Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 5. Februar 2014

Australisches Whistler Tag 1 & 2 (Zeh deluxe)


Um 9 Uhr morgens begrüßte mich Whistler mit fetten Schneeflocken, welche binnen Sekunden meine Taschen mit einem kalten Flaum bedeckten. Erschöpft von der ruckeligen Nacht checkte ich glücklich ins Hostel ein und entspannte mich zunächst. Doch nicht lange, da ich das ewige Sitzen satt war und einen dringenden Bewegungsdrang verspürte, da würde sich doch so ein Spaziergang ganz gut machen und Lebensmittel müssten eh noch besorgt werden, also auf auf nach Whistler Village. Kann ja nicht so weit sein, vielleicht 3 oder 4 Km?! Jedenfalls nicht länger als 45 Minuten laufen. Naja das große Talent im Schätzen war ich ja noch nie, deswegen kam nach ca. einer Stunde etwas Zweifel über meine Schätzung auf. Was solls, laufen tut gut, schön ist es auch und weit kann es ja dann auch nicht mehr sein. Entlang an einem gefrorenen See, steilen Klippen, gefrorenen Miniwasserfällen und durch einen schönen Märchenwald wurde die Zeit eh in den Hintergrund gerückt und ich habe mich vollstens auf die Umgebung konzentriert. Nach zwei Stunden war ich dann aber doch etwas stutzig. Habe ich mich verlaufen? Mit meiner eingebauten GPS-Orientierung ist das eigentlich nicht möglich, also kann es nur die Entfernung sein, wo sind eigentlich die Wegweiser wenn man sie braucht? Weitere Minuten in der Kälte, die sich dann auch langsam auf meiner Haut bemerkbar machten kam dann endlich das erlösende Zeichen „1km to Whistler Village“ Yey also doch alles richtig gemacht, außer dass ich meine Wanderschuhe und Trinkflasche im Hostel vergessen hatte.
Endlich im quirligen Dörfchen angekommen, habe ich das typische Skifahrergetümmel freudig mit allen Sinnen aufgenommen und mich dank des Skischuhklapperns auf dem Asphalt und der leuchtenden Farben der zahlreichen Skijacken in ein Skigebietdelirium hineingeträumt. Gefolgt von einem breiten Lächeln realisierte ich, dass ich nun den gesamten restlichen Monat an diesem Traumort verbringen würde.
Nach getätigtem Einkauf ging es zurück zum Hostel, diesmal jedoch mit dem Bus! Denn wie ich dank einer weiteren Beschilderung erfahren durfte, war das Hostel ganze 8Km vom Zentrum entfernt. Kein Wunder also, dass ich ewig gebraucht habe, aber gut irgendwie muss man ja eine 13stunden Busfahrt entsprechend kompensieren.


Lust schwimmen zu gehen?
Nach meiner Erkundungstour war der Tag jedoch immer noch recht jung und eine Nachmittagsaktivität musste her. Also gesellte ich mich mit meinem Laptop in den Gemeinschaftsraum und surfte so vor mich hin, als plötzlich ein bekanntes Gesicht den Raum betrat. Ohne Brille hatte Oskar mich zwar vom Weiten nicht erkannt und dementsprechend mein Lächeln einfach ignoriert, aber nach meinem empörten „Oskar?!?!?!“ musste er den gipsarmigen Blondschopf wohl doch einordnen gekonnt haben.
Im obligatorischen „Heeeey what’s up? Wie war Sylvester? Wie lange biste schon hier? Bla und Keks?“ erfuhr ich, dass auch die gesamte Weihnachtsmannschaft sich im selben Hostel wie ich einquartiert hatte, zumindest was die Jungsfront betraf. Kiera war leider schon so gut wie wieder auf dem Rückflug nach Australien und Flo steckte noch in Kamloops fest, würde aber den nächsten Bus nach Whistler so früh wie möglich nehmen.
Nach kurzer Zeit gesellte sich auch Paul zu unserem Gespräch dazu und überredete mich den Jungs doch Gesellschaft beim Billardspielen zu leisten, was so viel bedeutet wie mit nur einem Arm Bücher, Laptop und mit Krümelresten überdeckte Teller zum Nachbarraum zu tragen. Nach 8km Schneemarsch war ich natürlich faul genug alles mit einmal tragen zu wollen und wer hätte es gedacht, aber jaaa es ist schief gegangen. Mit einem lauten „Fuck!“ signalisierte ich dem gesamten Raum, dass ich soeben meinen 5? 7? Ach was mindestens 15!!! Kilo schweren Laptop auf meinen linken großen Zeh fallen lies. Okay nach kurzer Zeit weinerlich auf einem Bein rumhüpfen und der Schmerz würde sich schon wegatmen lassen. Zumindest funktioniert das normalerweise so. Als nach zwei Siegen von Paul im Billardspiel, mein Fuß immer noch keine Ruhe gab und im Gegenteil wohl schon alle Endorphine ohne Wirkung verbraucht hatte, riskierte ich einen Blick darauf zu werfen. Ein blau pulsierendes Monster von Zeh strahlte mir schmerzlich entgegen. Ach du scheiße, wat soll ickn damit jetzt noch anfangen? Pauls aufmunternder Zuspruch, er habe so etwas schon mal bei einem Freund gesehen und dem musste man mit einer heißen Nadel den Nagel aufspießen, um den Hämatomdruck zu lösen, waren da nicht gerade sehr tröstend. Nachdem ich quer durchs Hostel zur Rezeption gehumpelt war, um mir Eis zur Kühlung zu beschaffen, war ich nach nur zwei Etagen in der gesamten Herberge als „der humpelnde Gipsarm“ bekannt. Großartiger Spitzname und ich würde noch ganze 3,5 Wochen hier verbringen… naja wenigstens ist meinem Laptop nichts passiert und er ist unversehrt geblieben… danke Zeh!
Nach einigen Runden Krüppel-Billard lies ich die Jungs in die Partynacht stürzen und pflanzte mich selbst in einen erholsamen Schlaf. Okay das ‚erholsam’ nehme ich sofort wieder zurück! Dieser blöde Zeh hat mich jede Stunde mit seinem pochenden Schmerz aufwecken lassen und ein anschließendes wieder Einschlafen zur unmöglichen Qual werden lassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal solche starken Schmerzen hatte, die sich von einem ganz kleinen peripheren Punkt durch den gesamten Körper ziehen. Da breche ich mir in Zukunft doch lieber jeden einzelnen Knochen im Körper, als mir wieder den Zeh aufzuschlagen!
Stunden bevor mein Wecker klingelte war ich natürlich bereits wach und versuchte krampfhaft den Zeh beim Frühstück zu ignorieren. Mit geringem Erfolg. Egal, von diesem unwichtigen Körperteil lass ich mir jetzt nicht den Tag und alles vermiesen. Das blau glühende Ding wurde ohne Rücksicht (ich mag Füße eh nicht) in den Skischuh gestopft und dann zum Berg gehumpelt. Auf der Piste würde ich den dann sowieso vergessen und mich auf meine Abfahrten konzentrieren – dachte ich… wie ein Anfänger der ersten Idiotenhügel-Sorte krüppelte ich die Hänge hinunter und spürte die verwunderten Blicke der anderen Skifahrer auf mir haften: "Was hat denn dieses Kind hier auf der schwarzen Piste verloren? Die weiß ja nicht mal, dass Stöcke und mehr als nur einen Handschuh zur Grundausrüstung gehören." Und ich kann diese Gedanken den Leuten nicht einmal verübeln, denn mein Fahrkönnen hat sich dank dem angeschwollenen Ungeheuer im Schuh auf nicht vorhandenes Minimum reduziert. Dank des Hämatoms konnte ich keinerlei Druck auf den Zeh ausüben, womit ein gekonntes in die Kurven legen oder vorwärts Skaten oder Gleiten oder Carven - kurzum jegliches Skifahren unmöglich war. Immerhin Rückwärtsfahren ging recht gut, aber steile Pisten konnte ich so natürlich auch nicht meistern. Mit ausgedehnten und vielen Pausen und einem seeeehr langem Mittagessen habe ich den Tag irgendwie überstanden und mich auf dem Heimweg über dieses unnötige Unglück geärgert und innständig gehofft, dass damit meine Skisaison nicht vorbei sei. Bitte, bitte, bitte! Ich breche mir auch noch mal einen Arm oder verbringe einen ganzen Tag im Bus, aber bitte lieber Zeh, lass mich doch unbeschwert Skifahren die nächsten Wochen! In der Hoffnung, dass meine Gebete vom Fußgott erhört wurden, beobachtete ich den großen bunten Onkel täglich mit argwöhnischem Blick und stellte bei jeder Farb- und Formänderung fest, dass damit eine Fußmodelkarriere eindeutig ausfällt. Ob es wohl Zehprothesen gibt? Oder wenigstens Socken mit naturgetreuem Fußmuster?
Zurück im Hostel erwartete ich dann aufgeregt die Ankunft von Flo, um ein wenig feminine Unterstützung in der chaotischen Jungsgruppe (bestehend aus Kasper, Mic, Oskar und Paul) zu haben. Die planmäßige Ankunft gegen 12 Uhr blieb aber aus, stattdessen erhielt ich eine Sms mit der ernüchternden Nachricht, dass der erste Bus um 3 Uhr morgens schon ausgebucht war und sie den zweiten Bus um 8 Uhr verschlafen hatte und somit erst den Kamloopsbus um 12 Uhr nehmen konnte. Etwas schmunzeln über dieses Ungeschick musste ich ja und auch mit Erleichterung feststellen, dass ich anscheint nicht die Einzige war, die von unnötigen Gegebenheiten heimgesucht wurde.
Nach einer gratis Bierrunde mit den Jungs im Dorfzentrum und einem leckeren Abendessen, erhielt ich dann den erfreulichen Anruf von Flo, dass man sie abholen könne. Kurz darauf saß sie dann auch schon mit uns am Tisch und sorgte mit ihrer Busgeschichte für den ein oder anderen Lacher.

Wie schön, nun war fast die gesamte Weihnachtsrunde wieder versammelt und die nächsten Tage können also starten!

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