Wieder mit den wunderschönsten
Sonnenstrahlen die der heiße Planet zu bieten hatte, machte ich mich weiter
Richtung Osten. Nächste Station hieß Calgary, die am schnellsten wachsende
Stadt in Kanada. Gelegen in der Provinz Alberta, die nicht nur die berühmten
Rocky Mountains mit ihren einzigartigen Nationalparks beherbergt, sondern auch
weltweit die größten Ölvorkommen besitzt. Mit dem umstrittenen Prozess der
Sandölgewinnung, hat die Stadt im Flachen Nichts an Reichtum und viele
Hochhäuser gewonnen.
Der erste Eindruck war so: Na ja…
Etwas verwöhnt von der Berglandschaft der letzten Wochen und Monate, konnte ich
mit der flachen Prärie irgendwie nicht viel anfangen. Um einer besseren
Ausblick zu erhaschen und vielleicht doch noch etwas Interessantes zu sichten,
bin ich auf den Calgary-Tower gestiegen, um festzustellen, dass ich mich
getäuscht habe. Ringsum gab es nichts außer Stahl und Beton, der vom Schatten
der Ölindustrie in einem schmierigen und umweltunfreundlichen Licht stand. Aber
wenigstens konnte man am Horizont die Bergkette der geliebten Rockies sichten
und seinen Blick verträumt über die verblasste Bergwand schweifen lassen. Berge
würde ich die nächsten Wochen erstmal nicht wieder zu Gesicht bekommen, da in
der Mitte von Kanada, das Höchste was man zu sehen bekommt, vielleicht ein
Müllhaufen ist. Mit diesen viel versprechenden Aussichten musste ich mich also von
dem Gipfeltraum lösen und mich mit der neuen Umgebung langsam anfreunden.
Vielleicht könnte ich ja bei einem Spaziergang am Wasser, der Stadt was
abgewinnen.
Auf dem Fußweg am Flussufer schlenderte
ich gemütlich entlang, um die fröhlichen Kinder beim Eishockeyspielen zu
beobachten. Doch selbst das stimmte mich irgendwie nicht fröhlich. Ein kurzes
blättern im Reiseführer bestätigte mein Gefühl, dass es hier nichts weiter gibt.
Ich könnte eine Industrieanlage besuchen und in einem Museum mehr über die
Stadtgeschichte erfahren, aber irgendwie konnte ich das mit meinem
Umweltbewusstsein nicht wirklich vereinbaren. Also nutze ich kontraproduktiv
noch schnell die billigen Spritpreise aus und verließ nach nur zwei Stunden
Aufenthalt die Stadt Richtung Norden.
In 300km würde ich dann Edmonton
erreichen und damit ins geschäftige Herz von Alberta eintauchen. Auf dem Weg
dahin gab es dann den ersten Vorgeschmack auf die Prärie. Auf einer geraden
Strecke, wo es nicht eine einzige Kurve gab, merkte ich deutlich wie meine
Augen langsam müde wurden vom eintönigen Landschaftsbild.
Als ich dann endlich die
Hauptstadt Albertas erreicht hatte, wurde es auch schon langsam dunkel und bei
einem Mandelmilchkaffee schmiedete ich Pläne für den nächsten Tag und ging dann
aber auch früh ins Cassie-Bettchen.
In Edmonton gab es zum Glück
wesentlich mehr zu sehen, als in Calgary. Der obligatorische Stadtspaziergang,
um einen Überblick zu bekommen, durfte am Anfang natürlich trotzdem nicht
fehlen. Bei -35°C
war es dann jedoch mehr ein Rumgehopse zwischen den Kaffeehäusern. Zwischen dem
Aufwärmen und Stärken wurden dann einige Attraktionen besucht. Zum Beispiel das
in einem Pyramidengebäude untergebrachte Conservatory, wo man Pflanzen aus
allen Klimazonen der Welt besichtigen kann
Erste Station war natürlich das
Tropenhaus, um die sich mittlerweile in Eiskristalle verwandelten Wimpern
wieder aufzutauen. Während also die vom Eis versteiften Haare sich allmählich
wieder in eine geschmeidige Fusselwolle verwandelten, schlenderte ich durch die
Pflanzenpracht und informierte mich mit dem Tour Guide über die verschiedenen
Besonderheiten von Giftpflanzen und fand heraus, ob die Ananas im Boden, am
Strauch oder als Baum wächst. (Na wer weiß es?) In der gemäßigten Klimazonen Pyramide
entdecke ich dann den neuseeländischen Weihnachtsbaum und erfreute mich über
den Duft der verschiedenen Gewürzpflanzen. Hier habe ich dann auch wieder
einmal festgestellt, wie sehr ich Biologie liebe und auch dieses verrückte
Gefühl des Vermissens vom Studium empfunden. Spätestens wenn ich wieder an der
nächsten Hausarbeit oder im Lernstress für Klausuren im April sitze, werde ich
mich für total bekloppt halten und mir den Moment des sorgenlosen Umherreisens
herbei wünschen. Aber bekanntermaßen will man ja immer genau das, was man
gerade nicht hat.
Bei Einbruch der Dunkelheit
verkrümelte ich mich dann in das größte Einkaufszentrum in Nordamerika (und 10.
größte in der Welt). Hier im Shoppingparadies, konnte man sich nicht nur
problemlos verlaufen, sondern auch gleich einen Urlaubsaufenthalt planen. Neben
der üblichen Konsumbefriedigung in den mehr als 800 Geschäften, wurde einem
auch Unterhaltung für die ganze Familie geboten. Mit einer
Freizeitschwimmhalle, mehreren Minigolfplätzen (einer wäre ja zu langweilig),
der Möglichkeit eines Bungeejump-Sprungs (den ich leider nicht ausfindig machen
konnte), einem bunten Freizeitpark mit allen erdenklichen Fahrgeschäften und
einem Spielplatz, dass auf einem Schiff, welches sich auf einer
Wasserlandschaft in der Mitte der Halle befand, wurden alle Marketing strategisch
klugen Voraussetzungen geschaffen, um die potentiellen Käufer so lange wie
möglich kauffreudig bei Laune zu halten und so lange wie möglich im Kaufrausch
zu halten. Beeindruckt von der unterhaltenden Meisterleistung, besuchte ich
einen Galerieladen und bestaunte die hübschen Kunstwerke von lokalen Künstlern.
Während ich mich in ein Landschaftsbild, welches mich extrem an Whistler
erinnerte, vertieft hatte kam ich mit einem der Verkäufer ins Gespräch. Und
fragt mich bitte nicht wie, aber eh ich mich versah, landete ich bei einem Tee
im Verkaufsbüro und er zeigte mir Bilder von seinem letzten Kubaurlaub. Etwas
von Einsamkeit der letzten Tage geplagte, hatte ich nichts gegen sozialen
Kontakt einzuwenden und schätzte auch die spontane und herzliche Einladung in
sein Haus, um so einer Nacht der frostigen Kälte zu entkommen. So freundlich
der ältere Herr auch war und wirklich sympathisch rüber kam, hatte mir
irgendein Gefühl stark davon abgeraten in die Wohnung eines wildfremden Mannes
zu gehen. Mit einem gelogenen „Vielen Dank, ich melde mich dann später!“
verabschiedete ich mich und führte meine Erkundungstour durchs Center weiter
fort.
Kurz vor Ladenschluss, suchte ich
noch ein Mobiltelefongeschäft auf, in der Hoffnung mein Handy vielleicht wieder
zum Laufen zu bringen, da es sich seit Banff geistig abwesend gemeldet hat. Als
mir dann aber mit dem stolzen Preis von 50$ eine Reparatur vorgeschlagen wurde,
entschloss ich mich der digitalen Mobilfunkwelt für die restliche Reise den
Rücken zuzuwenden. Da das Smartphone günstige 46$ gekostet hatte und ich die
vergangenen Tage eigentlich gut ohne zurecht kam, entschied ich mich gegen eine
Rehabilitation des Spielzeugs für Erwachsene und für eine mobile
Kommunikationsabstinenz. Dass ich diese Entscheidung noch bereuen würde, war
mir zu diesem unbeschwerten Reiseabschnitt nicht bewusst…
Die restliche Zeit des Abends
quartierte ich mich in einen 24 Stunden McDonalds ein und nutze die Gelegenheit
des kostenlosen Internets aus, um alle besorgten Mitmenschen mit meinen nach
Plan verlaufenden Reiseberichten zu beruhigen.
Plan? Mhm welcher Plan eigentlich?
Achjaaa die noch weit, weit weg entfernte Ostküste. Während ich das große Ziel
in östlicher Himmelsrichtung verfolgte, war der Weg dahin doch recht flexibel.
Welche Orte, Städte und Landschaften ich unterwegs besuchen würde entschied ich
immer spontan nach Bauchgefühl oder auch körperlicher Müdigkeit. Unterwegs
musste ich jedoch meine umweltfreundlichen Prinzipien teilweise leider
zurückstellen und mir eine gewisse Abhängigkeit von den großen Fastfoodketten
eingestehen. Filialen von McDonalds, Subway und anderen (in meinen Augen)
schädlichen Großkonzernen gehe ich sonst immer so gut es geht aus dem Weg und
geh meinem vegangen Kaffeeverlangen lieber in einem lokalen kleinen
Nonname-Straßencafé nach, als noch mehr Geld in den Konzernriesen Starbucks zu
investieren. Doch auf meiner Kanadadurchquerung musste ich feststellen, dass diese
mir mein Autoleben um einiges erleichtert haben. Bei den kalten Temperaturen,
hatte ich nicht wirklich die Muse stundenlang nach einem alternativen Café
Ausschau zu halten und habe mich stattdessen meistens in die warmen Hände vom
allgegenwärtigen grünen Starbuckssymbol begeben. Hier hatte ich nicht nur die
Garantie, immer meine Sojamilch zu bekommen, sondern auch die Gewissheit einer
schnellen Internetverbindung und auch den Vorzug von Steckdosen. Leider hatte
das Millionen-Kaffeehaus meistens nur bis 22 Uhr geöffnet und so musste ich
mich zur späteren Stunde in einen Fastfoodtempel begeben. Nach mehreren Städten
stellte ich frustriert fest, wie ich schon komplett auf das große gold leuchtende
M fixiert war.
Bewaffnet mit meinem Laptop, einem
zugegebenermaßen leckeren Pappbecher-Tee, würde ich hier immer einen freien
Parkplatz, saubere Toiletten, Steckdosen und das nötige Wifi finden, um meine
nächsten Stationen zu planen. Und selbst wenn der kleine Hunger zugeschlagen
hat, konnte ich mit veganen Pommes meinen Bauch zufrieden stellen. Mit meinem
Durchrauschen durchs Land, blieb leider nicht genug Zeit, um eine Stadt mit
ihren niedlichen und umweltbewussten Ecken kennenzulernen. Doch eins stand für
mich fest: Sobald ich wieder in Deutschland und im gewohnten Umfeld bin, wird
McDoof, Starbucks und Co weiterhin strikt boykottiert!
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