Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 26. Februar 2014

Australisches Ende Tag 16 – 19

Der nächste Montag war dann der Anfang vom Ende. Heute würde Mic nach Hause fliegen, am Mittwoch fährt dann Oskar zurück nach Kamloops und ich würde am Donnerstag Whistler auch verlassen und mich zunächst auf dem Landweg Richtung Heimat begeben. Dementsprechend schwebte eine trübe Stimmung bei uns herum, die jedoch noch durch ein letztes Prozedere aufgewirbelt wurde. Die ursprünglich vier Jungs hatten sich in Kamloops nämlich gemeinsam ein Auto gekauft und jetzt wo sich die Gruppe auflöst, sollte der fahrbare Untersatz natürlich verkauft werden, um den Erlös dann gerecht wieder untereinander aufzuteilen. Schon seit Wochen hatte die Vier versucht das Auto zu verkaufen, doch trotz zahlreicher Interessenten erfolglos. Spaßeshalber hatten sie auch den Bekanntschaften im Hostel das Auto angeboten und u. a. auch mir zu einem Freundschaftspreis angepriesen. Zu keiner Zeit hatte ich ernsthaft an ein Auto gedacht, doch kurz vor dem Wochenende, als der nächste Reiseabschnitt und damit auch die Planung vor der Hosteltür stand, kam mir die Idee mit dem Auto gar nicht mehr so verkehrt vor. Anfänglich plante ich mit dem Bus quer durch Kanada zu reisen, was eigentlich recht bequem ist. Allerdings habe ich beim Durchrechnen festgestellt, dass alleine die Bustickets mich schon mehr als 800$ kosten würden. Und dann müsste ich noch mit meinen gebrochenen Knochen das schwere Gepäck durch die Gegend schleppen und jedes Mal eine Unterkunft suchen und bezahlen. Bei ca. 30 – 40$ die Nacht für 20 Tage ist man auch schnell wieder bei einer Summe von 700$ und mehr. Da lächelte mich das 600$-Auto von den Jungs natürlich ganz verführerisch an.
Als Mic, der eingeschriebene Eigentümer des Autos, dann so gut wie auf dem Weg nach Hause war, habe ich nicht mehr lange nachgedacht und in einer spontanen Aktion ihm das Auto abgekauft und nach einem kurzen Besuch bei der Versicherungsfirma mit dem notwendigen Papierkram gehörte die gute Cassie auch schon mir.
Danach wurde der lange Nachmittag noch mit Kartenspielen verbracht und dann fuhr der Bus mit Mic auch schon davon. Als der schwere Abschied halbwegs verdaut war wurde noch ein Film geschaut und langsam ein grober Plan für meine Kanadadurchquerung erstellt. Doch bevor es dann auf die Highways ging standen noch drei letzte Tage im Hostel an. Auf Grund der schlechten Schneeverhältnisse und dann auch noch einem Steckenbleiben im Sessellift für eine halbe Stunde, haben Oskar und ich den letzten Skitag frühzeitig abgebrochen und uns lieber in der gemütlichen Gemeinschaftsküche lustig unter das Volk gemischt.
Dann war auch schon Mittwoch. Ellysha und ich setzten Oskar an der Busstation ab und ließen ihn mit einer letzten Umarmung zurück nach Kamloops fahren. Nun war wirklich ein großes Stück Kanada vorbei. Alle Uni-Leute waren weg. Die Weihnachtsgruppe war weg. Die Whistlergruppe war weg und übrig blieb nur ich. Glücklicherweise hatte ich noch die neuen Bekanntschaften aus dem Hostel, die dafür sorgten, dass keine Langeweile und Traurigkeit aufkam.

Cassie

So hatte u. a.  Ellysha vorgeschlagen den letzten Tag zusammen snowboarden auszuprobieren. Als eingefleischte Skifahrer sahen wir der Sache etwas skeptisch gegenüber, aber man muss ja offen für Neues sein. Als Flo nach Hause geflogen ist, hatte sie ihr Snowboard und ihre Boots hier gelassen, welche mir glücklicherweise wie angegossen passten und ich somit nutzen konnte. Ellysha hatte sich auch ein Board von einem Freund organisiert und so sind wir dann hochmotiviert auf den Idiotenhügel raufspaziert. Und da standen wir nun. Okay wie genau funktioniert das jetzt mit den Bindungen und machen wir erstmal nur einen Fuß oder gleich beide fest? Etwas hilflos stolperten und hoppelten wir über die Piste und freuten uns über jeden Zentimeter den wir unbeschadet zurück legten. Nach einer Weile trudelten auch einige Gruppen von Snowboardschulen ein und übten gemeinsam die ersten Schritte. Eine super Möglichkeit also für uns ein bisschen was von der Unterrichtsstunde abzuschauen. Getarnt als ein unkontrollierter Richtungswechsel, robbten wir uns unauffällig an die Gruppen heran und beobachteten was die denn so machen. Aha ‚edgen’ also und langsam den Hügel runter rutschen auf der Kante. Wird natürlich gleich ausprobiert und nach einigen Versuchen hat es auch tatsächlich geklappt. Stolz wie ein Vorschulkind, welches das erste Mal den eigenen Namen geschrieben hat, wagten wir uns auf höhere und steilere Pisten. Auf dem Magiccarpet (das Transportfließband) ging es die Hügel hinauf und dieser war rappelvoll. Ausgewiesen als Lern- und Trainingsstrecke befanden wir uns sozusagen auf dem Hotspot für jegliche Crashkurse. Alle Skischulen übten hier ihre Kurven und Abfahrttechniken. Kurz vor der ersten Abfahrt hoffe ich nur, dass es mehr Kurs als Crash geben würde. Sobald die Strecke halbwegs frei war purzelten auch Ellysha und ich den Hang herunter und wir sind sogar unten angekommen – lebend!
Mit dem Luxus des Fließbandes, wo man sich rauf stellt und dann gemütlich hoch transportiert wird, hat die gesamte Geschichte sogar richtig Spaß gemacht. Jetzt wo man nicht mehr den Hügel mühsam hinauf laufen musste, konnten wir unsere gesamte Energie auf das runter- und nicht hinaufkommen konzentrieren und somit auch viel öfter die Strecke befahren. Bei jedem Versuch klappte es besser und jedes Mal entdeckten wir einen neuen Trick, wie die Technik besser klappt. Zwischendurch half uns sogar ein Snowboardlehrer der uns immer beobachtet hatte und gab den ein oder anderen wertvollen Hinweis. Kurz vor der Mittagspause hatte ich dann meinen persönlichen Teilerfolg, da ich mehrmals die Piste ohne Hinfallen und recht zügig mit Rechts- und Linkskurve gemeistert habe.
Der Magen mit Veggieburger und Süßkartoffelpommes gefüllt ging es wieder auf den Trainingshügel und sogar auf die erweiterte Piste, wo man den Sessellift nehmen muss. Auch noch Mal eine Herausforderung, die mit dem komischen Brett erstmal gelernt werden muss. Glücklicherweise sind wir nicht aus dem Lift gefallen, auch wenn das meiner Gips-Geschichte den nötigen Wahrheitsgehalt geben würde.

Um Mal eben kurz vom Thema abzuschweifen: Nach nun mehr als vier Wochen, war ich es natürlich Leid bei der Nachfrage, was denn passiert sei, meine peinliche Schneeballschlachtgeschichte preis zu geben. Stattdessen habe ich mir diverse neue Storys ausgedacht, wo die Leute, die mich und die Wahrheit über den Arm kannten, immer wieder nur die Augen gerollt haben. Einigen konnte ich aber tatsächlich weismachen, dass ich mich auf einer fünftägigen Wanderung mit einem Grizzly angelegt habe oder nach der ersten glücklichen Landung eines Tripple Corks, die Zweite leider unglücklich in den Sand bzw. Schnee gesetzt habe. Aber meine Lieblingsgeschichte ist immer noch die, wo ich aus dem 7Meter hohen Sessellift gesprungen bin, um ein kleines Mädchen zu retten und sie dann tapfer, trotz Armbruch, eigenhändig und sicher zum Lifthaus gebracht habe. Die unglaubwürdigen Blicke waren einfach unbezahlbar. Manchmal sind meine Freunde eingesprungen und haben meine Geschichte mit Augenzeugenberichten unterfüttert, sodass ich manchmal ein Schulterklopfen mit einem „Wow du bist ein Held!“ bekommen habe, worauf ich natürlich nur lässig „Ach keine große Sache, das hätte doch jeder gemacht…“ entgegnete. Meistens habe ich die Geschichte aufgelöst, manchmal aber … naja manchmal habe ich sie so stehen lassen. Die Leute sehe ich wahrscheinlich eh nie wieder und falls doch, dann wissen sie wenigstens wer ich bin.

Aber zurück zum Anfängerhang, den wir gekonnt meisterten. Mal abgesehen von dem einen Mal, wo mich das Snowboard fast in den Bach neben der Piste stürzte und ich ohne Hilfe und mit nur einem Arm auch nicht mehr heraus kam. Als aber Ellysha ihren Lachanfall endlich überwunden und genügend Beweisfotos geschossen hat, half sie mir aus der blöden Situation. Zum Abschluss des erfolgreichen und lustigen Snowboardtages beschlossen wir den gesamten Weg vom Idiotenhügel ins Tal zu fahren uuuuuund jaaa wir haben es geschafft. Beide. Lebend. Ohne gebrochene Knochen und mit einem großen Grinsen. Vielleicht kriege ich es ja hin ein Video von unserem Snowboradversuch hochzuladen.






Der Abend wurde dann entspannt mit Gesprächen und natürlich unserer heutigen Heldentat gemütlich verbracht. An meinem letzten Abend im Hostel hatte ich beschlossen nicht trinken oder tanzen zu gehen, sondern es stattdessen ruhig angehen zu lassen. Naja sagen wir fast.
Denn ein wichtiges Abschlussprojekt musste noch vollendet werden.
Die Operation: Gips entfernen!
Nach mehr als vier Wochen war es nu so weit, jedoch bin ich dafür nicht zum Arzt gegangen, da mich der ganze Spaß wieder locker 800$ kosten würde und ach das kann man doch bestimmt auch alleine hinkriegen. In einer hübschen Fotodokumentation kann man den teilweise lustigen Prozess mitverfolgen. Zunächst habe ich es auf eigene Faust mit dem einfachen abrollen probiert und bin nach einer Schicht kläglich gescheitert, da das Faserglas (war also kein richtiger Gips) so fest zusammengeschweißt war, dass man es nicht einfach abziehen konnte. Also musste Caz zur Hilfe und hat sich mit einem zunächst Buttermesser und später einem Brotmesser heran gewagt. Damit ist sie auch recht weit gekommen, aber an der verengten Stelle des Handgelenks ist sie leider gescheitert, sodass Jono der Handwerker-Kiwi mit seinem Werkzeug helfen musste. Mit Minisäge, Katamesser und vereinten Kräften von Leah, Mark, Ellysha, Caz und Jono haben wir es nach gut 90 Minuten tatsächlich geschafft meinen armen Arm zu befreien.

Was für ein befreiendes Gefühl!!! Nach mehr als einem Monat habe ich mein Ärmchen wieder zu Gesicht bekommen und würde nun wieder normal unter die Dusche gehen können und ein Waschgang war auch mehr als Notwendig. Wenn das Mal kein erfolgreicher Abschluss für meinen Aufenthalt in Whistler ist.

















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