Zitat

"Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl der Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben."

Mittwoch, 5. März 2014

Die Endlosigkeit der Straßen in der unaussprechlichen Provinz

Und hier auf der rechten Seite sehen sie Nichts. Wenn sie dann ihren Blick nach links wenden, dann sehen sie auch hier das großartige Nichts. Geradeaus, meine Damen und Herren, befindet sich das berühmte Nichts in weiter Ferne und wenn sie einen Blick nach Hinten wagen möchten, dann können sie das bereits gesehene Nichts noch mal in der schönsten Pracht genießen.

Ja also so in etwa gestaltete sich meine unterhaltsame Weiterfahrt von Edmonton nach Saskatoon. Irgendwie gab es hier… nichts. Sogar der makellose blaue Himmel hatte sich nicht mal die Mühe gemacht mir ein paar hübsche Wolkenformen zu schenken, in denen ich meine Fantasie hätte spielen lassen können. Autos zählen hat auch nicht wirklich Spaß gemacht, da vielleicht alle 10 Minuten mich Mal eins überholt hat und ich bei der Zeit schon längst vergessen hatte, bei welcher Anzahl ich war. Die gerade Mal 15 Minuten fahrt kamen mir wie eine Ewigkeit vor und das Beobachten des Tachostandes deprimierte mich ebenfalls. Juhu, schon ganze 20km von 300 geschafft! Ach verdammt.
Okay dann kann nur noch Musik helfen. In vorausschauender Ahnung, hatte ich natürlich mein Telefon mit zahlreichen Liedern aufgeladen, damit keine Langweile aufkommt und ich wenigstens den Text ungestört falsch mitsingen kann. Aber wie bereits berichtet hat sich mein Telefon einfach abgeschaltet. Mit einem letzten Summen und Brummen hat es sich kurz verabschiedet und seit dem nicht mehr einschalten lassen. Ich glaube dem Handy war bewusste, worauf es sich einlassen würde und hat sich deswegen schon mal rechtzeitig abgemeldet, um das frostige Grauen im spektakulären Nichts nicht miterleben zu müssen. Jaa wirklich schlau diese smarten Telefone.
Also musste ich hier jetzt alleine durch, wenigstens hatte das Radio noch ab und zu Mal Empfang und hat mich mit allen möglichen Liedern aus allen Bereichen versorgt. Im Wechsel von klassischer Violinenmusik zu den freudigsten Country-Sängern, kam dann auch Mal ein Lied was ich kannte und halbwegs mitsingen konnte.

Mit den Worten:
“It's funny how its the little things in life
That mean the most
Not where you live or what you drive
Or the price tag on your clothes
Theres no dollar sign on a piece of mind
This I’ve come to know”


versuchte ich die Kilometer herunterzurattern und als das Radio dann beschlossen hat nur noch ein Rauschkonzert von sich zu geben, blieb mir nichts anderes übrig als die Stille zu genießen. Und genau hier fangen dann die seltsamen Gedanken an, die man nur mit sich selbst und im Gespräch mit Cassie teilen kann. Mit den Worten des letzten Songs im Kopf macht sich dann komische Gedanken über sich selbst, das Leben und die Zukunft breit.
Wie im Klassiker „Verschollen - Cast away“, als Tom Hanks sich intensiv mit dem Volleyball Wilson unterhält, versuchte ich zusammen mit Cassie dem Lebenssinn auf den Grund zu kommen. Doch genauso wie Wilson, war Cassie nicht sehr gesprächig und hat mich mit meinen Gedanken mehr oder weniger alleine gelassen. So musste ich mich meinen rhetorischen Fragen selbst stellen und blieb am Ende doch ohne Antwort, aber dafür mit noch mehr Fragen.

Die endlosen Züge scheinen sich den unendlichen Straßen anzupassen

Meine Sicht für mehr als 1400Km durch Kanada - es gibt nicht Mal einen Baum


Irgendwann erreichte ich dann doch wieder Zivilisation und bin in der überschaulichen Stadt Saskatoon gelandet.
Mein erster Eindruck war eher so: „Mhm… gibt es die Stadt auch in hübsch?“ Jedoch muss ich zugeben, dass ich bei meiner Ankunft bis auf einen Starbucks und einen Sandwichladen, nicht wirklich viel gesehen habe. Die polaren Temperaturen haben aber auch nicht wirklich zu einem Stadtspaziergang eingeladen, daher habe ich mich bei Einbruch der Dunkelheit, dann auch schnell in mein gemütliches Deckenarrangement gekuschelt.

Am sonnigen Morgen, wollte ich dann doch einen genaueren Blick auf die Stadt werfen, bevor ich sie verlasen würde. Doch zunächst musste dringend eine Toilette aufgefunden werden, daher bin ich schnell mit Cassie in Zentrumsnähe gefahren. Zeit zum ausgiebigen Fensterfreikratzen blieb nicht, daher musste das kleine Guckloch auf Augenhöhe reichen und ich wollte ja eh nur schnell einen Parkplatz in der Nähe einer Toilette finden. Und wie es halt so ist, wird man natürlich im ungünstigsten Pippi-Moment von der Polizei angehalten. Gerade hatte ich einen Parkplatz entdeckt und war der erlösenden Porzellanschüssel schon ganz nah, hörte ich plötzlich an der Ampel das geräuschvolle „Tatü tata“ vom Polizeiwagen hinter mir. Scheiße! Wat wollen die denn jetzt von mir? Kurzer check, ob nicht doch ein anderer Verkehrsteilnehmer gemeint ist, aber nein. Die Sirenen waren eindeutig für mich bestimmt. Beim rechts Ranfahren rutschte ich unruhig auf meinem Fahrsitz herum und fluchte unruhig in mich hinein: „Jetzt komm schon, ich muss gaaaaaanz dringend auf Toilette!“ Dann endlich kam der Polizeibeamte mit seiner Fellmütze auf mich zugetrottet und wollte natürlich erstmal alle meine Papiere haben. Mit diesen verschwand er dann auch erstmal für eine halbe Toilettengang-Ewigkeit in seinen Polizeiwagen. Während ich mich mit meiner schmerzenden Blase quälte, meldete sich auch noch die bittere Kälte zu Wort und machte das Warten noch eindeutig unangenehmer. Dann endlich kam der Polizist mit einem Papier zurück und erklärte mir, dass meine beiden Bremslichter nicht funktionieren würden, was in Kanada zu einer Strafe von 115$ führt. Oh mist, die funktionieren nicht? Ahnungslos schaute ich ihn nur mit großen Augen an. Daraufhin folgten zahlreiche Fragen von ihm.
„Wo kommst du überhaupt gerade her?“ „Was hast du in Kanada gemacht?“ „Wo willst du jetzt noch hin?“ „Woher hast du das Auto?“ etc.
Brav beantwortete ich ihm alle Fragen, woraus sich dann ein kurzes Gespräch über meine Abenteuer- und Studienreise ergab. Sichtlich beeindruckt teilte er mir dann letztendlich mit, dass ich die Strafe nicht zahlen muss. Er hatte wohl auch mal einen deutschen Austauschstudenten bei sich zu Hause und weiß, dass viele Regeln unterschiedlich sind. Zudem bewundere er es, dass ich komplett alleine im tiefsten Winter durchs Land reise, er wünschte er wäre in seinen jungen Jahren auch so abenteuerlustig, wie ich, gewesen. Nach einer kurzen tiefsinnigen Pause seinerseits, bemerkte er meine nicht frei gekratzten Fensterscheiben und belehrte mich, dass ich damit für mich und alle anderen eine Gefahr im Straßenverkehr darstelle und zeigt mir sofort, dass ich die von innen eingefrorenen Scheiben ganz einfach mit meinem Führerschein wieder frei bekommen würde. Geduldig hörte ich ihm natürlich zu, bis ich ihm erklärte, dass ich eigentlich auf der dringenden Suche nach einer Toilette war und daher keine Zeit dafür hatte. Daraufhin hatte er auch mein nervöses Rumgezappel auf dem Sitz mitbekommen und mir noch schnell ans Herz gelegt, unbedingt die Bremslichter zu reparieren. Dann durfte ich mit dem ungültigen Strafzettel und der Ermahnung endlich aufs stille Örtchen gehen.

Nach dem lang ersehnten Toilettenbesuch, entschloss ich mich sichtlich erleichtert (im doppelten Sinne) einen Stadtspaziergang zu unternehmen. Während ich durch das Zentrum und am Flussufer entlang schlenderte, musste ich mir eingestehen, dass mein erster Eindruck von Saskatoon doch falsch war. Mit einem wunderschönen Park, der im Sommer sicherlich hervorragend die drei hübschen Kirchen im alten Baustil in einen Märchenwald verwandeln würde, erschien die Stadt in einem viel schöneren Licht. Zu gerne hätte ich mich noch länger hier aufgehalten und die ruhige Atmosphäre genossen, doch leider hatten sich die -35°C sogar schon durch meine Skijacke gefressen. Wie tausend kleine Nadelstiche machte sich die Kälte auf meiner Haut bemerkbar, sodass ich im zügigen Schritt Cassie wieder aufsuchte. Im sicheren Auto versuchte ich dann mit steifen Fingern, die Autoschlüssel im Zündschloss zu drehen. Beim dritten Versuch hat es dann endlich geklappt und ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir dann auch eine Jane, die ich so noch nie gesehen habe. Trotz schützenden Schal und Mütze, die nahezu das gesamte Gesicht verdeckten, waren meine Wagen so rot wie eine reife Tomate. Die Haare, die an den Seiten herausguckten, waren deutlich eingefroren und hatten ihre Farbe von goldblond zu schneemannweiß geändert und sogar meine Wimpern waren eingefroren. Bei jedem Wimpernschlag verrichteten meine Augenlider einen deutlichen Arbeitsaufwand, denn immer wieder verhackten sich die Oberen mit den Unteren, womit ich eine erschwerte Sicht hatte. Das ungewohnte Gefühl, lässt sich ungefähr mit den von unecht angeklebten Wimpern vergleichen, wenn eine unübliche Last auf die Augen ausgeübt wird.

Mein Schlafplatz - das einzige Bild was ich in Saskatoon machen konnte, bevor mein Akku wegen der Kälte leer war


Als Cassie zum Glück ohne Probleme angesprungen ist, konnte ich mich an der Heizung wieder auftauen und somit die Fahrt durch die einsame Prärie fortsetzen. Diesmal jedoch nach Süden, wo die Hauptstadt der Provinz Saskatchewan (Schöner Zungenbrecher, wenn man versucht die Provinz mehr als zweimal hintereinander aufzusagen) auf mich wartete.

In Regina, der Heimatstadt von Mark McMorris (der Snowboarder, der bei den Olympischen Winterspielen in Soschi mit einer Drittplazierung in Slopestyle die erste Bronzemedaille für Kanada geholt hat), ging ich als aller erstes an den Wascana Lake, um beim Beinevertreten den hübschen Park und damit die größte (und wohl einzige) Sehenswürdigkeit in der 200.000 Einwohnerstadt zu besichtigen. Und auch wenn das Städtchen recht unscheinbar auf einen wirkt, besitzt es einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Denn die Brücke der Albert Street, die den See überquert, ist als die längste Brücke, die die kleinste Wassermenge überspannt, aufgeführt.
Toll, nicht wahr?


Die Welt-Rekord-Brücke




Um meine mittlerweile mal wieder bedrohlich dem Gefrierpunkt angenäherte Köpertemperatur auf ein menschliches Niveau zu bringen, wärmte ich mich mit einem Tee und großen Portion Nudeln in einem Restaurant auf und beendete damit auch schon den Tag.

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