es aber gehorsam der durchtrainierten Gruppe hinterher hecheln und hoffen, dass mir irgendwann Flügel wachsen.

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