Und hier auf der rechten Seite
sehen sie Nichts. Wenn sie dann ihren Blick nach links wenden, dann sehen sie
auch hier das großartige Nichts. Geradeaus, meine Damen und Herren, befindet
sich das berühmte Nichts in weiter Ferne und wenn sie einen Blick nach Hinten
wagen möchten, dann können sie das bereits gesehene Nichts noch mal in der
schönsten Pracht genießen.
Ja also so in etwa gestaltete sich
meine unterhaltsame Weiterfahrt von Edmonton nach Saskatoon. Irgendwie gab es
hier… nichts. Sogar der makellose blaue Himmel hatte sich nicht mal die Mühe
gemacht mir ein paar hübsche Wolkenformen zu schenken, in denen ich meine
Fantasie hätte spielen lassen können. Autos zählen hat auch nicht wirklich Spaß
gemacht, da vielleicht alle 10 Minuten mich Mal eins überholt hat und ich bei
der Zeit schon längst vergessen hatte, bei welcher Anzahl ich war. Die gerade
Mal 15 Minuten fahrt kamen mir wie eine Ewigkeit vor und das Beobachten des
Tachostandes deprimierte mich ebenfalls. Juhu, schon ganze 20km von 300
geschafft! Ach verdammt.
Okay dann kann nur noch Musik
helfen. In vorausschauender Ahnung, hatte ich natürlich mein Telefon mit
zahlreichen Liedern aufgeladen, damit keine Langweile aufkommt und ich
wenigstens den Text ungestört falsch mitsingen kann. Aber wie bereits berichtet
hat sich mein Telefon einfach abgeschaltet. Mit einem letzten Summen und
Brummen hat es sich kurz verabschiedet und seit dem nicht mehr einschalten
lassen. Ich glaube dem Handy war bewusste, worauf es sich einlassen würde und
hat sich deswegen schon mal rechtzeitig abgemeldet, um das frostige Grauen im
spektakulären Nichts nicht miterleben zu müssen. Jaa wirklich schlau diese
smarten Telefone.
Also musste ich hier jetzt alleine
durch, wenigstens hatte das Radio noch ab und zu Mal Empfang und hat mich mit
allen möglichen Liedern aus allen Bereichen versorgt. Im Wechsel von
klassischer Violinenmusik zu den freudigsten Country-Sängern, kam dann auch Mal
ein Lied was ich kannte und halbwegs mitsingen konnte.
Mit den Worten:
“It's
funny how its the little things in life
That mean the most
Not where you live or what you drive
Or the price tag on your clothes
Theres no dollar sign on a piece of mind
This I’ve come to know”
versuchte ich die Kilometer
herunterzurattern und als das Radio dann beschlossen hat nur noch ein
Rauschkonzert von sich zu geben, blieb mir nichts anderes übrig als die Stille
zu genießen. Und genau hier fangen dann die seltsamen Gedanken an, die man nur
mit sich selbst und im Gespräch mit Cassie teilen kann. Mit den Worten des
letzten Songs im Kopf macht sich dann komische Gedanken über sich selbst, das
Leben und die Zukunft breit.
Wie im Klassiker „Verschollen - Cast
away“, als Tom Hanks sich intensiv mit dem Volleyball Wilson unterhält,
versuchte ich zusammen mit Cassie dem Lebenssinn auf den Grund zu kommen. Doch
genauso wie Wilson, war Cassie nicht sehr gesprächig und hat mich mit meinen
Gedanken mehr oder weniger alleine gelassen. So musste ich mich meinen
rhetorischen Fragen selbst stellen und blieb am Ende doch ohne Antwort, aber
dafür mit noch mehr Fragen.
Die endlosen Züge scheinen sich den unendlichen Straßen anzupassen
Meine Sicht für mehr als 1400Km durch Kanada - es gibt nicht Mal einen Baum
Irgendwann erreichte ich dann doch
wieder Zivilisation und bin in der überschaulichen Stadt Saskatoon gelandet.
Mein erster Eindruck war eher so: „Mhm…
gibt es die Stadt auch in hübsch?“ Jedoch muss ich zugeben, dass ich bei meiner
Ankunft bis auf einen Starbucks und einen Sandwichladen, nicht wirklich viel
gesehen habe. Die polaren Temperaturen haben aber auch nicht wirklich zu einem
Stadtspaziergang eingeladen, daher habe ich mich bei Einbruch der Dunkelheit,
dann auch schnell in mein gemütliches Deckenarrangement gekuschelt.
Am sonnigen Morgen, wollte ich dann
doch einen genaueren Blick auf die Stadt werfen, bevor ich sie verlasen würde.
Doch zunächst musste dringend eine Toilette aufgefunden werden, daher bin ich
schnell mit Cassie in Zentrumsnähe gefahren. Zeit zum ausgiebigen Fensterfreikratzen
blieb nicht, daher musste das kleine Guckloch auf Augenhöhe reichen und ich
wollte ja eh nur schnell einen Parkplatz in der Nähe einer Toilette finden. Und
wie es halt so ist, wird man natürlich im ungünstigsten Pippi-Moment von der
Polizei angehalten. Gerade hatte ich einen Parkplatz entdeckt und war der
erlösenden Porzellanschüssel schon ganz nah, hörte ich plötzlich an der Ampel
das geräuschvolle „Tatü tata“ vom Polizeiwagen hinter mir. Scheiße! Wat wollen
die denn jetzt von mir? Kurzer check, ob nicht doch ein anderer
Verkehrsteilnehmer gemeint ist, aber nein. Die Sirenen waren eindeutig für mich
bestimmt. Beim rechts Ranfahren rutschte ich unruhig auf meinem Fahrsitz herum
und fluchte unruhig in mich hinein: „Jetzt komm schon, ich muss gaaaaaanz
dringend auf Toilette!“ Dann endlich kam der Polizeibeamte mit seiner Fellmütze
auf mich zugetrottet und wollte natürlich erstmal alle meine Papiere haben. Mit
diesen verschwand er dann auch erstmal für eine halbe Toilettengang-Ewigkeit in
seinen Polizeiwagen. Während ich mich mit meiner schmerzenden Blase quälte,
meldete sich auch noch die bittere Kälte zu Wort und machte das Warten noch
eindeutig unangenehmer. Dann endlich kam der Polizist mit einem Papier zurück
und erklärte mir, dass meine beiden Bremslichter nicht funktionieren würden,
was in Kanada zu einer Strafe von 115$ führt. Oh mist, die funktionieren nicht?
Ahnungslos schaute ich ihn nur mit großen Augen an. Daraufhin folgten
zahlreiche Fragen von ihm.
„Wo kommst du überhaupt gerade her?“ „Was
hast du in Kanada gemacht?“ „Wo willst du jetzt noch hin?“ „Woher hast du das
Auto?“ etc.
Brav beantwortete ich ihm alle Fragen,
woraus sich dann ein kurzes Gespräch über meine Abenteuer- und Studienreise
ergab. Sichtlich beeindruckt teilte er mir dann letztendlich mit, dass ich die
Strafe nicht zahlen muss. Er hatte wohl auch mal einen deutschen
Austauschstudenten bei sich zu Hause und weiß, dass viele Regeln
unterschiedlich sind. Zudem bewundere er es, dass ich komplett alleine im
tiefsten Winter durchs Land reise, er wünschte er wäre in seinen jungen Jahren
auch so abenteuerlustig, wie ich, gewesen. Nach einer kurzen tiefsinnigen Pause
seinerseits, bemerkte er meine nicht frei gekratzten Fensterscheiben und
belehrte mich, dass ich damit für mich und alle anderen eine Gefahr im
Straßenverkehr darstelle und zeigt mir sofort, dass ich die von innen
eingefrorenen Scheiben ganz einfach mit meinem Führerschein wieder frei
bekommen würde. Geduldig hörte ich ihm natürlich zu, bis ich ihm erklärte, dass
ich eigentlich auf der dringenden Suche nach einer Toilette war und daher keine
Zeit dafür hatte. Daraufhin hatte er auch mein nervöses Rumgezappel auf dem
Sitz mitbekommen und mir noch schnell ans Herz gelegt, unbedingt die
Bremslichter zu reparieren. Dann durfte ich mit dem ungültigen Strafzettel und
der Ermahnung endlich aufs stille Örtchen gehen.
Nach dem lang ersehnten
Toilettenbesuch, entschloss ich mich sichtlich erleichtert (im doppelten Sinne)
einen Stadtspaziergang zu unternehmen. Während ich durch das Zentrum und am
Flussufer entlang schlenderte, musste ich mir eingestehen, dass mein erster
Eindruck von Saskatoon doch falsch war. Mit einem wunderschönen Park, der im
Sommer sicherlich hervorragend die drei hübschen Kirchen im alten Baustil in
einen Märchenwald verwandeln würde, erschien die Stadt in einem viel schöneren
Licht. Zu gerne hätte ich mich noch länger hier aufgehalten und die ruhige
Atmosphäre genossen, doch leider hatten sich die -35°C sogar schon durch meine
Skijacke gefressen. Wie tausend kleine Nadelstiche machte sich die Kälte auf
meiner Haut bemerkbar, sodass ich im zügigen Schritt Cassie wieder aufsuchte.
Im sicheren Auto versuchte ich dann mit steifen Fingern, die Autoschlüssel im
Zündschloss zu drehen. Beim dritten Versuch hat es dann endlich geklappt und
ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir dann auch eine Jane, die ich so noch
nie gesehen habe. Trotz schützenden Schal und Mütze, die nahezu das gesamte
Gesicht verdeckten, waren meine Wagen so rot wie eine reife Tomate. Die Haare, die
an den Seiten herausguckten, waren deutlich eingefroren und hatten ihre Farbe
von goldblond zu schneemannweiß geändert und sogar meine Wimpern waren eingefroren.
Bei jedem Wimpernschlag verrichteten meine Augenlider einen deutlichen
Arbeitsaufwand, denn immer wieder verhackten sich die Oberen mit den Unteren,
womit ich eine erschwerte Sicht hatte. Das ungewohnte Gefühl, lässt sich
ungefähr mit den von unecht angeklebten Wimpern vergleichen, wenn eine
unübliche Last auf die Augen ausgeübt wird.
Mein Schlafplatz - das einzige Bild was ich in Saskatoon machen konnte, bevor mein Akku wegen der Kälte leer war
Als Cassie zum Glück ohne Probleme
angesprungen ist, konnte ich mich an der Heizung wieder auftauen und somit die
Fahrt durch die einsame Prärie fortsetzen. Diesmal jedoch nach Süden, wo die
Hauptstadt der Provinz Saskatchewan (Schöner Zungenbrecher, wenn man versucht
die Provinz mehr als zweimal hintereinander aufzusagen) auf mich wartete.
In Regina, der Heimatstadt von Mark
McMorris (der Snowboarder, der bei den Olympischen Winterspielen in Soschi mit
einer Drittplazierung in Slopestyle die erste Bronzemedaille für Kanada geholt
hat), ging ich als aller erstes an den Wascana Lake, um beim Beinevertreten den
hübschen Park und damit die größte (und wohl einzige) Sehenswürdigkeit in der
200.000 Einwohnerstadt zu besichtigen. Und auch wenn das Städtchen recht unscheinbar
auf einen wirkt, besitzt es einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Denn die
Brücke der Albert Street, die den See überquert, ist als die längste Brücke,
die die kleinste Wassermenge überspannt, aufgeführt.
Toll, nicht wahr?
Die Welt-Rekord-Brücke
Um meine mittlerweile mal wieder bedrohlich
dem Gefrierpunkt angenäherte Köpertemperatur auf ein menschliches Niveau zu
bringen, wärmte ich mich mit einem Tee und großen Portion Nudeln in einem
Restaurant auf und beendete damit auch schon den Tag.
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