Der nächste Montag war dann der
Anfang vom Ende. Heute würde Mic nach Hause fliegen, am Mittwoch fährt dann
Oskar zurück nach Kamloops und ich würde am Donnerstag Whistler auch verlassen
und mich zunächst auf dem Landweg Richtung Heimat begeben. Dementsprechend
schwebte eine trübe Stimmung bei uns herum, die jedoch noch durch ein letztes
Prozedere aufgewirbelt wurde. Die ursprünglich vier Jungs hatten sich in
Kamloops nämlich gemeinsam ein Auto gekauft und jetzt wo sich die Gruppe
auflöst, sollte der fahrbare Untersatz natürlich verkauft werden, um den Erlös
dann gerecht wieder untereinander aufzuteilen. Schon seit Wochen hatte die Vier
versucht das Auto zu verkaufen, doch trotz zahlreicher Interessenten erfolglos.
Spaßeshalber hatten sie auch den Bekanntschaften im Hostel das Auto angeboten
und u. a. auch mir zu einem Freundschaftspreis angepriesen. Zu keiner Zeit
hatte ich ernsthaft an ein Auto gedacht, doch kurz vor dem Wochenende, als der
nächste Reiseabschnitt und damit auch die Planung vor der Hosteltür stand, kam
mir die Idee mit dem Auto gar nicht mehr so verkehrt vor. Anfänglich plante ich
mit dem Bus quer durch Kanada zu reisen, was eigentlich recht bequem ist.
Allerdings habe ich beim Durchrechnen festgestellt, dass alleine die Bustickets
mich schon mehr als 800$ kosten würden. Und dann müsste ich noch mit meinen
gebrochenen Knochen das schwere Gepäck durch die Gegend schleppen und jedes Mal
eine Unterkunft suchen und bezahlen. Bei ca. 30 – 40$ die Nacht für 20 Tage ist
man auch schnell wieder bei einer Summe von 700$ und mehr. Da lächelte mich das
600$-Auto von den Jungs natürlich ganz verführerisch an.
Als Mic, der eingeschriebene
Eigentümer des Autos, dann so gut wie auf dem Weg nach Hause war, habe ich
nicht mehr lange nachgedacht und in einer spontanen Aktion ihm das Auto
abgekauft und nach einem kurzen Besuch bei der Versicherungsfirma mit dem
notwendigen Papierkram gehörte die gute Cassie auch schon mir.
Danach wurde der lange Nachmittag
noch mit Kartenspielen verbracht und dann fuhr der Bus mit Mic auch schon davon.
Als der schwere Abschied halbwegs verdaut war wurde noch ein Film geschaut und
langsam ein grober Plan für meine Kanadadurchquerung erstellt. Doch bevor es
dann auf die Highways ging standen noch drei letzte Tage im Hostel an. Auf
Grund der schlechten Schneeverhältnisse und dann auch noch einem Steckenbleiben
im Sessellift für eine halbe Stunde, haben Oskar und ich den letzten Skitag
frühzeitig abgebrochen und uns lieber in der gemütlichen Gemeinschaftsküche
lustig unter das Volk gemischt.
Dann war auch schon Mittwoch.
Ellysha und ich setzten Oskar an der Busstation ab und ließen ihn mit einer
letzten Umarmung zurück nach Kamloops fahren. Nun war wirklich ein großes Stück
Kanada vorbei. Alle Uni-Leute waren weg. Die Weihnachtsgruppe war weg. Die
Whistlergruppe war weg und übrig blieb nur ich. Glücklicherweise hatte ich noch
die neuen Bekanntschaften aus dem Hostel, die dafür sorgten, dass keine
Langeweile und Traurigkeit aufkam.
So hatte u. a. Ellysha vorgeschlagen den letzten Tag
zusammen snowboarden auszuprobieren. Als eingefleischte Skifahrer sahen wir der
Sache etwas skeptisch gegenüber, aber man muss ja offen für Neues sein. Als Flo
nach Hause geflogen ist, hatte sie ihr Snowboard und ihre Boots hier gelassen,
welche mir glücklicherweise wie angegossen passten und ich somit nutzen konnte.
Ellysha hatte sich auch ein Board von einem Freund organisiert und so sind wir
dann hochmotiviert auf den Idiotenhügel raufspaziert. Und da standen wir nun.
Okay wie genau funktioniert das jetzt mit den Bindungen und machen wir erstmal
nur einen Fuß oder gleich beide fest? Etwas hilflos stolperten und hoppelten
wir über die Piste und freuten uns über jeden Zentimeter den wir unbeschadet
zurück legten. Nach einer Weile trudelten auch einige Gruppen von
Snowboardschulen ein und übten gemeinsam die ersten Schritte. Eine super
Möglichkeit also für uns ein bisschen was von der Unterrichtsstunde
abzuschauen. Getarnt als ein unkontrollierter Richtungswechsel, robbten wir uns
unauffällig an die Gruppen heran und beobachteten was die denn so machen. Aha
‚edgen’ also und langsam den Hügel runter rutschen auf der Kante. Wird
natürlich gleich ausprobiert und nach einigen Versuchen hat es auch tatsächlich
geklappt. Stolz wie ein Vorschulkind, welches das erste Mal den eigenen Namen
geschrieben hat, wagten wir uns auf höhere und steilere Pisten. Auf dem
Magiccarpet (das Transportfließband) ging es die Hügel hinauf und dieser war
rappelvoll. Ausgewiesen als Lern- und Trainingsstrecke befanden wir uns
sozusagen auf dem Hotspot für jegliche Crashkurse. Alle Skischulen übten hier
ihre Kurven und Abfahrttechniken. Kurz vor der ersten Abfahrt hoffe ich nur,
dass es mehr Kurs als Crash geben würde. Sobald die Strecke halbwegs frei war
purzelten auch Ellysha und ich den Hang herunter und wir sind sogar unten
angekommen – lebend!
Mit dem Luxus des Fließbandes, wo
man sich rauf stellt und dann gemütlich hoch transportiert wird, hat die
gesamte Geschichte sogar richtig Spaß gemacht. Jetzt wo man nicht mehr den
Hügel mühsam hinauf laufen musste, konnten wir unsere gesamte Energie auf das
runter- und nicht hinaufkommen konzentrieren und somit auch viel öfter die Strecke
befahren. Bei jedem Versuch klappte es besser und jedes Mal entdeckten wir
einen neuen Trick, wie die Technik besser klappt. Zwischendurch half uns sogar
ein Snowboardlehrer der uns immer beobachtet hatte und gab den ein oder anderen
wertvollen Hinweis. Kurz vor der Mittagspause hatte ich dann meinen
persönlichen Teilerfolg, da ich mehrmals die Piste ohne Hinfallen und recht
zügig mit Rechts- und Linkskurve gemeistert habe.
Der Magen mit Veggieburger und
Süßkartoffelpommes gefüllt ging es wieder auf den Trainingshügel und sogar auf
die erweiterte Piste, wo man den Sessellift nehmen muss. Auch noch Mal eine
Herausforderung, die mit dem komischen Brett erstmal gelernt werden muss.
Glücklicherweise sind wir nicht aus dem Lift gefallen, auch wenn das meiner
Gips-Geschichte den nötigen Wahrheitsgehalt geben würde.
Um Mal eben kurz vom Thema
abzuschweifen: Nach nun mehr als vier Wochen, war ich es natürlich Leid bei der
Nachfrage, was denn passiert sei, meine peinliche Schneeballschlachtgeschichte preis
zu geben. Stattdessen habe ich mir diverse neue Storys ausgedacht, wo die
Leute, die mich und die Wahrheit über den Arm kannten, immer wieder nur die Augen
gerollt haben. Einigen konnte ich aber tatsächlich weismachen, dass ich mich
auf einer fünftägigen Wanderung mit einem Grizzly angelegt habe oder nach der
ersten glücklichen Landung eines Tripple Corks, die Zweite leider unglücklich
in den Sand bzw. Schnee gesetzt habe. Aber meine Lieblingsgeschichte ist immer
noch die, wo ich aus dem 7Meter hohen Sessellift gesprungen bin, um ein kleines
Mädchen zu retten und sie dann tapfer, trotz Armbruch, eigenhändig und sicher
zum Lifthaus gebracht habe. Die unglaubwürdigen Blicke waren einfach
unbezahlbar. Manchmal sind meine Freunde eingesprungen und haben meine
Geschichte mit Augenzeugenberichten unterfüttert, sodass ich manchmal ein
Schulterklopfen mit einem „Wow du bist ein Held!“ bekommen habe, worauf ich natürlich
nur lässig „Ach keine große Sache, das hätte doch jeder gemacht…“ entgegnete.
Meistens habe ich die Geschichte aufgelöst, manchmal aber … naja manchmal habe
ich sie so stehen lassen. Die Leute sehe ich wahrscheinlich eh nie wieder und
falls doch, dann wissen sie wenigstens wer ich bin.
Aber zurück zum Anfängerhang, den
wir gekonnt meisterten. Mal abgesehen von dem einen Mal, wo mich das Snowboard
fast in den Bach neben der Piste stürzte und ich ohne Hilfe und mit nur einem
Arm auch nicht mehr heraus kam. Als aber Ellysha ihren Lachanfall endlich
überwunden und genügend Beweisfotos geschossen hat, half sie mir aus der blöden
Situation. Zum Abschluss des erfolgreichen und lustigen Snowboardtages
beschlossen wir den gesamten Weg vom Idiotenhügel ins Tal zu fahren uuuuuund
jaaa wir haben es geschafft. Beide. Lebend. Ohne gebrochene Knochen und mit
einem großen Grinsen. Vielleicht kriege ich es ja hin ein Video von unserem
Snowboradversuch hochzuladen.
Der Abend wurde dann entspannt mit
Gesprächen und natürlich unserer heutigen Heldentat gemütlich verbracht. An
meinem letzten Abend im Hostel hatte ich beschlossen nicht trinken oder tanzen
zu gehen, sondern es stattdessen ruhig angehen zu lassen. Naja sagen wir fast.
Denn ein wichtiges
Abschlussprojekt musste noch vollendet werden.
Die Operation: Gips entfernen!
Nach mehr als vier Wochen war es
nu so weit, jedoch bin ich dafür nicht zum Arzt gegangen, da mich der ganze
Spaß wieder locker 800$ kosten würde und ach das kann man doch bestimmt auch
alleine hinkriegen. In einer hübschen Fotodokumentation kann man den teilweise
lustigen Prozess mitverfolgen. Zunächst habe ich es auf eigene Faust mit dem
einfachen abrollen probiert und bin nach einer Schicht kläglich gescheitert, da
das Faserglas (war also kein richtiger Gips) so fest zusammengeschweißt war,
dass man es nicht einfach abziehen konnte. Also musste Caz zur Hilfe und hat sich
mit einem zunächst Buttermesser und später einem Brotmesser heran gewagt. Damit
ist sie auch recht weit gekommen, aber an der verengten Stelle des Handgelenks
ist sie leider gescheitert, sodass Jono der Handwerker-Kiwi mit seinem Werkzeug
helfen musste. Mit Minisäge, Katamesser und vereinten Kräften von Leah, Mark,
Ellysha, Caz und Jono haben wir es nach gut 90 Minuten tatsächlich geschafft
meinen armen Arm zu befreien.
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