Wie versprochen gibt es jetzt den Bericht über unseren
Wochenendtrip nach Banff. Weil ihr natürlich alle fleißig recherchiert habt,
könnt ihr euch sicher vorstellen, dass es eine Menge vorort zu sehen gab und
daher stellt euch am Besten einen Pipi-Eimer neben den Stuhl, holt etwas
Proviant und setzt die Lesebrille auf – dies wird ein laaaaaanger Blogeintrag.
Wir schreiben Donnerstag den 19. September 2013, wo eine
europäische Gruppe ihren Weg zum ältesten Nationalpark Kanadas startete. Diesmal
waren jedoch nur drei Nationen vertreten. Zum einen die Franzosen David und
Stéphane, der bekannte Schweizer Mathias und die Kartoffelfraktion Felizitas
und Jane. Zu fünft ging es mit einem Mietwagen durch insgesamt 4 Nationalparks
direkt am Highway One ins Herz der Rocky Mountains, wo ein faszinierendes
Wunderwerk der Natur auf uns wartete. Stets begleitet vom sonnigen Wetter, war
allein schon die Autofahrt ein einzige landschaftliche Augenweide und jeder
einzelne von uns klebte förmlich an der Fensterscheibe und gab in regelmäßigen
Abständen ein begeistertes „Ahhh“, „Ooooh“ und „Wow“ von sich.
Zahlreiche Blödeleien und Autospiele, 100 unscharfe Fotos
von der Fensterscheibe, 6 Stunden Fahrt und eine Zeitzone später, sind wir
Abends um 9 Uhr endlich im Naturschutzgebiet mit dem beschaulichen, leider aber
auch sehr touristischen Örtchen „Banff Town“ angekommen. Umgeben von
majestätischen Bergketten und zahllosen tiefblauen Gewässern gehört Banff Town
wohl zu einer der schönsten Städtchen in ganz Kanada. Da wir jedoch in der
Nacht erst anreisten ließ uns die Wolkendecke in Kombination mit der Dunkelheit
nicht viele Möglichkeiten zum Bestaunen. Unterschiede zu Kamloops sind uns aber
trotzdem mehr als aufgefallen, nicht nur dass wir um eine Stunde älter wurden,
wir haben auch einen rekordverdächtigen Temperatursturz erlebt. Während wir in
der Mittagssonne in der Kamloops-Wüste bei ca. 27°C in Shorts und T-Shirt die Bedienungsanleitung
der Klimaanlage des Autos studierten, erlebte ich in Banff mein blau-frostiges
Wunder als ich meine nackten Beinchen und Ärmchen in die 1°C kalte Nacht streckte. Uh das nenne
ich Mal einen schnellen Jahreszeitenwechsel! Das ist dann wohl der berühmte
kanadische Aha- oder auch Brrr-Effekt. Also schnell in die nächste Kneipe zum
Aufwärmen und Abendessen. Jedoch war unser Aufwärm-Tee Bier, unsere Suppe
Pommes und die sorgsame Mutter mit der Wolldecke der Kiwi Callman, welchen ich
in Vancouver kennengelernt hatte. Da er seit ca. zwei Wochen in Banff arbeitet,
kennt er sich mittlerweile gut mit dem Leben in den Bergen aus. So klärte er
uns auf, dass zwei Tage zuvor der erste Schnee gefallen ist und nachts
Minusgrade nicht unwahrscheinlich sind. Okaaaay… Memo an mich: nie wieder
Sachen für einen Kanadatrip packen, wenn man nebenbei aus dem Fenster auf den
sonnigen Strand guckt und dabei den Schal und die Handschuhe ohne schlechtes
Gewissen wieder zurück in den Schrank packt. „Aaach immer diese Übertreibung,
hier ist es doch gar nicht so kalt wie immer alle sagen!“ Naja wenigstens hatte
ich meine Mütze dabei und die kam auch reichlich zum Einsatz.
Nach dem gemütlichen Ankomm-Abend in Tommy’s Neigborhoods
Pub, verabschiedeten wir uns vom lustigen Kiwi und hüpften in unser warmes
Hostelzimmer oder in meinem Fall ins nette Auto mit muckeliger Außentemperatur.
Ja im Gegensatz zu den Anderen tauschte ich das obligatorische Doppelstockbett
aus dem Buget-Hotel gegen den gemütlichen Autositz und einen Schlafsack ein.
Das hatte zwei Gründe:
Zum Einen wollte ich etwas Geld einsparen, da die Preise für
die Schulbücher hier extrem sind - für drei Bücher musste ich insgesamt schon
400$ ausgeben!!! Bei 35$ pro Nacht im Hostel, macht das bei drei Nächten im
Auto eine Ersparnis von 105$.
Zum Anderen liebe ich das Abenteuer und da ich fast den
gesamten Neuseelandaufenthalt im Auto genächtigt habe, bin ich mehr als gut
vorbereitet.
Aber ja, vielleicht hat in dem Fall der finanzielle Aspekt
eine höhere Gewichtung für diese Entscheidung gehabt. Wie auch immer: ab ins
Auto, Schlafsack zu, Mütze auf und gute Nacht.
Der nächste Morgen begann frostig, aber sonnig. Mühsam
quälte ich mich aus dem warm-lauschigen Schlafsack, um mich anzuziehen und
fertig zu machen für den Tag. Das unglaubliche Bergpanorama und die frische
Luft, welche mich beim Aufwachen fröhlich begrüßten, machten das Aufstehen
jedoch zu einem angenehmen Erlebnis. Mein Badezimmer befand sich nur wenige
Schritte entfernt. Direkt am Bow River konnte ich mich waschen und beim
Zähneputzen die Vögel und Streifenhörnchen bei der Nahrungssuche beobachten.
Viel besser als ein fensterloses, kleines Badezimmer mit 9 fremden Personen im
Mehrbettzimmer zu teilen. Und die Kälte? Die wurde einfach ignoriert.
Als die Anderen zum Auto kamen ging es gemeinsam zum ca.
eine halbe Stunde entfernten Lake Louise. Hier würden wir den gesamten sonnigen
Tag mit einer landschaftlich eindrucksvollen Wanderung verbringen.
Angefangen beim Moraine Lake im Ten Peaks Valley sollte ein ca.
19 Kilometer
langer Wanderweg uns über den Bergpass „Sentinel Pass“ durchs Paradise Valley
zum Lake Louise führen. Und so startete unser Marsch beim eindrucksvollen See,
dessen Wasseroberfläche glatt wie ein Spiegel war und wo die Sonne langsam ihre
wärmenden Strahlen zwischen den zehn Berggipfeln hindurch schlängelte.
Motiviert durch dieses eindrucksvolle Bild gingen wir durch einen dichten Wald
immer bergauf, bis wir zur Vegetationsgrenze bei ca. 2200 Meter angelangt waren und einen
Teil der ersten Etappe mit einem atemberaubenden Ausblick auf das Ten Peaks
Valley (Zehn Gipfel Tal) belohnt wurden. Wolkenloser Himmel, vereinzelte kleine
Bergseen und die allmählich ins Gelb färbenden Baumblätter ergaben mit den
schneebedeckten Bergspitzen und Gletschern ein unvergleichbares Bild. Bei
diesem Panorama wundert es nicht, dass wir diverse Pinkel-, Ess- und
selbstverständlich Fotopausen einlegten. So gern wir hier den Rest unseren
Lebens verbringen wollten, wollten und mussten wir auch weiter gehen, denn die
nächste Etappe war schon zu sehen: Der Sentinel Pass. Den Weg dorthin bespaßten
wir uns mit einer kleinen Schneeballschlacht und netten Unterhaltungen mit
kanadischen Hardcore-Wanderern, die anscheint den ganzen Tag nichts anderes
tun, als die umliegende Natur zu Fuß zu erkunden.
Der Aufstieg war wesentlich steiler und wurde zudem durch
rutschiges Geröll erschwert, aber mit dem Ziel fest vor Augen schnauften wir
uns alle erfolgreich zum höchsten Punkt des Wanderweges hinauf und die Mühe war
es alle Mal wert. Für diesen grandiosen Ausblick gibt es nicht genügend Worte
um es angemessen zu beschreiben, auch ein Foto kann diese Schönheit nicht wirklich
einfangen. Daher verweilten wir fast eine gesamte Stunde oben, um uns zu
stärken und so viel wie möglich des unglaublichen Panoramas einzusaugen. Aber
eins kann euch sagen, das Lunchpaket auf der Mitte einer Gesteinsformation mit
dem Paradise Valley zur linken und dem Ten Peaks Valley zur rechten Seite zu
verspeisen, macht die kalte Stulle zu einem ganz besonderen Geschmackserlebnis!
Nichtsdestotrotz musste es weiter gehen. An dieser Stelle
trennten sich jedoch die Wege unserer europäischen Gruppe. Da Stéphane einige
Knieprobleme beklagte, entschiedenen er und David zurück zum Ausgangspunkt zu
gehen, weil der Weg dorthin wesentlich kürzer war. Also blieben nur noch Feli,
Mathias und ich übrig. Ungewohnterweise stellte dies jedoch ein Problem dar, da
laut Visitor Center man zumindest eine Gruppe aus vier Personen sein sollte, um
durchs Paradiese Valley zu gehen. Nicht dass es auf 2600 Höhenmeter irgend eine
Art Kontrolle geben würde, aber der Grunde für diese Mindestzahl an Personen
war die hohe Bärenaktivität zu dieser Jahreszeit im Tal und laut mehrerer
Studien ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bär eine große Gruppe angreift,
geringer als eine kleine Wandergruppe – vor allem wenn diese aus zwei Mädchen
besteht. (zwei X Chromosome schmecken halt einfach besser) So schön der Ort zum
Sterben auch ist, so richtig scharf auf die Innenperspektive eines Bärenmagens
waren wir dann doch nicht. Glücklicherweise trafen wir auf die zuvor
getroffenen kanadischen Wanderer und so kanadisch wie ihr Blut war, nahmen sie
uns gerne in ihre heitere Wandergruppe auf. Mit nun insgesamt sieben Personen
und dem beruhigten Gewissen, dass sich jeder Bär in die Hose machen würde,
machten wir uns auf den weiteren Weg.
Die Kanadier waren ein lustiges Gemisch aus einem hyperaktiven
Mike, einem mit doppelter Staatsbürgerschaft besitzenden Neuseeländer (war ja
klar… wieder ein Kiwi und ich dachte immer die können nicht fliegen?!), dem
Extremsportler Chuck, der ganze !!!9!!! Mal einen Ironman gelaufen ist (einen
davon sogar in Deutschland) und dem Arzt Curtis, der für jeden Notfall
vorbereitet war. Auf dem langen restlichen Weg erzählten sie uns unterhaltsame
Geschichten von Begegnungen mit Bären, spannenden Wanderausflügen, großen
Reiseerlebnissen und nahezu unmöglichen Sportwettkämpfen. Auf diese Weise vergingen
die restlichen 3, 5 oder 8 Stunden (ich hab jegliches Zeitgefühl verloren)
laufen wie im Flug.
Kurz vor dem Ziel hielten wir eine kleine Pause bei einem
weiteren Gletschersee. Die bis ans Wasser reichende schneebedeckte Nordseite
des Berges, spiegelte sich glitzernd im azurblauen Wasser und lud förmlich zum
Baden ein. Die Kanadier scherzten über ein gemütliches Plantschen im 5°C kalten Wasser und schreckten schnell
zurück, als sie ihre Hand zum Testen hinein tunkten. Währenddessen tauschten
Feli und ich grinsende Blicke aus. Mhm naja, so eine Erfrischung nach dem schweißtreibenden
Aufstieg wäre eigentlich schon ganz nett. Mit einer gewissen Vorahnung, hatten
wir unsere Bikinis dabei und fingen an uns umzuziehen. „Ey ihr! Was macht ihr
da?“ Na wir gehen baden, was sonst. „Waaas? Seid ihr bekloppt? Habt ihr Mal das
Wasser getestet?“ Nö noch nicht, aber genau das machen wir jetzt! Während wir
uns weiter vorbereiteten, versuchten die Kanadier uns davon abzuhalten, aber
nicht wegen möglichen Gesundheitsrisiken, sondern weil die knallharten Jungs
ganz genau wussten, dass sie das nicht auf ihrem Stolz sitzen lassen konnten.
Wenn zwei Mädels aus Deutschland ins Wasser springen würden, dann war die
logische Konsequenz, dass sie das auch machen mussten. Aber natürlich hieß die
Divise: Ladies first.
Okay… auf Drei! 1… 2……. 2 einhalb …. 2 dreiviertel…. 2
siebenachtel… 3!!!
Naja, es war nicht wirklich kalt. ES WAR
SCHWEINEARSCHFROSTBEULENKALT!! Aber man gewöhnt sich dran, immerhin konnten wir
eine kleine (sehr sehr kleine) Schwimmrunde drehen. Schön im Handtuch
eingemurmelt und in der Sonne aufwärmend beobachteten wir wie die Jungs nun an
der Reihe waren und niedliche Quiekgeräusche von sich gaben. Soviel zum Thema
harte Kerle also.
Vollkommen erfrischt und mit einem breiten Grinsen auf dem
Gesicht, machten wir uns auf den letzten Etappenabschnitt. Neben weiteren
interessanten Gesprächen hatten wir noch ein kleines Meeting mit einem
Stachelschwein. Die erhofften Elche und Bären hielten sich jedoch weiterhin
versteckt.
Nach ca. 7 oder 8 Stunden kamen wir alle glücklich am Ziel
an und verabschiedeten uns wehleidig voneinander. Noch kurz E-Mailadressen
ausgetauscht und dann traten wir zusammen mit Stéphane und David unseren
Heimweg zum Hostel an. Als ich während der Fahrt die Landschaft aus dem Fenster
bestaunte, riss mich Mathias aus meiner Tagträumerei heraus und fragte
unerwartet, wo ich denn diese Nacht verbringen würde.
Hä? Ich verstehe die Frage nicht, im Auto natürlich, weißt
du doch!
„Nein, ich glaube diesmal nicht!“ und zückte 40$ für eine
Hostelübernachtung aus seiner Tasche.
Bitte was? Selbstverständlich nehme ich dein Geld nicht an!
Es stellt sich jedoch heraus, dass es nicht das Geld von
Mathias, sondern von Chuck, dem Ironman war, mit dem ich viel über Sport, Reisen
und Studium gequatscht hatte. Mit den Worten, dass er sich ganz genau erinnert
wie man im Studium immer knapp bei Kasse war, gab er Mathias das Geld, damit
ich mir eine warme Nacht im Hostel leisten konnte – Oh man, unglaublich diese
Kanadier! Wer in Deutschland würde einer wildfremden Person einfach Mal 40€
schenken?
Da ich jedoch vollkommen zufrieden mit meinem Beifahrersitz
war, entschloss ich das Geld unter uns fünf aufzuteilen und ursprünglich jedem
ein Bier auszugeben. Nach einer kurzen Überlegung, stellten wir jedoch fest,
dass ein Extremsportler, welcher seit 15 Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr zu
sich genommen hat, mir das Geld gegeben hat und unter diesem Gesichtspunkt wäre
Bier wohl nicht wirklich angebracht. Also beschlossen wir es mit der
Tankrechnung zu verrechnen.
Danke Chuck, an dieser Stelle und herzliche Grüße!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen