Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Sonntag, 2. März 2014

Von den bezaubernden Bergspitzen in die einsame McDoof-Prärie

Wieder mit den wunderschönsten Sonnenstrahlen die der heiße Planet zu bieten hatte, machte ich mich weiter Richtung Osten. Nächste Station hieß Calgary, die am schnellsten wachsende Stadt in Kanada. Gelegen in der Provinz Alberta, die nicht nur die berühmten Rocky Mountains mit ihren einzigartigen Nationalparks beherbergt, sondern auch weltweit die größten Ölvorkommen besitzt. Mit dem umstrittenen Prozess der Sandölgewinnung, hat die Stadt im Flachen Nichts an Reichtum und viele Hochhäuser gewonnen.
Der erste Eindruck war so: Na ja… Etwas verwöhnt von der Berglandschaft der letzten Wochen und Monate, konnte ich mit der flachen Prärie irgendwie nicht viel anfangen. Um einer besseren Ausblick zu erhaschen und vielleicht doch noch etwas Interessantes zu sichten, bin ich auf den Calgary-Tower gestiegen, um festzustellen, dass ich mich getäuscht habe. Ringsum gab es nichts außer Stahl und Beton, der vom Schatten der Ölindustrie in einem schmierigen und umweltunfreundlichen Licht stand. Aber wenigstens konnte man am Horizont die Bergkette der geliebten Rockies sichten und seinen Blick verträumt über die verblasste Bergwand schweifen lassen. Berge würde ich die nächsten Wochen erstmal nicht wieder zu Gesicht bekommen, da in der Mitte von Kanada, das Höchste was man zu sehen bekommt, vielleicht ein Müllhaufen ist. Mit diesen viel versprechenden Aussichten musste ich mich also von dem Gipfeltraum lösen und mich mit der neuen Umgebung langsam anfreunden. Vielleicht könnte ich ja bei einem Spaziergang am Wasser, der Stadt was abgewinnen.

Auf dem Fußweg am Flussufer schlenderte ich gemütlich entlang, um die fröhlichen Kinder beim Eishockeyspielen zu beobachten. Doch selbst das stimmte mich irgendwie nicht fröhlich. Ein kurzes blättern im Reiseführer bestätigte mein Gefühl, dass es hier nichts weiter gibt. Ich könnte eine Industrieanlage besuchen und in einem Museum mehr über die Stadtgeschichte erfahren, aber irgendwie konnte ich das mit meinem Umweltbewusstsein nicht wirklich vereinbaren. Also nutze ich kontraproduktiv noch schnell die billigen Spritpreise aus und verließ nach nur zwei Stunden Aufenthalt die Stadt Richtung Norden.









In 300km würde ich dann Edmonton erreichen und damit ins geschäftige Herz von Alberta eintauchen. Auf dem Weg dahin gab es dann den ersten Vorgeschmack auf die Prärie. Auf einer geraden Strecke, wo es nicht eine einzige Kurve gab, merkte ich deutlich wie meine Augen langsam müde wurden vom eintönigen Landschaftsbild.
Als ich dann endlich die Hauptstadt Albertas erreicht hatte, wurde es auch schon langsam dunkel und bei einem Mandelmilchkaffee schmiedete ich Pläne für den nächsten Tag und ging dann aber auch früh ins Cassie-Bettchen.

In Edmonton gab es zum Glück wesentlich mehr zu sehen, als in Calgary. Der obligatorische Stadtspaziergang, um einen Überblick zu bekommen, durfte am Anfang natürlich trotzdem nicht fehlen. Bei -35°C war es dann jedoch mehr ein Rumgehopse zwischen den Kaffeehäusern. Zwischen dem Aufwärmen und Stärken wurden dann einige Attraktionen besucht. Zum Beispiel das in einem Pyramidengebäude untergebrachte Conservatory, wo man Pflanzen aus allen Klimazonen der Welt besichtigen kann
Erste Station war natürlich das Tropenhaus, um die sich mittlerweile in Eiskristalle verwandelten Wimpern wieder aufzutauen. Während also die vom Eis versteiften Haare sich allmählich wieder in eine geschmeidige Fusselwolle verwandelten, schlenderte ich durch die Pflanzenpracht und informierte mich mit dem Tour Guide über die verschiedenen Besonderheiten von Giftpflanzen und fand heraus, ob die Ananas im Boden, am Strauch oder als Baum wächst. (Na wer weiß es?) In der gemäßigten Klimazonen Pyramide entdecke ich dann den neuseeländischen Weihnachtsbaum und erfreute mich über den Duft der verschiedenen Gewürzpflanzen. Hier habe ich dann auch wieder einmal festgestellt, wie sehr ich Biologie liebe und auch dieses verrückte Gefühl des Vermissens vom Studium empfunden. Spätestens wenn ich wieder an der nächsten Hausarbeit oder im Lernstress für Klausuren im April sitze, werde ich mich für total bekloppt halten und mir den Moment des sorgenlosen Umherreisens herbei wünschen. Aber bekanntermaßen will man ja immer genau das, was man gerade nicht hat.
Bei Einbruch der Dunkelheit verkrümelte ich mich dann in das größte Einkaufszentrum in Nordamerika (und 10. größte in der Welt). Hier im Shoppingparadies, konnte man sich nicht nur problemlos verlaufen, sondern auch gleich einen Urlaubsaufenthalt planen. Neben der üblichen Konsumbefriedigung in den mehr als 800 Geschäften, wurde einem auch Unterhaltung für die ganze Familie geboten. Mit einer Freizeitschwimmhalle, mehreren Minigolfplätzen (einer wäre ja zu langweilig), der Möglichkeit eines Bungeejump-Sprungs (den ich leider nicht ausfindig machen konnte), einem bunten Freizeitpark mit allen erdenklichen Fahrgeschäften und einem Spielplatz, dass auf einem Schiff, welches sich auf einer Wasserlandschaft in der Mitte der Halle befand, wurden alle Marketing strategisch klugen Voraussetzungen geschaffen, um die potentiellen Käufer so lange wie möglich kauffreudig bei Laune zu halten und so lange wie möglich im Kaufrausch zu halten. Beeindruckt von der unterhaltenden Meisterleistung, besuchte ich einen Galerieladen und bestaunte die hübschen Kunstwerke von lokalen Künstlern. Während ich mich in ein Landschaftsbild, welches mich extrem an Whistler erinnerte, vertieft hatte kam ich mit einem der Verkäufer ins Gespräch. Und fragt mich bitte nicht wie, aber eh ich mich versah, landete ich bei einem Tee im Verkaufsbüro und er zeigte mir Bilder von seinem letzten Kubaurlaub. Etwas von Einsamkeit der letzten Tage geplagte, hatte ich nichts gegen sozialen Kontakt einzuwenden und schätzte auch die spontane und herzliche Einladung in sein Haus, um so einer Nacht der frostigen Kälte zu entkommen. So freundlich der ältere Herr auch war und wirklich sympathisch rüber kam, hatte mir irgendein Gefühl stark davon abgeraten in die Wohnung eines wildfremden Mannes zu gehen. Mit einem gelogenen „Vielen Dank, ich melde mich dann später!“ verabschiedete ich mich und führte meine Erkundungstour durchs Center weiter fort.

Kurz vor Ladenschluss, suchte ich noch ein Mobiltelefongeschäft auf, in der Hoffnung mein Handy vielleicht wieder zum Laufen zu bringen, da es sich seit Banff geistig abwesend gemeldet hat. Als mir dann aber mit dem stolzen Preis von 50$ eine Reparatur vorgeschlagen wurde, entschloss ich mich der digitalen Mobilfunkwelt für die restliche Reise den Rücken zuzuwenden. Da das Smartphone günstige 46$ gekostet hatte und ich die vergangenen Tage eigentlich gut ohne zurecht kam, entschied ich mich gegen eine Rehabilitation des Spielzeugs für Erwachsene und für eine mobile Kommunikationsabstinenz. Dass ich diese Entscheidung noch bereuen würde, war mir zu diesem unbeschwerten Reiseabschnitt nicht bewusst…

Die restliche Zeit des Abends quartierte ich mich in einen 24 Stunden McDonalds ein und nutze die Gelegenheit des kostenlosen Internets aus, um alle besorgten Mitmenschen mit meinen nach Plan verlaufenden Reiseberichten zu beruhigen.
Plan? Mhm welcher Plan eigentlich? Achjaaa die noch weit, weit weg entfernte Ostküste. Während ich das große Ziel in östlicher Himmelsrichtung verfolgte, war der Weg dahin doch recht flexibel. Welche Orte, Städte und Landschaften ich unterwegs besuchen würde entschied ich immer spontan nach Bauchgefühl oder auch körperlicher Müdigkeit. Unterwegs musste ich jedoch meine umweltfreundlichen Prinzipien teilweise leider zurückstellen und mir eine gewisse Abhängigkeit von den großen Fastfoodketten eingestehen. Filialen von McDonalds, Subway und anderen (in meinen Augen) schädlichen Großkonzernen gehe ich sonst immer so gut es geht aus dem Weg und geh meinem vegangen Kaffeeverlangen lieber in einem lokalen kleinen Nonname-Straßencafé nach, als noch mehr Geld in den Konzernriesen Starbucks zu investieren. Doch auf meiner Kanadadurchquerung musste ich feststellen, dass diese mir mein Autoleben um einiges erleichtert haben. Bei den kalten Temperaturen, hatte ich nicht wirklich die Muse stundenlang nach einem alternativen Café Ausschau zu halten und habe mich stattdessen meistens in die warmen Hände vom allgegenwärtigen grünen Starbuckssymbol begeben. Hier hatte ich nicht nur die Garantie, immer meine Sojamilch zu bekommen, sondern auch die Gewissheit einer schnellen Internetverbindung und auch den Vorzug von Steckdosen. Leider hatte das Millionen-Kaffeehaus meistens nur bis 22 Uhr geöffnet und so musste ich mich zur späteren Stunde in einen Fastfoodtempel begeben. Nach mehreren Städten stellte ich frustriert fest, wie ich schon komplett auf das große gold leuchtende M fixiert war.
Bewaffnet mit meinem Laptop, einem zugegebenermaßen leckeren Pappbecher-Tee, würde ich hier immer einen freien Parkplatz, saubere Toiletten, Steckdosen und das nötige Wifi finden, um meine nächsten Stationen zu planen. Und selbst wenn der kleine Hunger zugeschlagen hat, konnte ich mit veganen Pommes meinen Bauch zufrieden stellen. Mit meinem Durchrauschen durchs Land, blieb leider nicht genug Zeit, um eine Stadt mit ihren niedlichen und umweltbewussten Ecken kennenzulernen. Doch eins stand für mich fest: Sobald ich wieder in Deutschland und im gewohnten Umfeld bin, wird McDoof, Starbucks und Co weiterhin strikt boykottiert!

Mit diesem Versprechen versuchte ich mein Gewissen etwas zu beruhigen und der hoffentlich unbeschwerten Weiterreise positiv entgegen zu sehen.











erst Eiskunstlaufen und danach konnte man beim Hockeytraining in der Shoppingmall zusehen

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