Um 9 Uhr morgens begrüßte mich
Whistler mit fetten Schneeflocken, welche binnen Sekunden meine Taschen mit
einem kalten Flaum bedeckten. Erschöpft von der ruckeligen Nacht checkte ich
glücklich ins Hostel ein und entspannte mich zunächst. Doch nicht lange, da ich
das ewige Sitzen satt war und einen dringenden Bewegungsdrang verspürte, da
würde sich doch so ein Spaziergang ganz gut machen und Lebensmittel müssten eh
noch besorgt werden, also auf auf nach Whistler Village. Kann ja nicht so weit
sein, vielleicht 3 oder 4 Km?!
Jedenfalls nicht länger als 45 Minuten laufen. Naja das große Talent im
Schätzen war ich ja noch nie, deswegen kam nach ca. einer Stunde etwas Zweifel
über meine Schätzung auf. Was solls, laufen tut gut, schön ist es auch und weit
kann es ja dann auch nicht mehr sein. Entlang an einem gefrorenen See, steilen
Klippen, gefrorenen Miniwasserfällen und durch einen schönen Märchenwald wurde
die Zeit eh in den Hintergrund gerückt und ich habe mich vollstens auf die
Umgebung konzentriert. Nach zwei Stunden war ich dann aber doch etwas stutzig.
Habe ich mich verlaufen? Mit meiner eingebauten GPS-Orientierung ist das
eigentlich nicht möglich, also kann es nur die Entfernung sein, wo sind
eigentlich die Wegweiser wenn man sie braucht? Weitere Minuten in der Kälte,
die sich dann auch langsam auf meiner Haut bemerkbar machten kam dann endlich
das erlösende Zeichen „1km to Whistler Village“ Yey also doch alles richtig
gemacht, außer dass ich meine Wanderschuhe und Trinkflasche im Hostel vergessen
hatte.
Endlich im quirligen Dörfchen
angekommen, habe ich das typische Skifahrergetümmel freudig mit allen Sinnen
aufgenommen und mich dank des Skischuhklapperns auf dem Asphalt und der
leuchtenden Farben der zahlreichen Skijacken in ein Skigebietdelirium
hineingeträumt. Gefolgt von einem breiten Lächeln realisierte ich, dass ich nun
den gesamten restlichen Monat an diesem Traumort verbringen würde.
Nach getätigtem Einkauf ging es
zurück zum Hostel, diesmal jedoch mit dem Bus! Denn wie ich dank einer weiteren
Beschilderung erfahren durfte, war das Hostel ganze 8Km vom Zentrum entfernt.
Kein Wunder also, dass ich ewig gebraucht habe, aber gut irgendwie muss man ja
eine 13stunden Busfahrt entsprechend kompensieren.
Lust schwimmen zu gehen?
Nach meiner Erkundungstour war der
Tag jedoch immer noch recht jung und eine Nachmittagsaktivität musste her. Also
gesellte ich mich mit meinem Laptop in den Gemeinschaftsraum und surfte so vor
mich hin, als plötzlich ein bekanntes Gesicht den Raum betrat. Ohne Brille
hatte Oskar mich zwar vom Weiten nicht erkannt und dementsprechend mein Lächeln
einfach ignoriert, aber nach meinem empörten „Oskar?!?!?!“ musste er den
gipsarmigen Blondschopf wohl doch einordnen gekonnt haben.
Im obligatorischen „Heeeey what’s up? Wie war Sylvester? Wie
lange biste schon hier? Bla und Keks?“ erfuhr ich, dass auch die gesamte
Weihnachtsmannschaft sich im selben Hostel wie ich einquartiert hatte,
zumindest was die Jungsfront betraf. Kiera war leider schon so gut wie wieder
auf dem Rückflug nach Australien und Flo steckte noch in Kamloops fest, würde
aber den nächsten Bus nach Whistler so früh wie möglich nehmen.
Nach kurzer Zeit gesellte sich
auch Paul zu unserem Gespräch dazu und überredete mich den Jungs doch
Gesellschaft beim Billardspielen zu leisten, was so viel bedeutet wie mit nur
einem Arm Bücher, Laptop und mit Krümelresten überdeckte Teller zum
Nachbarraum zu tragen. Nach 8km Schneemarsch war ich natürlich faul genug alles
mit einmal tragen zu wollen und wer hätte es gedacht, aber jaaa es ist schief
gegangen. Mit einem lauten „Fuck!“ signalisierte ich dem gesamten Raum, dass
ich soeben meinen 5? 7? Ach was mindestens 15!!! Kilo schweren Laptop auf
meinen linken großen Zeh fallen lies. Okay nach kurzer Zeit weinerlich auf
einem Bein rumhüpfen und der Schmerz würde sich schon wegatmen lassen.
Zumindest funktioniert das normalerweise so. Als nach zwei Siegen von Paul im Billardspiel,
mein Fuß immer noch keine Ruhe gab und im Gegenteil wohl schon alle Endorphine
ohne Wirkung verbraucht hatte, riskierte ich einen Blick darauf zu werfen. Ein
blau pulsierendes Monster von Zeh strahlte mir schmerzlich entgegen. Ach du
scheiße, wat soll ickn damit jetzt noch anfangen? Pauls aufmunternder Zuspruch,
er habe so etwas schon mal bei einem Freund gesehen und dem musste man mit
einer heißen Nadel den Nagel aufspießen, um den Hämatomdruck zu lösen, waren da nicht
gerade sehr tröstend. Nachdem ich quer durchs Hostel zur Rezeption gehumpelt
war, um mir Eis zur Kühlung zu beschaffen, war ich nach nur zwei Etagen in der
gesamten Herberge als „der humpelnde Gipsarm“ bekannt. Großartiger Spitzname
und ich würde noch ganze 3,5 Wochen hier verbringen… naja wenigstens ist meinem
Laptop nichts passiert und er ist unversehrt geblieben… danke Zeh!
Nach einigen Runden Krüppel-Billard lies ich die Jungs in die Partynacht stürzen und pflanzte mich selbst in einen erholsamen Schlaf. Okay das ‚erholsam’ nehme ich sofort wieder zurück! Dieser blöde Zeh hat mich jede Stunde mit seinem pochenden Schmerz aufwecken lassen und ein anschließendes wieder Einschlafen zur unmöglichen Qual werden lassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal solche starken Schmerzen hatte, die sich von einem ganz kleinen peripheren Punkt durch den gesamten Körper ziehen. Da breche ich mir in Zukunft doch lieber jeden einzelnen Knochen im Körper, als mir wieder den Zeh aufzuschlagen!
Stunden bevor mein Wecker klingelte war ich natürlich bereits wach und versuchte krampfhaft den Zeh beim Frühstück zu ignorieren. Mit geringem Erfolg. Egal, von diesem unwichtigen Körperteil lass ich mir jetzt nicht den Tag und alles vermiesen. Das blau glühende Ding wurde ohne Rücksicht (ich mag Füße eh nicht) in den Skischuh gestopft und dann zum Berg gehumpelt. Auf der Piste würde ich den dann sowieso vergessen und mich auf meine Abfahrten konzentrieren – dachte ich… wie ein Anfänger der ersten Idiotenhügel-Sorte krüppelte ich die Hänge hinunter und spürte die verwunderten Blicke der anderen Skifahrer auf mir haften: "Was hat denn dieses Kind hier auf der schwarzen Piste verloren? Die weiß ja nicht mal, dass Stöcke und mehr als nur einen Handschuh zur Grundausrüstung gehören." Und ich kann diese Gedanken den Leuten nicht einmal verübeln, denn mein Fahrkönnen hat sich dank dem angeschwollenen Ungeheuer im Schuh auf nicht vorhandenes Minimum reduziert. Dank des Hämatoms konnte ich keinerlei Druck auf den Zeh ausüben, womit ein gekonntes in die Kurven legen oder vorwärts Skaten oder Gleiten oder Carven - kurzum jegliches Skifahren unmöglich war. Immerhin Rückwärtsfahren ging recht gut, aber steile Pisten konnte ich so natürlich auch nicht meistern. Mit ausgedehnten und vielen Pausen und einem seeeehr langem Mittagessen habe ich den Tag irgendwie überstanden und mich auf dem Heimweg über dieses unnötige Unglück geärgert und innständig gehofft, dass damit meine Skisaison nicht vorbei sei. Bitte, bitte, bitte! Ich breche mir auch noch mal einen Arm oder verbringe einen ganzen Tag im Bus, aber bitte lieber Zeh, lass mich doch unbeschwert Skifahren die nächsten Wochen! In der Hoffnung, dass meine Gebete vom Fußgott erhört wurden, beobachtete ich den großen bunten Onkel täglich mit argwöhnischem Blick und stellte bei jeder Farb- und Formänderung fest, dass damit eine Fußmodelkarriere eindeutig ausfällt. Ob es wohl Zehprothesen gibt? Oder wenigstens Socken mit naturgetreuem Fußmuster?
Nach einigen Runden Krüppel-Billard lies ich die Jungs in die Partynacht stürzen und pflanzte mich selbst in einen erholsamen Schlaf. Okay das ‚erholsam’ nehme ich sofort wieder zurück! Dieser blöde Zeh hat mich jede Stunde mit seinem pochenden Schmerz aufwecken lassen und ein anschließendes wieder Einschlafen zur unmöglichen Qual werden lassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal solche starken Schmerzen hatte, die sich von einem ganz kleinen peripheren Punkt durch den gesamten Körper ziehen. Da breche ich mir in Zukunft doch lieber jeden einzelnen Knochen im Körper, als mir wieder den Zeh aufzuschlagen!
Stunden bevor mein Wecker klingelte war ich natürlich bereits wach und versuchte krampfhaft den Zeh beim Frühstück zu ignorieren. Mit geringem Erfolg. Egal, von diesem unwichtigen Körperteil lass ich mir jetzt nicht den Tag und alles vermiesen. Das blau glühende Ding wurde ohne Rücksicht (ich mag Füße eh nicht) in den Skischuh gestopft und dann zum Berg gehumpelt. Auf der Piste würde ich den dann sowieso vergessen und mich auf meine Abfahrten konzentrieren – dachte ich… wie ein Anfänger der ersten Idiotenhügel-Sorte krüppelte ich die Hänge hinunter und spürte die verwunderten Blicke der anderen Skifahrer auf mir haften: "Was hat denn dieses Kind hier auf der schwarzen Piste verloren? Die weiß ja nicht mal, dass Stöcke und mehr als nur einen Handschuh zur Grundausrüstung gehören." Und ich kann diese Gedanken den Leuten nicht einmal verübeln, denn mein Fahrkönnen hat sich dank dem angeschwollenen Ungeheuer im Schuh auf nicht vorhandenes Minimum reduziert. Dank des Hämatoms konnte ich keinerlei Druck auf den Zeh ausüben, womit ein gekonntes in die Kurven legen oder vorwärts Skaten oder Gleiten oder Carven - kurzum jegliches Skifahren unmöglich war. Immerhin Rückwärtsfahren ging recht gut, aber steile Pisten konnte ich so natürlich auch nicht meistern. Mit ausgedehnten und vielen Pausen und einem seeeehr langem Mittagessen habe ich den Tag irgendwie überstanden und mich auf dem Heimweg über dieses unnötige Unglück geärgert und innständig gehofft, dass damit meine Skisaison nicht vorbei sei. Bitte, bitte, bitte! Ich breche mir auch noch mal einen Arm oder verbringe einen ganzen Tag im Bus, aber bitte lieber Zeh, lass mich doch unbeschwert Skifahren die nächsten Wochen! In der Hoffnung, dass meine Gebete vom Fußgott erhört wurden, beobachtete ich den großen bunten Onkel täglich mit argwöhnischem Blick und stellte bei jeder Farb- und Formänderung fest, dass damit eine Fußmodelkarriere eindeutig ausfällt. Ob es wohl Zehprothesen gibt? Oder wenigstens Socken mit naturgetreuem Fußmuster?
Zurück im Hostel erwartete ich
dann aufgeregt die Ankunft von Flo, um ein wenig feminine Unterstützung in der
chaotischen Jungsgruppe (bestehend aus Kasper, Mic, Oskar und Paul) zu haben. Die
planmäßige Ankunft gegen 12 Uhr blieb aber aus, stattdessen erhielt ich eine
Sms mit der ernüchternden Nachricht, dass der erste Bus um 3 Uhr morgens schon
ausgebucht war und sie den zweiten Bus um 8 Uhr verschlafen hatte und somit
erst den Kamloopsbus um 12 Uhr nehmen konnte. Etwas schmunzeln über dieses
Ungeschick musste ich ja und auch mit Erleichterung feststellen, dass ich
anscheint nicht die Einzige war, die von unnötigen Gegebenheiten heimgesucht
wurde.
Nach einer gratis Bierrunde mit
den Jungs im Dorfzentrum und einem leckeren Abendessen, erhielt ich dann den
erfreulichen Anruf von Flo, dass man sie abholen könne. Kurz darauf saß sie
dann auch schon mit uns am Tisch und sorgte mit ihrer Busgeschichte für den ein
oder anderen Lacher.
Wie schön, nun war fast die gesamte Weihnachtsrunde wieder versammelt und die nächsten Tage können also starten!
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